Was ist passiert?
Am 13. Juli 2025 erschien in der SonntagsZeitung und im Tages-Anzeiger ein Interview mit Annalisa Manera, Professorin für nukleare Sicherheit an der ETH Zürich. Die Titelseite trug den Satz "Ein neues Atomkraftwerk wäre fast gratis". Manera kritisiert darin einen AKW-kritischen Bericht der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (Scnat) und stellt eine Vergleichsrechnung an. Ein Ausschnitt daraus kursiert seither als geteiltes Bild.
Ihre Argumentation im Wortlaut: In der Schweiz erhielten Windparks mit kostendeckender Einspeisevergütung fünf Jahre lang 23 Rappen pro Kilowattstunde, danach 13 Rappen. Würde man ein neues Kernkraftwerk gleich hoch subventionieren, bekäme es "in den ersten fünf Jahren fast 14 Milliarden Franken. Das heisst, sämtliche Investitionen und Kapitalkosten wären in nur fünf Jahren wieder hereingeholt." Danach liefere es "extrem günstigen Strom, weil die Brennstoffkosten bei Kernenergie kaum ins Gewicht fallen".
Der Denkfehler: "gratis" heißt, jemand anderes zahlt
Die Rechnung ist arithmetisch nicht erfunden. Ein Reaktor von der Größe des französischen Flamanville-EPR erzeugt genug Strom, dass 23 Rappen je Kilowattstunde über fünf Jahre tatsächlich in die Größenordnung von 14 Milliarden Franken laufen. Das Problem liegt woanders: Eine Subvention macht ein Kraftwerk nicht billiger, sie verschiebt nur, wer die Rechnung bezahlt. Die 14 Milliarden Franken verschwinden nicht, sie kommen von Steuerzahlern und Stromkunden.
"Fast gratis" ist das Kraftwerk damit nur für den Betreiber, und auch das nur, weil die Öffentlichkeit die Investition übernimmt. Für die Gesellschaft bleiben die Milliarden eine reale Ausgabe. Aus einer teuren Anlage wird durch das Wort "Subvention" keine günstige. Genau diese Umkehrung, aus Kosten ein Geschenk zu machen, ist der Kern der irreführenden Schlagzeile.
Was eine Kilowattstunde aus einem neuen AKW wirklich kostet
Es gibt eine etablierte Methode, um Stromquellen fair zu vergleichen: die Stromgestehungskosten (LCOE). Sie rechnen Investition, Betrieb und Brennstoff über die gesamte Laufzeit auf jede Kilowattstunde um, ohne Subventionen und für jede Technologie nach derselben Methode. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat sie in seiner Ausgabe Juli 2024 erstmals auch für neue Kernkraftwerke berechnet.
| Onshore-Wind | PV-Freifläche | Neue Kernkraft | |
|---|---|---|---|
| untere Schätzung | 4,3 | 4,1 | 13,6 |
| obere Schätzung | 9,2 | 5 | 49 |
Neue Kernkraft liegt bei 13,6 bis 49,0 Cent pro Kilowattstunde. Onshore-Wind kostet 4,3 bis 9,2 Cent. Selbst das günstigste Kernkraft-Szenario ist teurer als das teuerste Wind-Szenario. Neuer Atomstrom ist damit das Drei- bis Zehnfache von Windstrom, nicht ein Bruchteil davon. Der internationale Befund deckt sich: Der Lazard-LCOE-Report 2024 nennt für Kernkraft-Neubau bis zu 222 US-Dollar pro Megawattstunde, rund 20 Cent je Kilowattstunde, und der World Nuclear Industry Report 2025 zeigt dieselbe Rangfolge.
Damit ist auch ein häufiger Einwand erledigt: dass im Wind-Preis Subventionen steckten, im Kernkraft-Preis aber nicht. Beide Werte sind subventionsbereinigt, die Einspeisevergütung für Wind ist ebenso wenig enthalten wie eine Förderung für Kernkraft. Selbst ohne jede Subvention kostet neuer Atomstrom ein Vielfaches. Das entzieht genau Maneras Argument den Boden, Wind sei nur wegen der Förderung günstig und verzerre den Markt.
Und selbst diese Zahlen sind für die Kernkraft noch die Untergrenze: Die Fraunhofer-LCOE enthalten den Rückbau des Reaktors und die Endlagerung des Atommülls nicht, und das nicht versicherbare Unfallrisiko steckt ohnehin in keinem dieser Preise (beides weiter unten). Zählt man diese Posten hinzu, wächst der Abstand zu Wind weiter. Ein Windrad wird am Ende dagegen in Monaten demontiert und zum Großteil recycelt, ganz ohne Endlager und jahrzehntelange Rückbaukosten.
Die reale Welt bestätigt es. Das im geteilten Bild abgebildete Hinkley Point C ist das Paradebeispiel für Kostenexplosion: von geplanten 18 Milliarden Pfund auf zuletzt rund 46 bis 48 Milliarden, die Fertigstellung verschob sich von 2025 auf frühestens 2029 bis 2031. Der von Manera als profitabel zitierte Abnahmepreis von 10 Rappen ist der Basiswert von 2012; er ist an die Inflation gekoppelt, liegt heute bei umgerechnet rund 14 Rappen und gilt garantiert über 35 Jahre. Das ist einer der teuersten Stromverträge Großbritanniens, nicht ein Beleg für billigen Atomstrom.
Erstellungskosten sind nicht die Gesamtkosten
Der eigentliche Fehlschluss steckt in Maneras Satz, danach liefere das Kraftwerk "extrem günstigen Strom, weil die Brennstoffkosten kaum ins Gewicht fallen". Hier vermischt sie die einmaligen Erstellungskosten mit den laufenden Kosten über 60 Jahre Betrieb. Dass der Brennstoffanteil bei Kernkraft klein ist, stimmt für sich genommen. Nur folgt daraus kein billiger Strom, denn die Laufzeitkosten sind weit mehr als nur Uran.
Das Uran selbst muss abgebaut, angereichert, zu Brennelementen verarbeitet, transportiert und zwischengelagert werden, Jahr für Jahr. Personal, Wartung und Objektschutz laufen über die gesamte Betriebszeit weiter. Und am Ende kommen Rückbau und Endlagerung: Beides kostet Milliarden und zieht sich über Jahrhunderte. Diese Entsorgungskosten stecken in den Fraunhofer-Zahlen noch nicht einmal drin, die tatsächlichen Vollkosten lägen also noch höher.
Wer nur den Brennstoff betrachtet und alles andere ausblendet, kommt zu "fast gratis". Rechnet man vollständig, bleibt Kernkraft die teure Option.
Die unversicherbare Haftung: eine versteckte Dauersubvention
Ein Posten fehlt in fast jeder AKW-Rechnung, auch in Maneras: das Unfallrisiko. Ein Kernkraftwerk ist am Markt nicht vollständig versicherbar. In der Schweiz müssen Betreiber laut Kernenergiehaftpflichtgesetz nur eine Deckung von 1,2 Milliarden Euro nachweisen. Alles darüber trägt am Ende der Bund, also die Allgemeinheit.
Realistische Maximalschäden liegen um Größenordnungen höher. Allein die Aufräum- und Entschädigungskosten von Fukushima werden auf über 150 bis 200 Milliarden Euro geschätzt. Diese Lücke zwischen der gesetzlichen Haftung und dem tatsächlichen Risiko ist eine dauerhafte, verdeckte Subvention: Die Betreiber sparen sich eine Prämie, die es am Markt gar nicht zu kaufen gibt. Eine Studie der Versicherungsforen Leipzig (2011) schätzte, dass eine volle Haftpflicht den Atomstrom je nach Annahme um wenige Cent bis mehrere Euro pro Kilowattstunde verteuern würde. Die Spitzenwerte sind umstritten, die Richtung ist eindeutig: Preist man das Risiko ein, wird Kernkraft nicht günstiger, sondern deutlich teurer.
"Nicht länger als ein Windpark"?
Manera behauptet außerdem, Bewilligung und Bau eines Reaktors dauerten "nicht länger als bei einem Windpark", und belegt das mit dem besonders langsamen Windpark am Gotthard (18 Jahre inklusive Bewilligung). Der Vergleich verwischt aber den entscheidenden Unterschied: Bei einem Windpark steckt die Zeit fast vollständig in Bewilligung und Einsprachen, der eigentliche Bau dauert nur Monate. Bei einem Reaktor dauert dagegen schon die reine Bauphase, nach abgeschlossener Genehmigung, weit über ein Jahrzehnt:
- Flamanville 3 in Frankreich: Baubeginn 2007, Netzanschluss Ende 2024, also 17 Jahre statt der geplanten fünf, bei Kosten von über 13 Milliarden Euro.
- Olkiluoto 3 in Finnland: Baubeginn 2005, kommerzieller Betrieb 2023, rund 18 Jahre.
Wer den langwierigen Genehmigungsprozess eines Windparks gegen die reine Bauzeit eines Reaktors stellt, vergleicht Ungleiches. Dazu kommt: Die Schweiz hat ein Neubauverbot für Kernkraftwerke, keinen bewilligten Standort und kein laufendes Verfahren. "Genauso schnell wie ein Windpark" ergibt sich nur, wenn man den optimistischsten Reaktor gegen den langsamsten Windpark stellt.
Was an der Aussage dran ist
Fairerweise: Manera hat in einzelnen Punkten recht, und das gehört gesagt. Windkraft in der Schweiz ist ohne Subventionen tatsächlich teuer, die alten Einspeisetarife waren hoch, und Bewilligungsverfahren sind auch für Windparks quälend langsam. Ein Kernkraftwerk liefert planbare Bandenergie, während Wind nur bei Wind anfällt, was zusätzliche Netz- und Ausgleichskosten verursacht. Diese Punkte sind legitim.
Zwei Dinge ändern sie aber nicht. Erstens vergleicht Manera mit einem Auslauftarif: Die 23 Rappen stammen aus der alten kostendeckenden Einspeisevergütung, die neue Anlagen gar nicht mehr erhalten. Das räumt sie im Interview selbst ein. Zweitens bestätigt ihre Rechnung ungewollt den Kern des kritisierten Berichts: Neue Kernkraft rechnet sich nur mit Subventionen. Sie dreht diesen Befund lediglich ins Positive, indem sie die Subvention "gratis" nennt.
Fazit
Die Aussage, mit den Subventionen für Windräder ließe sich ein AKW "fast gratis" bauen, ist falsch. Ein neues Kernkraftwerk gehört mit real 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde zu den teuersten Stromquellen überhaupt, ein Vielfaches von Wind. "Gratis" entsteht allein durch einen Verschiebe-Trick, bei dem die Öffentlichkeit die Milliardensubvention zahlt, und durch das Ausblenden aller Laufzeitkosten: Brennstoff, Endlagerung, Rückbau und die staatlich getragene Haftung für den Ernstfall. Rechnet man vollständig, liegt die Behauptung um Größenordnungen daneben.