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Alte Gastarbeiter als Leistungsträger, junge Geflüchtete als Last?

Erwerbsbeteiligung neu Zugewanderter im Vergleich zu früheren Gastarbeitern

Irreführend
Inhalt

Was wird behauptet?

In sozialen Medien und in migrationspolitischen Debatten taucht regelmäßig eine Zweiteilung auf: Die Gastarbeiter, die vor Jahrzehnten als Arbeitskräfte kamen, und ihre Nachkommen trügen die Hauptlast, während die jungen Männer, die in den letzten Jahren zugewandert seien, "auf Kosten der Steuerzahler" lebten.

Die Aussage hat zwei Teile. Der erste würdigt die Erwerbsleistung früher Zugewanderter. Der zweite, eigentliche Vorwurf erklärt die zuletzt Angekommenen pauschal zu einer dauerhaften Last für den Sozialstaat. Genau dieser zweite Teil hält der Datenlage nicht stand.

Faktencheck

Der wahre Kern

Richtig ist: Wer gerade erst angekommen ist, arbeitet seltener und bezieht häufiger Sozialleistungen. Im Dezember 2025 lag die Beschäftigungsquote von Menschen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern laut Mediendienst Integration bei 50,7 Prozent, deutlich unter den 69,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Sozialleistungsquote dieser Gruppe lag bei 40,5 Prozent.

Diese Momentaufnahme ist der Anknüpfungspunkt der Behauptung. Sie verschweigt aber, was mit der Aufenthaltsdauer passiert.

Die Erwerbsquote steigt steil mit den Jahren

Die niedrige Quote ist kein Dauerzustand, sondern der Startpunkt einer Kurve, die nach oben zeigt. Die Verlaufsdaten des Mediendienstes auf Basis der IAB-Forschung zeigen für Geflüchtete:

  • nach einem Jahr rund 7 Prozent,
  • nach sechs Jahren 54 Prozent,
  • nach sieben Jahren 62 Prozent,
  • die Kohorte von 2015 erreichte 2025 rund 64 Prozent.

Anders gesagt: Die "jungen Männer der letzten Jahre" sind genau die Gruppe, die noch am Anfang dieser Kurve steht. Sie an ihrem Startwert zu messen und daraus einen dauerhaften Charakter abzuleiten, dreht den Befund um.

Männer holen am stärksten auf

Besonders deutlich wird das bei den Männern, also der Gruppe, um die es im Vorwurf ausdrücklich geht. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) waren von den 2015 zugewanderten Männern 2024 bereits 76 Prozent erwerbstätig.

Damit liegen sie laut IAB-Kurzbericht 17/2025 bereits leicht über dem Durchschnitt der Männer in der Gesamtbevölkerung. Der Bericht hält fest, dass geflüchtete Männer inzwischen sogar etwas häufiger beschäftigt sind als Männer im Bevölkerungsdurchschnitt. Die niedrigere Gesamtquote aller Geflüchteten erklärt sich vor allem über die Erwerbsbeteiligung der Frauen, die mit 35 Prozent deutlich zurückbleibt, oft wegen Kinderbetreuung. Das ist eine reale Lücke, betrifft aber nicht die im Vorwurf genannten jungen Männer.

Was bedeutet das fiskalisch?

"Auf Kosten der Steuerzahler" ist zunächst eine Aussage über die Bilanz aus eingezahlten Steuern und Beiträgen einerseits und bezogenen Leistungen andererseits. In den ersten Jahren nach der Ankunft ist diese Bilanz negativ, das ist unstrittig. Über den Lebensverlauf sieht es anders aus.

Eine Expertise von Martin Werding für den Mediendienst Integration kommt zu dem Ergebnis, dass höhere Zuwanderung die öffentlichen Haushalte langfristig entlastet, weil sie der demografischen Alterung entgegenwirkt. Eine ältere Berechnung von Bernd Raffelhüschen, die diese Wachstumseffekte nicht einrechnet, kommt dagegen zu einer Belastung. Die fiskalische Bilanz hängt also stark vom Integrationstempo und von der Berechnungsmethode ab. Eine pauschale Aussage, eine ganze Zuwanderungsgruppe "lebe auf Kosten der Steuerzahler", lässt sich aus keiner dieser Studien ableiten.

Warum die Gegenüberstellung "alt gegen neu" in die Irre führt

Der Vergleich mit den früheren Gastarbeitern wirkt auf den ersten Blick plausibel, ist aber ein Trugschluss. Dass eine Sammelstatistik über alle Migranten positiv ausfällt, liegt natürlich auch daran, dass die seit Jahrzehnten etablierten Kohorten den Schnitt nach oben ziehen. Daraus folgt aber nicht, dass die zuletzt Angekommenen dauerhaft eine Last bleiben. Auch die Gastarbeiter der 1960er- und 1970er-Jahre hatten am Anfang niedrige Quoten in qualifizierter Beschäftigung und galten in der damaligen Debatte als Belastung. Dass sie heute als Leistungsträger erscheinen, ist das Ergebnis von Jahrzehnten der Integration, nicht eines anderen Charakters. Die heute "jungen Männer der letzten Jahre" durchlaufen dieselbe Kurve. Sie mit einem Endzustand zu vergleichen, den die Vergleichsgruppe erst über Jahrzehnte erreicht hat, ist kein fairer Maßstab.

Hinzu kommt, dass viele neu Zugewanderte in den ersten Monaten gar nicht arbeiten dürfen. Warum rechtliche Hürden, Wartezeiten und Anerkennungsverfahren den Einstieg bremsen, ist im Faktencheck "Migranten arbeiten nicht?" ausführlich beschrieben. Wie sich Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund in den Sozialstatistiken unterscheiden, ordnet der Faktencheck "Ist die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger ausländisch?" ein. Und die Frage, was Geflüchtete das Gesundheits- und Sozialsystem kosten, behandelt der Faktencheck zu "Sichert: Migrationskosten im Gesundheitssystem".

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Ihr wahrer Kern ist eine Momentaufnahme: Zuletzt Zugewanderte arbeiten seltener und beziehen häufiger Sozialleistungen. Daraus wird aber ein Dauerzustand konstruiert, der den Daten widerspricht. Die Erwerbsquote steigt mit der Aufenthaltsdauer steil an, und gerade die Männer, um die es im Vorwurf geht, erreichen nach einigen Jahren das Niveau der deutschen Bevölkerung oder übertreffen es.

Wer die zuletzt Angekommenen an ihrem Startwert misst und sie dann den seit Jahrzehnten etablierten Gastarbeitern gegenüberstellt, vergleicht zwei verschiedene Phasen desselben Weges und zieht daraus einen falschen Schluss.