Was wird behauptet?
In der Aussprache zur Regierungserklärung von Friedrich Merz zum Europäischen Rat sprach Alice Weidel am 14. Oktober 2026 über die Kosten der Ukraine-Hilfe. Laut Plenarprotokoll (Seite 12659) sagte sie:
"Nicht einmal 10 Prozent der Deutschen sind für weitere Ukrainehilfen. Oder andersrum: 90 Prozent der Deutschen sind gegen eine weitere Verbrennung deutschen Steuergeldes in der Ukraine. Handeln Sie entsprechend!"
Eine Umfrage nannte sie nicht. Die Kostenzahl aus derselben Rede, mehr als 100 Milliarden Euro, haben wir in einem eigenen Faktencheck geprüft. Hier geht es um die 90 Prozent.
Faktencheck
Die Umfrage, die gemeint sein dürfte
Kurz vor der Rede hatte das Institut INSA seinen Meinungstrend veröffentlicht. Befragt wurden vom 9. bis 12. Oktober 2026 insgesamt 2006 Personen, die maximale Fehlertoleranz beträgt 2,5 Prozentpunkte (INSA). Eine der Fragen betraf die finanzielle Unterstützung der Ukraine. Die Junge Freiheit meldete das Ergebnis am 13. Oktober unter der Überschrift "Mehrheit will weniger Ukraine-Unterstützung", das Magazin Freilich gab einen Tag später die vollständige Verteilung wieder:
| Weniger | Gleich viel | Mehr | Keine Angabe | |
|---|---|---|---|---|
| Anteil in Prozent | 53,0 % | 23,0 % | 9,0 % | 15,0 % |
Ob Weidel genau diese Umfrage meint, wissen wir nicht. Die 9 Prozent für "mehr" liegen aber auffällig nahe an ihren "nicht einmal 10 Prozent". Eine Umfrage, nach der 90 Prozent gegen jede weitere Hilfe sind, haben wir nicht gefunden.
Eine Einschränkung gilt für alle Zahlen dieses Abschnitts: Den genauen Fragewortlaut und den Auftraggeber nennen die Berichte nicht, die INSA-Originaltabelle ist derzeit nicht einsehbar. Wir stützen uns auf die übereinstimmenden Angaben von Junge Freiheit und Freilich und auf die Eckdaten bei INSA selbst. Ob die 53 Prozent auch jene einschließen, die gar keine Hilfe mehr wollen, geht aus den Berichten nicht eindeutig hervor.
Wie aus 9 Prozent 90 Prozent werden
Die INSA-Frage zielt auf die Höhe der Unterstützung: mehr, gleich viel oder weniger. Weidel macht daraus eine Frage nach dem Ob. Das verschiebt beide Zahlen.
"Nicht einmal 10 Prozent für weitere Hilfe." Für weitere Hilfe ist nicht nur, wer mehr Geld will. Auch wer das bisherige Niveau halten will, will weiter zahlen. Das sind 23 Prozent. Zusammen mit den 9 Prozent für mehr Hilfe kommen 32 Prozent, also rund ein Drittel.
"90 Prozent dagegen." Auf 90 Prozent kommt nur, wer von 100 die 9 Prozent abzieht und alle übrigen den Gegnern zuschlägt: die 23 Prozent, die gleich viel zahlen wollen, und die 15 Prozent ohne Angabe. Die Gruppe, die weniger Geld will, liegt bei 53 Prozent. Weniger Geld heißt außerdem nicht unbedingt gar kein Geld.
Dass Steuergeld in der Ukraine "verbrannt" werde, ist Weidels Wertung und kein Ergebnis der Umfrage.
Was andere Umfragen zeigen
Auch andere Erhebungen kommen nicht in die Nähe von 90 Prozent. Im ARD-Deutschlandtrend vom September 2026 (1319 Befragte, 31. August bis 2. September) hielt gut die Hälfte die militärische Unterstützung für angemessen oder wollte sie ausweiten. Gut vier von zehn ging sie zu weit. In Ostdeutschland und unter AfD-Anhängern überwiegt laut Infratest dimap die Ablehnung von Waffenlieferungen.
Anfang Februar 2026 fragte INSA im Auftrag der Bild-Zeitung anders: Sollte der Westen der Ukraine stärker helfen, wenn Russland keinem Waffenstillstand zustimmt? Dafür waren 52 Prozent, 35 Prozent wollten die Ukraine nicht weiter unterstützen (1002 Befragte am 5. und 6. Februar).
Die Fragen unterscheiden sich, gemeinsam ist allen drei Erhebungen: Eine Ablehnung durch neun von zehn Deutschen zeigt keine von ihnen.
Was an der Behauptung stimmt
Die Skepsis gegenüber der Ukraine-Hilfe ist real. Laut INSA will eine Mehrheit von 53 Prozent weniger Geld nach Kiew schicken. Unter AfD-Anhängern sind es 77 Prozent, unter BSW-Anhängern 78 Prozent, unter Anhängern von Union und SPD jeweils 41 Prozent (Freilich). Infratest dimap misst bei den Waffenlieferungen mit gut vier von zehn den Anteil, dem die Unterstützung zu weit geht. Das ist ein ernstzunehmendes Stimmungsbild. Weidels 90 Prozent liegen trotzdem weit darüber.
Fazit
Die Behauptung ist falsch. Keine Umfrage, die wir gefunden haben, zeigt 90 Prozent gegen weitere Ukraine-Hilfe. Im aktuellen INSA-Meinungstrend wollen 53 Prozent weniger Geld für die Ukraine, 32 Prozent wollen gleich viel oder mehr, 15 Prozent machten keine Angabe. Weidel setzt die 9 Prozent, die mehr Hilfe wollen, mit allen gleich, die weitere Hilfe wollen, und zählt den Rest zu den Gegnern. Richtig ist: Eine Mehrheit wünscht sich weniger Unterstützung. Das ist etwas anderes als neun von zehn, die gar keine mehr wollen.