Was wird behauptet?
In Diskussionen über Migration und Sozialstaat taucht regelmäßig dieselbe Zahl auf: Die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger seien Ausländer. Daraus wird der Schluss gezogen, hier finde eine "Einwanderung in das Sozialsystem" statt, Deutschland sei "kein Wohlfahrtsverein". AfD-Abgeordnete wie Petr Bystron und Nicole Höchst verbreiteten dazu sogar Grafiken, die suggerierten, 59 Prozent der Bezieher seien Ukrainer und nur 5,3 Prozent Deutsche.
Der Kern dieser Behauptung, dass rund die Hälfte der Bürgergeld-Bezieher keinen deutschen Pass hat, ist nicht erfunden. Die Frage ist, was diese Zahl bedeutet und was die Deutung weglässt. Die kursierende 59-Prozent-Grafik ist dagegen schlicht falsch, dazu gleich mehr.
Die Fakten
Stimmt die Zahl?
Ungefähr ja, aber sie wird gern auf den Kopf gestellt. Nach dem Migrationsmonitor der Bundesagentur für Arbeit (Stand Mai 2025) sind mehr als die Hälfte der Bürgergeld-Beziehenden Deutsche, nämlich rund 2,8 Millionen Menschen oder gut 52 Prozent. Auf Menschen ohne deutschen Pass entfällt also knapp die Hälfte. "Die Hälfte sind Ausländer" und "mehr als die Hälfte sind Deutsche" beschreiben dieselbe Statistik.
Die kursierenden Grafiken mit den 59 Prozent verwechseln zwei völlig verschiedene Dinge: den Anteil einer Gruppe an allen Beziehern und die Bezugsquote innerhalb einer Gruppe. Dass rund 65 Prozent der in Deutschland lebenden Ukrainer Bürgergeld beziehen, heißt eben nicht, dass Ukrainer 65 Prozent aller Bezieher stellen. Tatsächlich machen sie rund 13 Prozent aus.
Warum der Ausländeranteil so hoch ist
Der entscheidende Punkt steht in keiner der Empörungsgrafiken: Der hohe Ausländeranteil ist zu einem großen Teil das Ergebnis einer politischen Entscheidung, nicht eines Zuwanderungssogs. Seit Juni 2022 erhalten ukrainische Geflüchtete Bürgergeld statt Asylbewerberleistungen. Mit diesem "Rechtskreiswechsel" wanderten auf einen Schlag mehrere Hunderttausend Menschen aus einer Statistik (Asylbewerberleistungen) in die andere (Bürgergeld). Wer dieselben Menschen vorher unter "Asyl" gezählt hätte, würde sie jetzt unter "Bürgergeld" finden. Die Bundesregierung dreht diese Entscheidung inzwischen wieder zurück: Wer nach dem 1. April 2025 eingereist ist, soll erneut die niedrigeren Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommen.
Die hohe Bürgergeld-Quote unter Ukrainern erklärt sich aus der Lebenslage, nicht aus Anreizen: Sie sind erst seit dem russischen Angriffskrieg 2022 hier, mehr als die Hälfte sind Frauen, viele alleinerziehend, dazu kommen Sprachbarrieren und Wohnsitzauflagen in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit. Das ist das typische Startprofil einer kürzlich angekommenen Fluchtbewegung, kein Beleg für eine Wanderung ins Sozialsystem.
"Empfänger" heißt nicht "arbeitslos und untätig"
Die Deutung lebt von einem Bild, das mit den Zahlen nichts zu tun hat: der erwachsene Ausländer, der Bürgergeld kassiert und nicht arbeitet. Die Aufschlüsselung der Bundesagentur für Arbeit (Stand August 2025) zeigt ein anderes Bild. Von 5,3 Millionen Leistungsberechtigten sind 1,4 Millionen gar nicht erwerbsfähig, davon 97 Prozent Kinder unter 15 Jahren, die im Bürgergeld definitionsgemäß nicht als erwerbsfähig gelten. Die übrigen Altersgruppen zählen ab 15 zu den 3,9 Millionen Erwerbsfähigen, und auch dort ist "Empfänger" nicht gleich "untätig": Rund 800.000 arbeiten bereits und verdienen nur zu wenig zum Leben ("Aufstocker"), 430.000 sind in Schule oder Ausbildung, 460.000 in Maßnahmen und Fortbildung, 270.000 erziehen Kinder oder pflegen Angehörige.
| arbeitslos gemeldet | erwerbstätig (Aufstocker) | in Maßnahmen | Schule oder Ausbildung | erziehen oder pflegen | |
|---|---|---|---|---|---|
| Personen | 2 Tsd. | 800 | 460 | 430 | 270 |
Wer all das unter "die kassieren" zusammenfasst, rechnet Kinder, Auszubildende und arbeitende Geringverdiener zu Drückebergern um.
Wichtig ist, was diese Aufschlüsselung nicht zeigt: Sie trennt nach Status, nicht nach Pass. Dass sowohl der Ausländeranteil als auch die als arbeitslos gemeldete Gruppe jeweils bei knapp der Hälfte liegen, ist ein Zahlen-Zufall, kein Zusammenhang. Wer beides gleichsetzt und schließt, die Arbeitslosen seien eben die Ausländer, multipliziert zwei Werte, die nichts miteinander zu tun haben. Was die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hergeben, spricht klar gegen das Arbeitslosen-Bild: Von den rund 2,57 Millionen Beziehern ohne deutschen Pass sind etwa 700.000 gar nicht erwerbsfähig, fast durchweg Kinder, also rund jeder Vierte. Die übrigen knapp 1,9 Millionen stellen rund 47 Prozent aller Erwerbsfähigen, einer Gruppe, die selbst nur zu knapp der Hälfte überhaupt arbeitslos gemeldet ist. Wie genau sich diese Ausländer auf Arbeitslose, Aufstocker, Schüler und Pflegende verteilen, weist die amtliche Statistik gar nicht aus, und eben deshalb belegt sie auch nicht, dass "die Ausländer die Arbeitslosen" wären.
Hält Bürgergeld von Arbeit ab?
Die These hinter dem "Sozialmagnet"-Vorwurf, das Bürgergeld locke und halte Menschen in der Untätigkeit, ist empirisch schwach. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt zu dem Schluss, dass das Bürgergeld Migranten nicht von der Arbeitsaufnahme abhält. Passend dazu steigt die Erwerbstätigenquote von Geflüchteten mit der Aufenthaltsdauer deutlich, auf im Schnitt rund 62 Prozent nach sieben Jahren. Den Befund, dass Zuwanderer arbeiten wollen und der Einstieg vor allem an Aufenthaltsstatus, Anerkennung und Bürokratie hängt, haben wir in Migranten arbeiten nicht? ausführlich belegt.
Wahrer Kern
Der wahre Kern ist real und sollte nicht weggeredet werden: Menschen ohne deutschen Pass beziehen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überdurchschnittlich oft Bürgergeld. Das hat nachvollziehbare Gründe, die mit der Zusammensetzung der Zuwanderung zu tun haben: ein hoher Anteil Fluchtmigration der letzten zehn Jahre, kurze Aufenthaltsdauer, anfängliche Arbeitsverbote, fehlende Anerkennung von Abschlüssen, Sprache. Genau diese Faktoren, nicht die Staatsangehörigkeit, entscheiden über den Bezug. Sie sind auch der politische Hebel: Je schneller Menschen arbeiten dürfen und können, desto schneller sinkt die Quote. Wie sich die Kostenfrage insgesamt auflöst, sobald man Einzahlungen gegenrechnet, steht in Kostet uns die Migration Milliarden?.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Die nackte Zahl trifft ungefähr zu, knapp die Hälfte der Bürgergeld-Beziehenden hat keinen deutschen Pass. Die Deutung "Einwanderung ins Sozialsystem" hält der Statistik aber nicht stand: Mehr als die Hälfte sind Deutsche, der Ausländeranteil wird wesentlich durch die politische Entscheidung getrieben, ukrainische Geflüchtete seit 2022 ins Bürgergeld zu nehmen, und unter den Beziehern sind Kinder, Auszubildende und arbeitende Aufstocker. Wer die eine Zahl in den Raum stellt und die Zusammensetzung dahinter weglässt, will nicht informieren, sondern ein Feindbild bestätigen.