Altparteien ist kein Sammelbegriff für Parteien mit langer Geschichte, sondern ein Schlagwort, das den politischen Gegner abwerten soll. Heute benutzt ihn vor allem Die "Alternative für Deutschland".
Was das Wort tut
Der Diskursmonitor der Universität Siegen ordnet "Altpartei" als Stigmawort ein, also als Ausdruck, dessen Zweck die Herabsetzung ist. Er wird fast immer im Plural benutzt und leistet dabei zwei Dinge auf einmal.
Erstens verschmilzt er sehr unterschiedliche Parteien zu einem einzigen Block. Ob eine Partei regiert oder opponiert, ob sie für höhere oder niedrigere Steuern steht, spielt keine Rolle mehr, sobald sie als "Altpartei" markiert ist. Zweitens bedient er das populistische Grundschema, das ein einheitliches Volk einer abgehobenen Elite gegenüberstellt. Den etablierten Parteien wird unterstellt, sie seien verbraucht, träge und in einem "Altparteienkartell" mit Eigeninteressen verbunden.
Die grüne Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke argumentiert im Januar 2026, das Wort ersetze sachliche Kritik durch ein Schlagwort und ziele nicht auf einzelne Entscheidungen, sondern auf das parlamentarische System selbst. Das ist die Sicht einer Betroffenen, trifft aber den Mechanismus: Wer pauschal alle anderen Parteien abschreibt, kritisiert keine Politik mehr, sondern bestreitet die Legitimität des Wettbewerbs.
Die NS-Herkunft ist ein verbreiteter Irrtum
Über den Begriff kursiert hartnäckig die Behauptung, er stamme aus dem Nationalsozialismus und Joseph Goebbels habe ihn benutzt. Populär gemacht hat sie der SPD-Politiker Ulrich Kasparick 2015; übernommen wurde sie seither vielfach, auch vom Volksverpetzer.
Belegen lässt sie sich nicht. Der Diskursmonitor hält fest, dass gegen die These bereits die sehr geringen Vorkommen in den Referenzkorpora der NS-Zeit sprechen und dass "Altpartei" in den einschlägigen Nachschlagewerken zur NS-Sprache gar nicht auftaucht, auch nicht in Cornelia Schmitz-Bernings Standardwerk "Vokabular des Nationalsozialismus". Der Sprachjournalist Matthias Heine wies 2019 zudem darauf hin, dass der Vorwurf schon inhaltlich schlecht passt: Die meisten Weimarer Parteien waren nicht älter als die 1920 gegründete NSDAP, das Etikett "alt" hätte also wenig hergegeben.
Der früheste bekannte Nachweis stammt von 1928 aus der Zeitschrift "Die Weltbühne", verwendet von Kurt Hiller. Deren Herausgeber Carl von Ossietzky war Gegner und Opfer des Nationalsozialismus, die Zeitschrift wurde von den Nazis verboten. Das Wort kommt also aus dem antifaschistischen Milieu und ist laut Heine erst mit dem Aufstieg der AfD nach rechts gewandert.
Für uns ist dieser Punkt aus einem eigenen Grund wichtig: Eine falsche Herkunftsbehauptung wird nicht dadurch besser, dass sie sich gegen die AfD richtet.
Was tatsächlich aus dem NS-Wortschatz stammt
Verwechselt wird "Altparteien" leicht mit den Wortbildungen um System. Systempartei, Systempolitiker, Systempresse und Systemzeit sind nach Schmitz-Berning tatsächlich abwertende Prägungen für die Weimarer Republik. Sie entstanden in den 1920er Jahren in konservativen und völkischen Kreisen, bevor die NSDAP sie übernahm. In Österreich benutzt die FPÖ sie bis heute.
Wer also die historische Linie ziehen will, sollte auf "Systemparteien" und "Systemmedien" zeigen, nicht auf "Altparteien".
Wer den Begriff benutzt hat
Der Ausdruck war nie auf eine politische Richtung festgelegt. In den 1980er Jahren grenzten sich die Grünen als junge Partei damit von CDU/CSU, SPD und FDP ab. In den 2010er Jahren tauchte er im Zusammenhang mit der Piratenpartei auf. Seit etwa 2015 prägen ihn AfD-Politiker, und dort ist er heute fester Bestandteil der Rhetorik.
Das ändert nichts an der Bewertung des heutigen Gebrauchs, macht aber deutlich, dass die Problematik in der Funktion liegt und nicht im Wortmaterial.
Die AfD ist selbst längst eine Altpartei
Wer den Begriff über Alter und Verankerung im Politikbetrieb definiert, trifft inzwischen die AfD mit. Sie wurde am 6. Februar 2013 gegründet, sitzt seit der Bundestagswahl 2017 im Bundestag und war im Herbst 2018 mit Bayern und Hessen in allen sechzehn Landtagen angekommen. Im Jahr 2026 ist sie damit dreizehn Jahre alt und seit neun Jahren im Parlament.
Zum Vergleich: Die Grünen waren 1983 drei Jahre alt, als sie in den Bundestag einzogen und selbst von "Altparteien" sprachen. Legt man denselben Maßstab an, ist die AfD heute deutlich etablierter, als es die Grünen damals waren.
Genau daran zeigt sich, dass der Begriff nie ein Kriterium war, sondern eine Grenzziehung. "Altparteien" meint nicht "die Alten", sondern "alle außer uns". Der Rechtspopulismus braucht diese Trennlinie, weil er beansprucht, als einziger den wahren Volkswillen zu vertreten.