Was wird behauptet?
In sozialen Netzwerken und Diskussionsforen kursiert eine Balkengrafik mit dem Titel "Ausgewählte Straftaten Deutsche vs. Zuwanderer (2016-2022)". Sie stellt drei Deliktgruppen gegenüber und vergleicht jeweils zwei Täter-Opfer-Konstellationen: einen Tatverdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit und ein Opfer aus der Gruppe der Zuwanderer (blau) gegen einen tatverdächtigen Zuwanderer und ein deutsches Opfer (orange).
Die Zahlen lauten: vollendete Tötungsdelikte 17 gegen 191, "versuchte" Tötungsdelikte 329 gegen 930, Sexualstraftaten 733 gegen 19.097. Als Quelle nennt die Grafik das Bundeskriminalamt, konkret die Bundeslagebilder "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung" der Jahre 2016 bis 2022. Die Botschaft ist deutlich: Von Zuwanderern gehe eine vielfach höhere Gefahr aus.

Wir haben alle sieben Berichte heruntergeladen und die genannten Tabellen Jahr für Jahr nachgelesen. Das Ergebnis: Die meisten Einzelzahlen sind echt. Zusammengesetzt ergeben sie trotzdem ein verzerrtes Bild.
Faktencheck
Was "Zuwanderer" hier überhaupt bedeutet
Der erste Punkt steht schon im Kleingedruckten der BKA-Berichte. "Zuwanderer" ist dort keine Sammelbezeichnung für Migranten oder Ausländer. Der Bericht 2022 definiert die Gruppe als Personen mit dem Aufenthaltsanlass "Asylbewerber", "Schutzberechtigte und Asylberechtigte, Kontingentflüchtling", "Duldung" oder "unerlaubter Aufenthalt".
Das ist eine enge Teilmenge. EU-Bürger, Arbeitsmigranten, Studierende und eingebürgerte Personen fallen alle heraus. Es geht ausschließlich um den Fluchtmigrations- und Asylkontext. Ihr Anteil an allen Tatverdächtigen in Deutschland lag 2022 bei 7,4 Prozent, ihr Anteil an allen Opfern bei 4,9 Prozent. Wer die Grafik als Aussage über "die Migranten" oder gar "die Ausländer" liest, hat die Kategorie schon falsch verstanden.
Die "versucht"-Balken sind doppelt gezählt
Der gravierendste handwerkliche Fehler steckt in den mittleren Balken. Die BKA-Berichte nennen je Jahr eine Zahl von Opfern eines Tötungsdelikts und weisen darin gesondert aus, wie viele davon vollendet wurden. Formuliert ist das immer als "X Opfer, davon Y vollendet".
Die Grafik nimmt dieses X und beschriftet es als "versucht". Tatsächlich ist X aber die Summe aus versuchten und vollendeten Taten. Die Folge: Die als "vollendet" gezeigten 191 Fälle stecken in den als "versucht" gezeigten 930 Fällen bereits drin. Wer beide Balken nebeneinander liest, zählt dieselben vollendeten Tötungen zweimal. Die Zahl der echten Versuche mit deutschem Opfer liegt nicht bei 930, sondern bei 930 minus 191, also 739.
Mehr als die Hälfte einer Spitzenzahl ist ein einziger Anschlag
Die 191 vollendeten Tötungen mit deutschem Opfer und tatverdächtigem Zuwanderer sind real. Aber sie verteilen sich nicht gleichmäßig über sieben Jahre. Allein 102 davon entfallen auf das Berichtsjahr 2018.
Der Grund steht im Bericht 2018 selbst: Es ist der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vom 19. Dezember 2016, der nach den Erfassungsregeln der Polizeilichen Kriminalstatistik erst 2018 in diese Statistik einfloss. Alle Opfer dieses einen Anschlags, die Getöteten ebenso wie die vielen Verletzten, wurden nach den Zählregeln als Opfer eines vollendeten Tötungsdelikts erfasst. Ohne dieses Ereignis sinkt die Siebenjahressumme von 191 auf 89.
Das macht den Anschlag nicht weniger schlimm. Aber eine Grafik, die ein einzelnes Großereignis still in eine Jahresreihe einrechnet und daraus ein dauerhaftes Muster macht, führt in die Irre.
Das Gruppengrößen-Problem kippt die Aussage
Der entscheidende Denkfehler ist die fehlende Bezugsgröße. Die Grafik vergleicht absolute Fallzahlen zwischen zwei völlig unterschiedlich großen Gruppen. Es gibt in Deutschland rund 72 Millionen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit, aber im Schnitt der Jahre 2016 bis 2021 nur etwa 1,5 bis 1,7 Millionen "Zuwanderer" im engen BKA-Sinn. Das Verhältnis der Gruppengrößen liegt damit bei rund 44 zu 1.
Was bedeutet das? Selbst wenn beide Gruppen pro Kopf exakt gleich häufig Gewalt gegen die jeweils andere Gruppe ausüben würden, müsste "Zuwanderer-Täter gegen deutsches Opfer" allein wegen der viel größeren deutschen Opfergruppe etwa 44-mal häufiger vorkommen als umgekehrt. Die Grafik zeigt aber Verhältnisse von rund 11 zu 1 bei vollendeten Tötungen und 26 zu 1 bei Sexualstraftaten. Beide liegen deutlich unter dem Faktor 44, den man schon aus den Gruppengrößen erwarten würde.
Sauber normiert belegen diese Zahlen also gerade nicht die behauptete erhöhte Pro-Kopf-Gefährdung zwischen den Gruppen. Sie sind mit einer unterdurchschnittlichen Rate vereinbar.
Nur die Ränder, nicht das Bild
Die Grafik zeigt ausschließlich die beiden Konstellationen zwischen den Gruppen. Sie unterschlägt, dass die allermeisten Gewalt- und Sexualdelikte innerhalb der Gruppen passieren, also Deutsche gegen Deutsche. Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet pro Jahr rund 2.700 bis 3.000 Straftaten gegen das Leben insgesamt, über sieben Jahre also etwa 20.000. Aus dieser Gesamtmenge greift die Grafik die wenigen Hundert Fälle zwischen den Gruppen heraus und blendet den Rest aus.
Der Sexualstraftaten-Balken vergleicht zwei verschiedene Zähldefinitionen
Bei den 19.097 Sexualstraftaten kommt ein weiteres Problem hinzu. Ende 2016 wurde das Sexualstrafrecht reformiert ("Nein heißt Nein", Neufassung des Paragrafen 177, neue Tatbestände der sexuellen Belästigung). Der Bericht 2017 hält ausdrücklich fest, dass die Zunahme von 2016 auf 2017 "aufgrund der Reform des Sexualstrafrechts nicht aussagekräftig" sei. Taten, die vorher als Beleidigung erfasst wurden, zählen seither als Sexualdelikt. Eine über die Jahre aufaddierte Zahl vermischt damit zwei verschiedene Zählweisen.
Wo die Grafik recht behält
Fairerweise: Die Einzelwerte für die vollendeten Tötungen mit deutschem Opfer (191) und für die Sexualstraftaten mit deutschem Opfer (Größenordnung) ließen sich in den Berichten weitgehend wiederfinden. Es handelt sich nicht um frei erfundene Zahlen. Der Wert 17 für vollendete Tötungen mit Zuwanderer-Opfer ließ sich nicht exakt reproduzieren, unsere Summe ergab 20. Den genauen Sexualwert 19.097 konnten wir nicht vollständig nachrechnen, weil der Bericht 2020 in dieser Konstellation keinen Sexualwert ausweist.
Dass junge Männer im Asylkontext in der Statistik überrepräsentiert sind, ist ebenfalls real. Das BKA führt das vor allem auf die Demografie zurück: Tatverdächtige Zuwanderer sind zu rund 84 Prozent männlich und zu 57 Prozent unter 30 Jahre alt, also genau die Altersgruppe, die in jeder Bevölkerung kriminologisch am stärksten belastet ist. Wie stark dieser Effekt wirkt, zeigt ein Detail aus 2022: Ukrainische Geflüchtete stellten 35 Prozent aller aufhältigen Geflüchteten, aber nur 6,5 Prozent der tatverdächtigen Zuwanderer, weil es überwiegend Frauen und Kinder waren.
Warum Alter, Geschlecht, Wohnort und Erfassungspraxis Kriminalstatistiken so stark verzerren, ist ausführlich im Faktencheck "Kriminalität bei Ausländern und Deutschen" beschrieben.
Fazit
Die Grafik ist irreführend. Sie nutzt echte BKA-Zahlen, setzt sie aber falsch zusammen: Die "versucht"-Balken sind in Wahrheit Gesamtzahlen und zählen die vollendeten Taten ein zweites Mal mit. Über die Hälfte der auffälligsten Zahl besteht aus einem einzigen Anschlag. Und der ganze Vergleich ignoriert, dass Deutsche als Opfergruppe rund vierzigmal größer sind als die enge Kategorie "Zuwanderer", weshalb höhere absolute Zahlen in eine Richtung statistisch zu erwarten sind und keine erhöhte Pro-Kopf-Gefahr belegen.
Wer absolute Fallzahlen ungleich großer Gruppen nebeneinanderstellt, ohne Bezugsgröße, ohne die Erfassungsregeln und ohne die Definition der Begriffe, kann mit echten Zahlen ein falsches Bild zeichnen. Genau das passiert hier.