Was ist passiert?
Die zwischen Union und SPD vereinbarte BAföG-Reform droht zu scheitern. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär rechnet nicht mehr damit, dass die geplante Erhöhung kommt, weil sie in den Regierungsfraktionen keine Unterstützung mehr sehe. In einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (31. Mai 2026) zeigte sie dafür Verständnis und ordnete die Lage Studierender grundsätzlich ein.
Die Tagesschau zitiert sie mit den Worten, die Situation für Studierende sei "sehr privilegiert": "Es gibt keine Studiengebühren, und der Staat ermöglicht vielen jungen Menschen überhaupt erst ein Studium." Und weiter: Es sei "kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben - viele sammeln dabei sogar wichtige Erfahrungen fürs Leben und den Beruf". Ein "Vollkaskostudium" werde es nicht geben.
Die Behauptung
Im Kern steckt darin ein Bild vom Studium als komfortabler, weitgehend sorgenfreier Lebensphase: Wer nebenbei arbeitet, sammelt vor allem nützliche Erfahrungen, finanzielle Not spielt keine zentrale Rolle. Genau dieses Bild halten die amtlichen Daten nicht aus.
Wer jobbt, tut das meist nicht freiwillig
Dass viele Studierende arbeiten, stimmt: Rund 63 Prozent gehen laut der 22. Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks und des DZHW neben dem Studium einer Erwerbstätigkeit nach (Erhebung 2021). Entscheidend ist aber der Grund. Auf die Frage, warum sie arbeiten, gaben 58 Prozent der erwerbstätigen Studierenden an, dies sei "zur Finanzierung des Lebensunterhalts unbedingt notwendig". Bei Studierenden aus Familien ohne akademischen Hintergrund sind es sogar 68 Prozent, bei Akademikerkindern 50 Prozent.
Das von Bär betonte Motiv, "praktische Erfahrungen zu sammeln", nennt zwar ebenfalls eine Mehrheit. Es steht aber neben der Existenzsicherung, nicht an ihrer Stelle. Wer seine Miete nur über einen Nebenjob bezahlen kann, sammelt nicht in erster Linie Erfahrungen, sondern verdient sich das Studium. Im Schnitt arbeiten erwerbstätige Studierende rund 15 Stunden pro Woche. Und das ist nicht folgenlos: Ein Forschungsüberblick des DIW zeigt, dass ein hoher Erwerbsumfang das Studium verlängert und ab etwa 20 Wochenstunden das Abbruchrisiko deutlich steigt.
Ein Drittel der Studierenden ist armutsgefährdet
Von "privilegiert" lässt sich nur schwer sprechen, wenn man die finanzielle Lage anschaut. Nach einer Expertise des Paritätischen Gesamtverbands waren 2023 rund 36 Prozent aller Studierenden von Armut betroffen, weit mehr als in der Gesamtbevölkerung (14,4 Prozent). Besonders deutlich wird es bei jenen, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, also der Gruppe, für die die BAföG-Wohnkostenpauschale überhaupt gedacht ist: Hier ist die Mehrheit mit den Wohnkosten überlastet.
Die geplante Anhebung dieser Pauschale auf 440 Euro, die nun auf der Kippe steht, sollte genau dieses Problem mildern. Schon 2021 gaben über die Hälfte der Studierenden mehr als 350 Euro für Wohnen aus, in vielen Städten lag die Miete deutlich höher.
Die staatliche Unterstützung erreicht immer weniger, und reicht immer weniger
Bärs Satz, der Staat ermögliche "vielen jungen Menschen überhaupt erst ein Studium", trifft gleich doppelt immer weniger zu. Zum einen sinkt der Anteil der Studierenden, die BAföG bekommen, seit über einem Jahrzehnt stetig.
| 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2016 | 2017 | 2018 | 2019 | 2020 | 2021 | 2022 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Gefördertenquote | 18,7 % | 17,8 % | 16,5 % | 15,1 % | 13,9 % | 13,2 % | 12,1 % | 11,3 % | 11,3 % | 11,6 % | 11,7 % |
Die Zahlen stammen aus der Expertise des Paritätischen auf Basis des amtlichen BAföG-Berichts. Der Trend hat sich fortgesetzt: 2024 bekamen laut Statistischem Bundesamt nur noch rund 612.800 Menschen BAföG, der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000.
Zum anderen hält die Förderung seit langem nicht mit den Kosten Schritt. Schon seit der Jahrtausendwende wurden die BAföG-Sätze immer wieder über Jahre gar nicht erhöht: zwischen 2002 und 2008 sowie zwischen 2010 und 2016 gab es jeweils sechs Jahre Nullrunde. Die Anhebungen, die dann kamen, reichten nach Aufstellung von Studis Online meist nur, um die zwischenzeitlichen Kaufkraftverluste auszugleichen, nicht, um den Satz real zu erhöhen.
Auch aktuell ist der Grundbedarf seit 2022 eingefroren und liegt mit 452 Euro mehr als 100 Euro unter dem Regelsatz im Bürgergeld. Die letzte Anhebung 2022 betrug 5,8 Prozent, während die Verbraucherpreise allein in den Jahren 2022 und 2023 um 7,9 und 5,9 Prozent stiegen; zwischen 2020 und 2023 wuchs der Grundbedarf um 25 Euro, die Inflation aber um 16,7 Prozent. Es bekommen also nicht nur weniger Studierende BAföG, das Geld ist über die Jahre auch real immer weniger wert geworden. Vor diesem Hintergrund die geplante Reform zu stoppen, würde die Lücke weiter vergrößern, statt sie zu schließen.
Was an Bärs Darstellung stimmt
Fair bleibt festzuhalten: Ein allgemeines Studiengebühren-System fürs Erststudium gibt es in Deutschland tatsächlich nicht mehr, anders als in vielen anderen Ländern. Und Nebenjobs können wertvolle Erfahrungen bringen, gerade wenn sie zum Fach passen. Beide Punkte sind nicht falsch.
Auch die Pauschalaussage "Es gibt keine Studiengebühren" hat allerdings Ausnahmen: Baden-Württemberg verlangt von Studierenden aus Nicht-EU-Staaten 1.500 Euro pro Semester und für ein Zweitstudium 650 Euro, mehrere Länder erheben Langzeitstudiengebühren. Hinzu kommen überall verpflichtende Semesterbeiträge.
Bärs eigener Weg durchs Studium
Bär verweist zur Begründung gern auf ihre eigene Biografie. Im Februar 2025 sagte sie im Funk-Format "Kreuzverhör", sie habe sich ihr Studium "mit sehr vielen Jobs" finanziert. Daraus leitet sie ab, dass Jobben neben dem Studium normal und zumutbar sei.
Das Bild ist allerdings unvollständig. Bär studierte laut ihrer Biografie zugleich als Stipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung. Die Begabtenförderungswerke werden aus Bundesmitteln finanziert und zahlen ein einkommensabhängiges, nicht rückzahlbares Stipendium für den Lebensunterhalt, heute maximal 855 Euro im Monat plus 300 Euro Studienkostenpauschale. Und ab Oktober 2002 saß sie im Bundestag, bezog also bis zu ihrem Diplom-Abschluss 2005 zusätzlich die Abgeordnetenentschädigung. Neben den Jobs hatte sie damit Stützen, die die allermeisten Studierenden nicht haben.
Bemerkenswert ist auch der Wandel ihrer Haltung. Im selben Interview 2025 forderte sie noch, das BAföG müsse "wesentlich leichter zugänglich" werden. Gut ein Jahr später, als Ministerin, verteidigt sie den möglichen Stopp der BAföG-Reform und nennt die Lage Studierender "sehr privilegiert".
Fazit
Bär greift sich die richtigen Einzelteile heraus, fügt sie aber zu einem schiefen Bild zusammen. Studieren ist keine Phase des Wohlstands: Die Mehrheit der Jobbenden tut das aus finanzieller Notwendigkeit, ein Drittel der Studierenden ist armutsgefährdet, und die staatliche Förderung erreicht immer weniger von ihnen. Wer das als "sehr privilegiert" beschreibt und das Jobben zur reinen Erfahrungssache erklärt, blendet die Realität vieler Studierender aus. Die Behauptung ist deshalb irreführend.