Was wird behauptet?
Die demografiepolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion, Kerstin Przygodda, hat am 28. April 2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht. Sie nennt die Geburtenzahlen 2025 "Schockzahlen", spricht von einer "demografischen Katastrophe", einer "demografischen Abwärtsspirale" und einer "hochgefährlichen Entwicklung". Ohne eine "sofortige Familienpolitikwende" sei der gesellschaftliche Bestand bedroht.
Die expliziten Begriffe "Volkstod" oder "Bevölkerungsaustausch" werden vermieden. Das Katastrophen-Narrativ liegt aber strukturell auf der ethnonationalen Linie, die in der AfD seit Jahren das Demografiethema rahmt.
Die Fakten
Die Eckzahlen sind korrekt
Przygoddas Zahlen stammen aus der Pressemitteilung Nr. 146 des Statistischen Bundesamts vom 28. April 2026 und sind nicht zu beanstanden:
- rund 654.300 Geburten in Deutschland 2025
- 3,4 Prozent weniger als 2024 (677.117 Geburten)
- niedrigster Stand seit 1946
- Geburtendefizit von rund 352.000 (rund 1,01 Millionen Sterbefälle)
- vierter Rückgang in Folge
Auf dieser Tatsachenebene ist die Pressemitteilung korrekt.
Der "Katastrophen"-Frame ist irreführend
Die Einordnung als deutsche "Schockzahlen" und "demografische Katastrophe" verschiebt diese Tatsachen aber in einen Bedeutungsraum, der sich aus den Daten nicht ergibt. Drei Punkte:
1. Deutschland liegt im OECD-Vergleich im Mittelfeld, nicht am Abgrund. Die zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) liegt in Deutschland 2024 bei rund 1,35 Kindern pro Frau. Italien und Spanien liegen mit etwa 1,2 deutlich darunter, Japan vergleichbar oder niedriger, Südkorea mit 0,75 weltweit am unteren Ende. Eine deutsche Sonderkatastrophe gibt es nicht; der Trend ist europäisch und ostasiatisch breit dokumentiert. Das vermerkt selbst der bevölkerungswissenschaftliche Sachstand zur OECD, den Przygodda nicht erwähnt.
2. Der Rückgang ist überwiegend ein Aufschub, kein Wegfall. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) hat im Juli 2025 dokumentiert, dass die gewünschte Kinderzahl bei Frauen mit 1,76 und bei Männern mit 1,74 zwischen 2021 und 2024 konstant geblieben ist – also deutlich über der tatsächlichen Geburtenrate. Der Geburtenrückgang folgt laut BiB nicht aus einem Wegfall des Kinderwunsches, sondern aus einem Aufschub angesichts kumulierter Krisen: Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation, steigende Wohnkosten, allgemein steigende Unsicherheit.
3. Die Destatis-Erklärung selbst widerspricht dem Katastrophen-Frame. Das Statistische Bundesamt führt zwei nüchterne Strukturursachen an: Die geburtenschwachen Jahrgänge der frühen 1990er-Jahre rücken ins Hauptgebäralter (Anfang 30) auf, gleichzeitig sinkt die zusammengefasste Geburtenziffer seit 2022. Beides sind langfristige demografische Effekte und keine Bestätigung des AfD-Familien-Frames.
Was fehlt in der Pressemitteilung
Przygodda zitiert nicht das BiB, nicht die OECD und nicht den Kontext aus der Destatis-Pressemitteilung selbst. Sie blendet den europäischen Vergleich aus, sie blendet die wissenschaftliche Aufschub-These aus, und sie blendet aus, dass die Wunschkinderzahl konstant geblieben ist. Stattdessen wird die Krise als Folge politischen Versagens präsentiert, ohne die ökonomischen und biografischen Faktoren zu nennen, die in der Forschung zentral sind.
Was ist dran?
Der Geburtenrückgang ist real, der Tiefststand seit 1946 ist statistisch korrekt und das Geburtendefizit von 352.000 ist die größte Lücke der Nachkriegszeit. Die demografische Alterung Deutschlands ist eine seit Jahrzehnten dokumentierte Herausforderung für Renten- und Sozialsysteme, Arbeitsmarkt, Bildung und Wohnen. Eine ernsthafte Familienpolitikdebatte (Vereinbarkeit, Kinderbetreuung, bezahlbares Wohnen, Elterngeld, Steuersystem) ist legitim und überfällig.
Die irreführende Verschiebung passiert auf der Bedeutungsebene: Aus einer langfristigen, europaweit beobachtbaren Entwicklung wird in der AfD-Lesart eine spezifisch deutsche Existenzkrise, deren Lösung die Förderung "der einheimischen Familien" sei. Diese Engführung blendet aus, dass auch in Ländern mit ausgeprägter Familienförderung (Frankreich, Schweden) die Geburtenrate sinkt und dass Migration in Industriegesellschaften Teil des demografischen Ausgleichs ist.
Das Muster
Demografiezahlen werden in AfD-Kommunikation seit Jahren als Krisensignal aufgeladen. Das Schema folgt dem im Schattner-Faktencheck dokumentierten Pfropfungsprinzip: Eine reale statistische Entwicklung dient als Plausibilitätsanker, daran wird ein politisch aufgeladener Bedeutungsrahmen gehängt. In diesem Fall: Aus "Geburtenrate gesunken" wird "demografische Katastrophe", aus "Aufschub durch Wirtschaftskrise" wird "Familienzerstörung durch Regierungspolitik", aus dem europaweiten Trend wird ein deutscher Sonderfall.
Eine ähnliche Linie hat die AfD-Fraktion am 27. April 2026 mit der Pressemitteilung von Martin Sichert zu Pubertätsblockern bedient (selektive Cass-Review-Rezeption als Beleg für Bundesregierungsversagen) und am 28. April 2026 mit Christina Baums Impfsicherheits-Pressemitteilung. Die Methode ist konsistent: amtliche Zahlen oder Antworten der Bundesregierung werden als Bestätigung eines AfD-Frames inszeniert, ohne die Daten in ihren wissenschaftlichen Kontext zu setzen.
Fazit
Przygoddas Geburtenzahlen für 2025 stimmen, ihre Einordnung als deutsche "Schockzahlen" und "demografische Katastrophe" ist irreführend. Deutschland liegt im OECD-Vergleich im Mittelfeld, der Rückgang folgt aus dem Aufschub von Geburten in einer kumulierten Krisenlage, und der Kinderwunsch der Bevölkerung ist laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung konstant geblieben. Eine Familienpolitikdebatte ist berechtigt; sie ergibt sich aus den Daten aber nicht in der von Przygodda nahegelegten Form einer existenziellen Bestandskrise, die nur durch eine AfD-typische "Förderung der einheimischen Familien" zu lösen wäre.