Ein Gish-Galopp ist eine Salve aus vielen einzelnen Behauptungen in kurzer Zeit. Sie zielt nicht darauf, überzeugend zu sein, sondern darauf, nicht widerlegbar zu sein: Jede Behauptung würde ein paar Minuten Erklärung brauchen, und die stehen nicht zur Verfügung. Wer auf drei Punkte eingeht, lässt siebzehn stehen und wirkt, als könne er sie nicht entkräften.
Woher der Name kommt
Benannt ist die Technik nach Duane Gish, einem amerikanischen Kreationisten, der in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche öffentliche Streitgespräche mit Biologen führte. Sein Verfahren bestand darin, in seiner Redezeit derart viele Einzelbehauptungen unterzubringen, dass eine geordnete Antwort unmöglich war. Der Begriff wurde später von der Anthropologin Eugenie Scott geprägt, die lange das National Center for Science Education leitete.
Merkmale
- Hohe Zahl an Einzelaussagen in einem Redebeitrag, oft ohne inneren Zusammenhang.
- Starkes Ungleichgewicht im Aufwand. Eine Behauptung dauert fünf Sekunden, ihre Widerlegung fünf Minuten.
- Themenwechsel innerhalb der Salve. Statistik, Anekdote, Rechtsfrage und Zitat wechseln sich ab, sodass kein Fachwissen alles abdeckt.
- Kein Interesse an Klärung. Widerlegte Punkte tauchen im nächsten Gespräch unverändert wieder auf.
Beispiele
Ein typischer Redebeitrag in einer Talkshow: In neunzig Sekunden fallen eine Kriminalitätszahl ohne Quelle, ein Verweis auf ein anderes Land, ein Einzelfall aus der Lokalpresse, eine Behauptung über eine Gesetzesänderung und ein falsch zitierter Satz eines Ministers. Alles zusammen wirkt erdrückend. Einzeln hält kaum etwas davon stand.
Das schriftliche Gegenstück ist der lange Kommentar mit fünfzehn Aufzählungspunkten und angehängten Links, die niemand liest.
Wozu es eingesetzt wird
- Um Zeitknappheit auszunutzen. In Formaten mit begrenzter Redezeit ist Menge ein struktureller Vorteil.
- Um vor Publikum Kompetenz zu simulieren. Viele Fakten wirken belesen, auch wenn keiner davon stimmt.
- Um das Gegenüber in die Rolle des Ausweichenden zu drängen. Wer nur einen Punkt beantwortet, sieht so aus, als suche er sich den bequemsten aus.
Was dagegen hilft
Nicht mitgaloppieren. Der Versuch, alles abzuarbeiten, ist die Niederlage, weil er die Regeln des Gegenübers akzeptiert.
Stattdessen: einen einzigen Punkt auswählen, ihn gründlich zerlegen und daraus eine Aussage über den Rest ableiten. "Von den vielen Punkten greife ich einen heraus. Die Zahl stimmt nicht, und zwar aus folgendem Grund. Wenn der Rest genauso sorgfältig recherchiert ist, sollten wir da genauer hinschauen."
Wählen sollte man dabei nicht den einfachsten, sondern den, der für die Gegenseite am wichtigsten ist. Sonst wirkt die Auswahl selbst wie Ausweichen.
Schriftlich ist die Lage günstiger als mündlich, weil Zeit zum Nachprüfen bleibt. Auch dort gilt aber: eine gründliche Antwort schlägt fünfzehn knappe.