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AfD-MdB Baum: 'Woke-Ideologie' sei als Krankheitsfaktor bewiesen

Wie ein eingeladener Meinungs-Essay zweier erklärter Ideologiekritiker zum wissenschaftlichen Beweis umgedeutet wird

Irreführend
Inhalt

Was wird behauptet?

Am 13. Juli 2026 veröffentlichte die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag eine Pressemitteilung unter der Schlagzeile "Ideologische Indoktrination macht Menschen krank". Die Gesundheitspolitikerin Christina Baum beruft sich darin auf einen Aufsatz zweier US-Autoren und erklärt:

"Es ist wissenschaftlich nun schwarz auf weiß bestätigt, was wir als AfD-Fraktion seit langem mahnen: Die aggressive Politisierung aller Lebensbereiche durch den linken Zeitgeist ist kein Fortschritt, sondern ein Krankheitsfaktor."

Die "Woke-Ideologie" ("Critical Social Justice") wirke wie eine "umgekehrte Verhaltenstherapie", destabilisiere systematisch die Psyche und treibe Depressionen und Angststörungen bei jungen Menschen. Konservative Werte, Familie und Tradition werden als "Schutzschild für die Seele" positioniert.

Der prüfbare Kern ist die Behauptung, es sei "wissenschaftlich schwarz auf weiß bestätigt", dass linke Ideologie ein Krankheitsfaktor sei. Genau dieser Kern hält nicht.

Die Fakten

Der zitierte Text ist ein Meinungs-Essay, keine Studie

Der von Baum verlinkte Aufsatz mit dem Titel "Critical social justice and its cognitive distortions: Diagnosing the Liberal's poor mental health" existiert tatsächlich und stammt von Arnoldo Cantú und Nathan Gallo. Er erschien im Juli 2026 in "Current Opinion in Psychology". Entscheidend ist, was für ein Journal das ist: Laut dem Eintrag zur Elsevier-Reihe "Current Opinion" handelt es sich um eine Sammlung reiner Review-Journals, in denen von Fachredakteuren eingeladene Autorinnen und Autoren kurze Übersichtsessays zu aktuellen Debatten verfassen und selbst gewichten, welche fremden Arbeiten sie für wichtig halten. Es ist kein Journal für neue empirische Primärforschung, sondern für kommentierende Übersichtsbeiträge.

"Schwarz auf weiß bestätigt" suggeriert eine empirische Studie, die einen Kausalzusammenhang nachweist. Tatsächlich handelt es sich um einen Meinungs- und Übersichtsbeitrag, der eine bereits bekannte Debatte kommentiert.

Die Autoren sind erklärte Kritiker der Ideologie, die sie diagnostizieren

Das deckt sich mit dem, was Cantú und Gallo selbst über ihren Text sagen. Gegenüber The College Fix erklären beide, ihr Beitrag sei eine "alternative Erklärung" für den seit längerem diskutierten Befund, dass sich linke beziehungsweise liberale Menschen in Umfragen schlechtere psychische Gesundheit attestieren als konservative. Ihre These, die ausdrücklich auf den Arbeiten von Jonathan Haidt und Greg Lukianoff aufbaut, lautet, "Critical Social Justice"-Ideologie wirke wie eine "umgekehrte Verhaltenstherapie" und fördere Denkmuster wie Schwarz-Weiß-Denken oder Katastrophisieren.

Es handelt sich damit um eine theoretische Analogie zwischen politischer Ideologie und den Denkfehler-Kategorien der kognitiven Verhaltenstherapie, nicht um eine neue Datenerhebung zu Krankheitsursachen. Beide Autoren sind zudem erklärte Gegner der von ihnen beschriebenen Ideologie: Cantú brach nach eigener Aussage ein Promotionsprogramm ab, weil er dort "kultähnliches" Verhalten erlebt habe, Gallo schrieb zuvor bereits einen Essay über die "ideologische Vereinnahmung" seines Studiengangs. Der Text ist eine pointiert positionierte Streitschrift, keine neutrale wissenschaftliche Feststellung.

Der zugrundeliegende Befund ist real, aber umstritten und nicht kausal

Der Befund, den Cantú und Gallo deuten, nämlich dass sich "sehr liberale" Menschen in US-Umfragen deutlich häufiger schlechte psychische Gesundheit bescheinigen als "sehr konservative", ist real, in der Fachliteratur aber umstritten. Eine im National Center for Biotechnology Information archivierte Untersuchung zeigt, dass rund 40 Prozent dieser Lücke durch Störfaktoren wie Alter, Religiosität, Einkommen und Familienstand erklärbar sind, die unabhängig von der politischen Einstellung mit besserer psychischer Gesundheit korrelieren. Fragt man statt nach "psychischer Gesundheit" nach der "allgemeinen Stimmung", verschwindet der Unterschied zwischen den Lagern fast vollständig, was auf unterschiedliche Selbstauskunft und Stigma-Effekte statt auf einen echten Unterschied hindeutet.

Auch die Richtung eines möglichen Zusammenhangs ist offen: Es ist ebenso plausibel, dass Menschen mit stärkerer psychischer Belastung eher zu linken Positionen tendieren, wie umgekehrt. Cantú und Gallo liefern für ihre kausale Deutung keinen neuen Beleg, sondern eine zusätzliche Interpretation einer bereits bekannten, korrelativen und mehrdeutigen Befundlage. Aus einer umstrittenen Korrelation wird bei Baum ein bewiesener "Krankheitsfaktor".

Baum überträgt US-Erwachsene auf deutsche "junge Menschen"

Baums Behauptung geht in zwei weiteren Punkten über den Aufsatz hinaus. Erstens spricht der Text von US-amerikanischen Erwachsenen, die sich selbst als "liberal" einordnen, nicht spezifisch von "jungen Menschen" und nicht von einer Entwicklung in Deutschland. Zweitens ist der dokumentierte Anstieg von Depressionen und Angststörungen bei Jugendlichen in Deutschland durch andere, empirisch belegte Faktoren erklärt: Der DAK-Kinder- und Jugendreport 2025, ausgewertet mit der Universität Bielefeld anhand von Abrechnungsdaten von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen, nennt als Ursachen die Nachwirkungen der Coronapandemie, fehlende soziale Kontakte, die Nutzung sozialer Medien mit ihren Körper- und Erfolgsidealen sowie gesellschaftlichen Druck durch Klimakrise, Kriege und Zukunftsängste. Eine kausale Rolle von "Woke-Ideologie" oder "linkem Zeitgeist" kommt in dieser Ursachenanalyse nicht vor.

Wahrer Kern

Zwei Punkte lassen sich nicht abstreiten, tragen aber nicht Baums Schlussfolgerung:

  1. Der Aufsatz existiert, und der von ihm gedeutete Umfragebefund (liberale Selbstauskunft zu schlechterer psychischer Gesundheit in den USA) ist real. Er ist nur weder ein empirischer Kausalbeleg noch auf Deutschland oder Jugendliche übertragbar.
  2. Es ist eine legitime, offene Forschungsfrage, wie politische Einstellung und psychisches Befinden zusammenhängen. Genau deshalb ist "schwarz auf weiß bestätigt" die falsche Beschreibung: Die Frage ist offen, nicht entschieden.

Wer ist Christina Baum?

Christina Baum ist Zahnärztin, AfD-Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Gesundheitsausschuss. Sie gehört zum völkisch-rechten Flügel der AfD und wird laut Volksstimme im Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD nahezu so häufig zitiert wie Björn Höcke und Maximilian Krah. Bereits mehrfach hat sie einzelne Publikationen oder technische Details zu politischen Generalaussagen umgedeutet: Sie erklärte die COVID-Impfkampagne zum "Menschenversuch" und inszenierte eine technische Pharmakovigilanz-Frage als Bestätigung der AfD-Impfkritik. Die "Woke macht krank"-Pressemitteilung reiht sich in dieses Muster ein.

Das Muster

Die Pressemitteilung folgt einem wiederkehrenden Schema: Eine einzelne, positioniert verfasste Publikation wird zur wissenschaftlich gesicherten Bestätigung einer langgehegten politischen These erklärt, obwohl Charakter und Reichweite der Quelle das nicht hergeben. Inhaltlich vergleichbare Verschiebungen finden sich in Baums Pressemitteilungen zur COVID-Impfkampagne als "Menschenversuch" und zur Impfstoffsicherheit.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Der von Baum zitierte Aufsatz existiert, ist aber ein positioniertes Meinungs- und Übersichtsessay zweier erklärter Kritiker der "Critical Social Justice"-Ideologie in einer reinen Review-Reihe, keine empirische Studie, die eine kausale Wirkung von "Woke-Ideologie" auf die Psyche belegt. Baums Formulierung, es sei "wissenschaftlich schwarz auf weiß bestätigt", überzeichnet Charakter und Reichweite der Publikation, und ihre Übertragung auf "junge Menschen" in Deutschland widerspricht der dokumentierten Ursachenlage für den dortigen Anstieg psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen.