Was wird behauptet?
Auf einer Pressekonferenz der AfD-Bundestagsfraktion am 13. Oktober 2026 forderte Alice Weidel eine Volksabstimmung über die Ukraine-Hilfe. Zur Begründung sagte sie (ab Minute 25:40 der Aufzeichnung):
"Deutschland steht mittlerweile, und das gehört auch mit zur Wahrheit dazu, mittlerweile fast alleine da als Hauptfinanzier dieses Ukrainekrieges. Wir haben 100 Milliarden da reingeschossen. Dazu kommen EU-Hilfen und sonstige Bürgschaften in horrendem Ausmaß."
Die Zahl taucht nicht zum ersten Mal auf. Im August schrieb der außenpolitische Sprecher Markus Frohnmaier, Deutschland habe der Ukraine "mehr als 100 Milliarden Euro Unterstützung geleistet oder zugesagt", und forderte, die Hilfe als Druckmittel gegenüber Kiew einzusetzen (unser Quellenlink zur Pressemitteilung). Die Aussage über das "fast alleine" prüfen wir im Quellenlink zur Pressekonferenz. Hier geht es um die 100 Milliarden.
Faktencheck
Woher die Zahl kommt
Die 100 Milliarden Euro hat sich die AfD nicht ausgedacht. Sie stammen von der Bundesregierung. Auf ihrer Website nennt sie zum Stand August 2026 eine zivile Hilfe von "mehr als 43,3 Milliarden Euro" und militärische Hilfe von "rund 57,6 Milliarden Euro", die geleistet oder "für die kommenden Jahre" vorgesehen sei (Bundesregierung). Zusammen sind das 100,9 Milliarden Euro. Dieselbe Summe zum 30. Juni 2026 gibt eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion vom 18. September 2026 wieder, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass darin "auch die Leistungen an Personen aus der Ukraine bzw. ukrainische Staatsangehörige in Deutschland" eingeschlossen sind.
Die Regierung bezeichnet die zivile Summe auf ihrer Website als "bilaterale zivile Unterstützung für die Ukraine". Ihre ausführliche PDF-Übersicht ist da genauer: Sie trägt den Titel "Bilaterale Unterstützungsleistungen der Bundesregierung für die Ukraine und Menschen aus der Ukraine". Genau an dieser Bezeichnung setzt die Kritik des Kiel Instituts für Weltwirtschaft an, das mit dem Ukraine Support Tracker die Hilfen von 41 Staaten vergleicht. Es hat die Regierungszahl am 8. Oktober 2026 in ihre Bestandteile zerlegt. Der Kieler Ökonom Christoph Trebesch nennt die 100 Milliarden "misleading", sie seien fälschlich als bilaterale Hilfe an die Ukraine etikettiert.
Was in den 100 Milliarden steckt
| In Deutschland ausgegeben | Zivil in der Ukraine | Militär 2022 bis 2025 | Militär 2026 bereitgestellt | Zusagen für Folgejahre | Nicht aufgeschlüsselt | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mrd. Euro | 35,9 | 7,4 | 22,7 | 11,6 | 22 | 1,3 |
Zivile Hilfe, 43,3 Milliarden Euro. Davon wurden nach der Kiel-Aufstellung 35,9 Milliarden Euro in Deutschland ausgegeben, rund 80 Prozent:
- 27,45 Milliarden Euro Bürgergeld für ukrainische Geflüchtete in Deutschland,
- 7,15 Milliarden Euro an Länder und Kommunen für die Unterbringung,
- 1,3 Milliarden Euro an Export- und Investitionsgarantien für deutsche Unternehmen, die in der Ukraine Geschäfte machen.
In der Ukraine kamen 7,4 Milliarden Euro an: humanitäre Hilfe, Energie-Soforthilfe und den Wiederaufbau ukrainischer Behörden (6,3 Milliarden), ein Zuschuss über ein vom IWF verwaltetes Konto (1,0 Milliarden) und eine Schuldenerleichterung (0,1 Milliarden).
Militärische Hilfe, 57,6 Milliarden Euro. Hier unterscheidet das Kiel Institut drei Teile:
- 22,7 Milliarden Euro aus den Bundeshaushalten 2022 bis 2025,
- 11,6 Milliarden Euro, die für 2026 bereitgestellt sind. Wie viel davon abgeflossen ist, lässt sich nicht prüfen, weil die Bundesregierung seit Juni 2025 keine detaillierten Angaben zur Militärhilfe mehr veröffentlicht.
- 22,0 Milliarden Euro für die kommenden Jahre: 10,1 Milliarden an bindenden Verpflichtungen und 12,0 Milliarden an Verpflichtungsermächtigungen, also Ermächtigungen im Haushalt, künftig Geld auszugeben.
Weitere 1,3 Milliarden Euro der Regierungsangabe lassen sich anhand der Haushaltsdaten nicht zuordnen.
Als Hilfe, die tatsächlich an die Ukraine geht, bleiben damit 41,7 Milliarden Euro, rund 40 Prozent der Summe. Auch darin sind die 11,6 Milliarden für 2026 enthalten, deren Auszahlung offen ist.
Was "reingeschossen" bedeutet
Weidels Formulierung zeichnet das Bild von Geld, das in die Ukraine geflossen und dort im Krieg verbraucht worden ist. Für gut ein Drittel der Summe stimmt das nicht: Das Bürgergeld für Geflüchtete wird in Deutschland ausgezahlt und hier ausgegeben, die Unterbringung bezahlen Länder und Kommunen in deutschen Städten, die Garantien sichern deutsche Firmen ab. Man kann diese Kosten politisch der Ukraine-Politik zurechnen, wie es die AfD-Anfrage ausdrücklich tut. An die Ukraine überwiesen oder dort "reingeschossen" sind sie nicht. Ein weiteres gutes Fünftel ist bisher nur zugesagt.
Wie unterschiedlich die Summen je nach Abgrenzung ausfallen, zeigt auch eine ältere Fassung der Regierungsübersicht: Zum Stand 31. März 2025 nannte sie noch 47,8 Milliarden Euro und zählte bei der Militärhilfe nur die "tatsächlich erfolgten, kassenwirksamen Abflüsse", ausdrücklich ohne die für künftige Jahre vorgesehenen Mittel (Bundesregierung, Übersicht Stand März 2025). Die heutige Zahl ist auch deshalb so groß, weil sie Zusagen einrechnet.
Was an der Behauptung stimmt
Das deutsche Engagement ist groß. Trebesch nennt Deutschland "clearly Europe's biggest donor to Ukraine". Bei der Militärhilfe lag Deutschland 2025 mit 9 Milliarden Euro vor dem Vereinigten Königreich (5,4 Milliarden), Schweden (3,7) und Norwegen (3,6), wie das Kiel Institut in seinem Policy Brief vom Februar 2026 ausweist. Auch 41,7 Milliarden Euro sind eine erhebliche Summe. Und die Zahl, die Weidel nennt, stammt von der Bundesregierung selbst, die sie mit einer irreführenden Bezeichnung veröffentlicht.
Wer wissen will, wofür die Militärhilfe ausgegeben wird, findet in unserem Lagerfeuer-Text Verschenkt Deutschland Milliarden an die Ukraine? eine Einordnung: Der größte Teil wird bei der Industrie ausgegeben.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Die 100 Milliarden Euro sind eine Angabe der Bundesregierung, die AfD hat sie nicht erfunden. Als Geld, das "da reingeschossen" wurde, taugt die Zahl aber nicht. Rund 36 Milliarden Euro davon wurden in Deutschland ausgegeben, vor allem für ukrainische Geflüchtete, und 22 Milliarden Euro sind Zusagen für die kommenden Jahre. An die Ukraine gingen nach Berechnung des Kiel Instituts 41,7 Milliarden Euro, und auch davon ist ein Teil nur bereitgestellt. Deutschland ist damit trotzdem Europas größter Einzelgeber. Das Argument braucht die aufgeblähte Zahl nicht, und die Bundesregierung trägt zu dem Missverständnis bei, weil sie Ausgaben im Inland als Hilfe an die Ukraine ausweist.