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Verschweigt die Bundesregierung die Migrationskosten im Gesundheitssystem?

Was Sicherts Kleine Anfrage tatsächlich belegt und was nicht

Irreführend
Inhalt

Behauptung

Am 1. Mai 2026 erklärte Martin Sichert, gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, in einer Pressemitteilung, die Bundesregierung kenne "trotz explodierender Gesundheitsausgaben die Migrationskosten im System nicht". Anlass war die Antwort auf eine Kleine Anfrage seiner Fraktion (Drucksache 21/5267). Sicherts Schluss: Die Bundesregierung verschweige bewusst, welcher Anteil der Gesundheitsausgaben auf Migration zurückgehe.

Die zentrale Behauptung im Wortlaut: "Die Bundesregierung verschweigt die Migrationskosten im Gesundheitssystem".

Faktencheck

Die Zahlen sind korrekt

Sicherts Eckdaten stammen aus der amtlichen Statistik und sind arithmetisch richtig. Destatis bestätigt: Die Gesundheitsausgaben in Deutschland stiegen 2024 auf 538,2 Mrd. € (+7,6 % gegenüber 2023) und werden für 2025 auf 579,5 Mrd. € geschätzt. Der GKV-Anteil liegt über 324 Mrd. €, das prognostizierte Defizit der gesetzlichen Krankenversicherung ab 2027 bei rund 15 Mrd. €.

So weit, so unstrittig. Der irreführende Schritt liegt in der Schlussfolgerung.

Warum keine Aufschlüsselung nach Migrationsstatus?

Die Krankheitskostenrechnung von Destatis ordnet Ressourcenverbrauch nach Diagnose (ICD-10), Alter, Geschlecht und Einrichtungstyp zu. Sie stützt sich auf rund 20 Basisstatistiken, darunter Abrechnungsdaten der Krankenkassen, Krankenhausstatistiken und Arzneimitteldaten.

Diese Primärdaten enthalten keinen einheitlichen Migrationsstatus-Marker, weil Kassenabrechnungen in Deutschland grundsätzlich keine Angaben zur Herkunft umfassen. Eine nachträgliche Zuordnung wäre methodisch nicht zuverlässig, sondern Fehlinterpretation.

Die fehlende Aufschlüsselung ist also keine politische Vertuschung, sondern ein Strukturmerkmal der amtlichen Statistik. Wer sie als bewusstes Verschweigen darstellt, deutet eine technische Datenlage in eine politische Absicht um.

Die tatsächlichen Kostentreiber

Laut Statistisches Bundesamt-Analyse sind die Hauptursachen des Ausgabenwachstums:

  • Demografischer Wandel: Die Babyboomer-Generation wechselt ins Rentenalter, die Krankheitskosten pro Kopf steigen mit dem Alter steil an.
  • Arzneimittelausgaben: +9,3 % bzw. +7,2 Mrd. € allein in 2024 (Destatis-PM).
  • Pflegepersonalkosten: +11,6 % im stationären Bereich, getrieben durch Tarifabschlüsse und den Fachkräftemangel.

Migration als eigenständiger Kostentreiber taucht in der Destatis-Analyse nicht auf. Dafür gibt es einen empirischen Grund.

Healthy Migrant Effect: Migranten starten gesünder

Migrantinnen und Migranten sind im Schnitt gesünder als die einheimische Bevölkerung. Wer die physische und bürokratische Hürde der Migration bewältigt, ist überdurchschnittlich gesund, ein Phänomen, das in der Forschung als "Healthy Migrant Effect" bekannt ist und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in einem eigenen Working Paper dokumentiert wurde.

Der Sozialbericht 2024 der bpb zeigt es konkret:

  • 53 % der Personen mit Migrationshintergrund schätzen ihren Gesundheitszustand als "gut" bis "sehr gut" ein.
  • Bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es nur 49 %.
  • Geflüchtete liegen mit 71 % besonders hoch, sie sind im Schnitt jünger und selektiv gesünder.

Eine pauschale Annahme, Migration treibe die Gesundheitskosten überproportional, ist mit diesen Befunden nicht vereinbar.

Asylsuchende: Außerhalb der GKV

Die einzige migrationsbezogene Gruppe, die separat versorgt wird, sind Asylsuchende während der Wartezeit. Sie erhalten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz nur Versorgung bei akuten Erkrankungen und Schmerzen. Diese Kosten fließen nicht in die GKV-Ausgaben, sondern erscheinen als kommunale Ausgaben nach AsylbLG, getrennt von der von Sichert zitierten Gesundheitsrechnung.

Das DIW Berlin zeigt zudem, dass Leistungseinschränkungen für Geflüchtete keine Ersparnisse bringen, weil verzögerte Behandlungen langfristig teurer werden: "Je später kranke Menschen behandelt werden, desto teurer."

Bekanntes Argumentationsmuster

Der Frame ist nicht neu. CORRECTIV hat im April 2026 eine ähnliche Behauptung des AfD-Abgeordneten Bernd Schattner als falsch eingestuft. Schattner hatte behauptet, Asylsuchende erhielten ab Ankunft vollständige Kassenleistungen, das ist nachweislich nicht der Fall.

Sicherts Variante ist subtiler: Er behauptet keine konkrete Zahl, sondern macht aus einer methodischen Datenlücke einen Vertuschungsvorwurf. Das ist das gleiche Muster mit anderen Mitteln.

Einordnung

Wie aus Datenlücken politische Frames werden

Sicherts Pressemitteilung ist ein Lehrbeispiel dafür, wie korrekte Einzelzahlen in einen irreführenden Gesamtschluss überführt werden. Die Destatis-Zahlen werden korrekt zitiert, die methodische Beschaffenheit der Statistik wird aber unterschlagen. Aus "die Daten existieren so nicht" wird "die Daten werden verschwiegen", und damit ein politischer Skandalisierungsanlass, wo es nur eine technische Realität gibt.

Das ist kein Versehen, sondern ein wiederkehrendes Muster der AfD-Bundestagsfraktion in gesundheits- und migrationspolitischen Anfragen. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Kostentreibern (Demografie, Arzneimittelpreise, Pflegepersonal) wäre möglich, würde aber den migrationspolitischen Frame entkräften.

Methodische Grenzen

Eine seriöse Schätzung des Migrations-Anteils an den Gesundheitskosten müsste mehrere Ebenen trennen: Beschäftigte mit Migrationshintergrund (die als Beitragszahler ins System einzahlen), versicherte Migranten ohne Beschäftigung, sowie Asylsuchende unter AsylbLG. Diese Trennung erfordert Spezialerhebungen, nicht Routinedaten der Krankenkassen, und solche Studien existieren punktuell, kommen aber nicht zu dem Ergebnis, das Sicherts Frame nahelegt.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Die Destatis-Zahlen sind korrekt, der Frame ist es nicht. Die fehlende Aufschlüsselung von Krankheitskosten nach Migrationsstatus ist methodisch begründet, nicht politisch motiviert. Die tatsächlichen Kostentreiber sind demografischer Wandel, steigende Arzneimittel- und Personalkosten, nicht Migration. Dass Sichert aus einer statistischen Strukturlücke eine "Vertuschungs"-Absicht konstruiert, ist eine politische Behauptung ohne sachliche Grundlage.