Link Beschreibung
Auf der Pressekonferenz der AfD-Bundestagsfraktion am 13.10.2026 mit Tino Chrupalla sagt Alice Weidel (ab Minute 25:40), Deutschland stehe "mittlerweile fast alleine da als Hauptfinanzier dieses Ukrainekrieges". Man habe "100 Milliarden da reingeschossen", dazu kämen EU-Hilfen und Bürgschaften "in horrendem Ausmaß". Die USA hätten sich unter Donald Trump "rausgezogen". Daraus leitet sie die Forderung nach einer Volksabstimmung über die Ukraine-Hilfen ab. PI-News schreibt die Aussage beiden Vorsitzenden zu, in der Aufzeichnung spricht sie aber Weidel.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die 100 Milliarden. Die Zahl stammt von der Bundesregierung. Sie weist zum Stand 30. Juni 2026 rund 100,9 Milliarden Euro als "geleistet oder bereitgestellt" aus, wie eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion selbst wiedergibt. Darin stecken ausdrücklich auch Leistungen für Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland. Das Kiel Institut hat die Aufstellung auseinandergenommen und kommt auf nur 41,7 Milliarden Euro, die als bilaterale Hilfe für die Ukraine gelten können, rund 40 Prozent. Der Rest:
- 35,9 Milliarden Euro wurden in Deutschland ausgegeben, vor allem als Bürgergeld (27,45 Milliarden) und für die Unterbringung (7,15 Milliarden) von Geflüchteten, dazu 1,3 Milliarden an Exportgarantien für deutsche Unternehmen.
- 22,0 Milliarden Euro sind Zusagen und Verpflichtungsermächtigungen für künftige Militärhilfe, bei denen offen ist, ob und wann sie fließen.
Das Institut nennt die 100-Milliarden-Zahl in dieser Form irreführend. Auch die 41,7 Milliarden sind nicht alle geflossen: Sie enthalten 11,6 Milliarden Euro, die für 2026 bewilligt sind, deren Auszahlung sich nicht belegen lässt, weil die Bundesregierung seit Juni 2025 keine detaillierten Angaben zur Militärhilfe mehr veröffentlicht. Wer "reingeschossen" sagt, meint Geld an die Ukraine. Das gilt für gut 40 Prozent der Summe, die Weidel nennt. Mit derselben Zahl hatte im August schon Markus Frohnmaier argumentiert; wie weit die Summen je nach Abgrenzung auseinanderliegen, zeigt unsere Prüfung seiner Pressemitteilung.
"Fast alleine" und "Hauptfinanzier". Richtig ist, dass Deutschland unter den europäischen Einzelstaaten vorn liegt: Der Kiel-Ökonom Christoph Trebesch bezeichnet es als Europas größten Geber. Von "fast alleine" kann trotzdem keine Rede sein:
- Bei der Finanz- und humanitären Hilfe dominieren die EU-Institutionen. Sie stellten 2025 89 Prozent der europäischen Zuweisungen, unter anderem über die Ukraine Facility und Kredite aus den Erträgen eingefrorener russischer Vermögen. Im Mai und Juni 2026 sagten die europäischen Institutionen knapp 11 Milliarden Euro zu, Deutschland 0,7 Milliarden an Militärhilfe.
- Bei der Militärhilfe lag Deutschland 2025 mit 9 Milliarden Euro vorn, dahinter aber das Vereinigte Königreich (5,4), Schweden (3,7), Norwegen (3,6) und Dänemark (2,6), wie derselbe Kiel-Bericht zeigt.
- Nach Wirtschaftskraft liegt Deutschland nicht an der Spitze: Norwegen, Dänemark und Schweden gaben 2025 jeweils mehr als 0,6 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Militärhilfe aus, Deutschland zwischen 0,15 und 0,25 Prozent.
Die EU-Hilfen. Sie sind keine bilaterale deutsche Leistung, sondern gemeinsame EU-Finanzierung, an der Deutschland als Mitgliedstaat im Rahmen seiner Beiträge beteiligt ist. Weidel zählt sie zusätzlich zu den 100 Milliarden, präsentiert sie aber als Teil der Last, die Deutschland allein trage.
Die USA. Dass die USA sich zurückgezogen haben, stimmt für neue Hilfspakete: Ihre Zuweisungen fielen 2025 laut Kiel Institut um 99 Prozent, übrig blieb ein einziges Militärpaket über 0,4 Milliarden Euro. In der Summe liegen die Europäer schon länger vorn: Bis Februar 2025 hatten europäische Geber 138 Milliarden Euro zugesagt, die USA rund 115 Milliarden. Ganz heraus sind die USA aber nicht: Über die NATO-Initiative PURL kaufen Europäer US-Waffen für die Ukraine, mehr als 90 Prozent dieser Hilfe stammen aus US-Beständen. Das ist europäisch bezahlt, nicht amerikanisch.
Fazit
Die Aussage ist irreführend. Richtig ist, dass Deutschland unter den europäischen Staaten der größte Geber ist und die USA kaum noch neue Hilfe zusagen. Falsch ist das Bild eines Landes, das "fast alleine" zahlt: EU-Institutionen, das Vereinigte Königreich und die nordischen Länder tragen erhebliche Teile, nach Wirtschaftskraft teils mehr als Deutschland. Und die genannten 100 Milliarden Euro sind eine Regierungszahl, in der nach Kiel-Berechnung nur gut 40 Prozent als Hilfe an die Ukraine gelten können.
