Was wird behauptet?
In Migrationsdebatten kursiert eine Grafik des Magazins The Economist mit dem Titel "It's complicated". Sie zeigt den durchschnittlichen Nettobeitrag zu den dänischen Staatsfinanzen nach Alter und Herkunft für das Jahr 2018. Vier Linien: Menschen dänischer Herkunft, andere westliche Migranten, Migranten aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Pakistan und der Türkei (MENAPT) sowie andere nicht-westliche Migranten. Im erwerbsfähigen Alter liegen Dänen und westliche Migranten im Plus, die beiden nicht-westlichen Gruppen überwiegend im Minus.

Daraus wird ein doppeltes Argument gebaut: Erstens beweise die Grafik, dass Migration keine "Bereicherung" sei, sondern ein finanzieller Verlust. Zweitens habe Dänemark, anders als Deutschland, diese Daten überhaupt erst erheben können, während die Bundesregierung eine solche Berechnung "als nicht erhebbar erklärt" habe.
Beide Teile halten der Prüfung nicht stand. Die Grafik selbst ist echt. Das macht den Schluss, den man aus ihr zieht, aber nicht richtig.
Faktencheck
Die Grafik ist echt, ihre Quelle auch
Fangen wir mit dem an, was stimmt. Die Grafik ist authentisch und korrekt wiedergegeben. Die Daten stammen vom dänischen Finanzministerium, aus der Analyse "Indvandreres nettobidrag til de offentlige finanser i 2018" vom 15. Oktober 2021. Für 2018 weist sie aus: Einwanderer und Nachkommen zusammen minus 24 Milliarden Kronen, davon nicht-westliche minus 31 Milliarden, MENAPT minus 24 Milliarden.
Dass nicht-westliche Migranten in Dänemark 2018 im Durchschnitt eine negative Bilanz hatten, ist also keine Erfindung. Wer die Debatte ernst nimmt, sollte das auch nicht bestreiten. Entscheidend ist, was die Grafik darüber hinaus eben nicht sagt.
In derselben Grafik sind westliche Migranten im Plus
Der erste Widerspruch steckt in der Grafik selbst. Die westlichen Migranten und ihre Nachkommen lieferten 2018 einen positiven Nettobeitrag, plus 7 Milliarden Kronen. Wenn Migration als solche ein Verlustgeschäft wäre, dürfte diese Linie nicht im Plus liegen.
Der dazugehörige Economist-Artikel benennt den Grund klar. Der Unterschied liegt nicht in der Herkunft oder der Religion, sondern darin, wie und warum jemand ins Land kam. Über die Hälfte der nicht-westlichen Migranten kam als Asylsuchende oder über Familiennachzug, mit entsprechend schwierigem Start am Arbeitsmarkt. Der Treiber der Bilanz ist die Beschäftigungsquote, nicht der Pass. Der Titel "It's complicated" ist Programm. Der Artikel ist im Übrigen ein kritisches Porträt der dänischen Hardliner-Politik, kein Beleg gegen Migration.
Auch Dänen sind die meiste Zeit im Minus
Der zweite Punkt ist der wichtigste und wird beim Lesen der Grafik fast immer übersehen. Jede der vier Linien folgt demselben Muster: In der Kindheit und im Alter ist der Beitrag negativ, nur im erwerbsfähigen Alter positiv. Auch die Linie der dänischstämmigen Bevölkerung stürzt im Rentenalter tief ins Minus.
Das ist kein Migrationseffekt, sondern der Normalfall jeder Bevölkerung. Kinder kosten Bildung, alte Menschen kosten Rente, Pflege und Gesundheit, finanziert wird das von den Erwerbstätigen dazwischen. Diese Lebenszyklus-Logik ist in der Wirtschaftsforschung als "National Transfer Accounts" gut belegt. Aus einer negativen Linie folgt also für sich genommen nichts Besonderes. Auch ein dänischer Rentner "kostet" in dieser Rechnung.
Es sind Durchschnitte, keine Aussagen über Personen
Die Grafik zeigt Gruppenmittelwerte inklusive der Nachkommen. Aus einem negativen Durchschnitt folgt nicht, dass eine konkrete Person ein Verlust ist. Das ist ein klassischer ökologischer Fehlschluss. Auch in den negativ bilanzierenden Gruppen ist ein erheblicher Teil der Menschen netto positiv. Jede erwerbstätige Person mit ordentlichem Einkommen zahlt mehr ein als sie erhält, unabhängig von der Herkunft.
Für Deutschland gibt es sehr wohl Daten
Bleibt die Behauptung, für Deutschland sei eine solche Bilanz "nicht erhebbar". Das ist falsch.
Es gibt mehrere Studien. Die Untersuchung von Holger Bonin für das ZEW und die Bertelsmann Stiftung errechnete, dass jeder der rund 6,6 Millionen Ausländer 2012 im Schnitt 3.300 Euro pro Jahr mehr an Steuern und Beiträgen einzahlte als er an Leistungen bezog. Eine Expertise von Martin Werding, Mitglied im Sachverständigenrat, kommt für 2025 zu dem Ergebnis, dass höhere Nettozuwanderung die öffentlichen Haushalte langfristig entlastet. Eine ältere Berechnung von Bernd Raffelhüschen, die Wachstumseffekte anders ansetzt, kommt dagegen zu einer Belastung.
Genau das ist der Punkt: Es gibt Daten, sogar konkurrierende. Der Streit zwischen den Studien ist ein Methodenstreit über Annahmen wie Integrationstempo und Zeithorizont, kein Beleg dafür, dass es keine Daten gäbe. Worin sich praktisch alle einig sind: Das Vorzeichen hängt an Qualifikation und Erwerbsbeteiligung.
Die "nicht erhebbar"-Behauptung stützt sich auf Bundestagsdrucksachen, in denen die Regierung mitteilt, dass einzelne Verwaltungsstatistiken, etwa zu Gesundheits- oder Sozialhilfekosten, nicht nach Staatsangehörigkeit aufgeschlüsselt geführt werden. Das ist eine Aussage über die Granularität laufender Verwaltungsdaten, nicht über die Nichtexistenz einer fiskalischen Gesamtbilanz. Für die Gesamtbilanz arbeitet die Wissenschaft mit Modellrechnungen, und die gibt es.
Dänemark lässt sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen
Selbst wenn man die dänische Zahl ernst nimmt, taugt sie nicht als Maßstab für Deutschland. Dänemark hat ein steuerfinanziertes, sehr großzügiges und stark wohnsitzbasiertes Sozialsystem, in dem Menschen ohne Erwerbsarbeit schneller in die negative Bilanz rutschen. Deutschland hat ein beitragsbezogenes Sozialversicherungssystem mit anderer Logik. Forschungsvergleiche zeigen, dass die Netto-Transfers pro nicht-westlichem Migranten in Dänemark sogar höher ausfallen als in Deutschland. Die dänische Zahl ist damit eher ein Worst-Case-Wert als ein universeller "Preis der Migration".
Wie sich die fiskalische Bilanz neu Zugewanderter über die Jahre entwickelt, behandelt der Faktencheck "Alte Gastarbeiter als Leistungsträger, junge Geflüchtete als Last?".
Fazit
Die Grafik ist echt, die Schlussfolgerung ist es nicht. "Migration kostet nur" lässt sich aus ihr nicht ableiten, weil in derselben Grafik westliche Migranten im Plus liegen und der Treiber die Beschäftigung ist, nicht die Herkunft. Alle Gruppen, auch Dänen, sind in Kindheit und Alter im Minus, das ist ein Lebenszyklus-Muster und kein Migrationsbefund. Und die Behauptung, für Deutschland gebe es keine Daten, ist schlicht falsch: Es gibt mehrere Studien mit konkreten Zahlen, die sich nur über die Methode streiten.
Eine ehrliche Lesart der Grafik lautet: Schlechte Arbeitsmarktintegration ist teuer. Das ist ein Argument für bessere Integration, nicht gegen Migration.