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Entlastet der Tankrabatt die Bevölkerung?

Die Bundesregierung senkte die Energiesteuer um 14 Cent. Beim Verbraucher kommen laut ifo-Institut nur 4 bis 12 Cent an.

Irreführend
Inhalt

Was wird behauptet?

Die Bundesregierung senkte zum 1. Mai 2026 die Energiesteuer auf Kraftstoffe temporär um 14,04 Cent pro Liter, befristet bis zum 30. Juni 2026. Finanzminister Kukies und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche begründeten die Maßnahme als spürbare Entlastung für Autofahrer angesichts gestiegener Ölpreise. Der Brent-Preis hatte Ende April ein Vier-Jahres-Hoch über 125 Dollar pro Barrel erreicht.

Faktencheck

Kommt die Senkung beim Verbraucher an?

Nur teilweise. Laut ifo-Institut Tankrabatt-Tracker wurden in der ersten Woche nach Einführung bei Benzin rund 12 Cent der 14,04-Cent-Senkung an die Verbraucher weitergegeben, bei Diesel nur 4 Cent. Der ADAC misst eine Preissenkung von etwa 13 Cent statt der rechnerisch möglichen 16,7 Cent (inklusive Mehrwertsteuereffekt). Drei Tage nach Einführung stiegen die Preise bereits wieder.

Warum verpufft die Entlastung?

Das Bundeskartellamt hat den deutschen Kraftstoffmarkt bereits 2011 als Oligopol ohne wesentlichen Wettbewerb eingestuft. Fünf Konzerne (BP/Aral, Shell, ExxonMobil/Esso, TotalEnergies, Phillips 66/Jet) kontrollieren rund 65 Prozent des deutschen Kraftstoffabsatzes. Diese Marktstruktur ermöglicht es den Anbietern, Steuersenkungen nicht vollständig weiterzugeben, sondern als zusätzliche Marge einzubehalten.

Erschwerend kam hinzu, dass das OLG Düsseldorf am 30. April 2026, einen Tag vor Inkrafttreten des Tankrabatts, ein Auskunftsersuchen des Bundeskartellamts gegen die Preisinformationsdienste Argus Media und S&P Global im Eilverfahren stoppte. Damit fehlt der Behörde ein zentrales Instrument zur Marktmachtkontrolle.

Was sagen die Wirtschaftsinstitute?

Alle befragten Institute bewerten den Tankrabatt negativ:

  • Monika Schnitzer (Sachverständigenrat): Der Tankrabatt sei ein "großer Fehler" und "sozial ungerecht", weil er Vielfahrer stärker entlaste als Geringverdiener ohne Auto.
  • Marcel Fratzscher (DIW): Der Rabatt sei eine "Mogelpackung", weil er in erster Linie die Margen der Ölkonzerne erhöhe.
  • Clemens Fuest (ifo): Die Maßnahme belaste künftige Generationen, ohne die Energieabhängigkeit zu reduzieren.
  • Manuel Frondel (RWI): Der Rabatt sei "ökologisch und ökonomisch bedenklich", weil er falsche Anreize für den Benzinverbrauch setze.

Die Steuermindereinnahmen betragen laut Bundesfinanzministerium rund 1,6 Milliarden Euro für die zweimonatige Laufzeit.

Wer profitiert?

Die Quartalsberichte der Ölkonzerne für Q1 2026 zeigen Rekordgewinne: TotalEnergies steigerte den Nettogewinn um 49 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar, BP verdoppelte den Gewinn auf 3,2 Milliarden Dollar. Der Tankrabatt subventioniert damit faktisch die Gewinnmargen der Konzerne, nicht die Verbraucher.

Urteil: Irreführend

Der Tankrabatt existiert und senkt die Energiesteuer tatsächlich um 14,04 Cent pro Liter. Die Behauptung, er entlaste die Bevölkerung spürbar, ist aber irreführend. Das Öloligopol absorbiert einen erheblichen Teil der Steuersenkung. Bei Diesel kam weniger als ein Drittel der Entlastung beim Verbraucher an. Alle führenden Wirtschaftsinstitute bewerten die Maßnahme als verfehlt. Die strukturelle Ursache der hohen Spritpreise, die Marktmacht der Ölkonzerne, bleibt unangetastet.

Die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag nutzt die gescheiterte Entlastung in ihrer Kampagne "Deutschland entlasten!" für weitergehende Forderungen nach Steuersenkungen. Diese Forderungen greifen allerdings genauso ins Leere, solange die Oligopolstruktur bestehen bleibt: Auch eine vollständige Abschaffung der CO2-Abgabe würde vom selben Marktmechanismus geschluckt.