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Stand: 03.04.2026

Vom Popstar zum Verschwörungsredner

Wie Xavier Naidoo den Weg in die Schwurbel-Szene fand

Xavier Naidoo war einer der erfolgreichsten deutschen Popmusiker seiner Generation. Alle Soloalben auf Platz 1, Goldene Kamera, MTV Awards, Coach bei "The Voice of Germany". Dann kam der Absturz. Heute steht er auf Bühnen und redet von "Kinderfressern" und angeblich KI-generierten Luftbildern seiner Demos gehen viral. Was ist passiert?

Der erste Riss: Reichsbürger am Reichstag (2014)

Am 3. Oktober 2014 trat Naidoo bei einer Kundgebung vor dem Berliner Reichstag auf. Die Veranstaltung, unter dem Titel "Sturm auf den Reichstag" angekündigt, war fest im Reichsbürger-Milieu verankert. Unter den rund 200 Teilnehmern befand sich laut Musikexpress auch der damalige Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke. Naidoo trug ein Shirt mit der Aufschrift "Freiheit für Deutschland" und trat gemeinsam mit dem rechten Publizisten Jürgen Elsässer auf.

Was viele damals nicht wussten: Schon 2009 hatte Naidoo mit dem Song "Raus aus dem Reichstag" Grenzen überschritten. Textzeilen wie "Baron Totschild gibt den Ton an" und die Verwendung des jiddischen Worts "Schmock" wurden von Experten als antisemitische Kodierung eingeordnet. Naidoo klagte gegen die Amadeu Antonio Stiftung, die ihn als Antisemiten bezeichnet hatte. Der Vergleich vor dem Landgericht Mannheim bestätigte die Stiftung in ihrem Recht: Die Songtexte seien "antisemitisch interpretierbar". Das Bundesverfassungsgericht entschied 2022, dass die Bezeichnung "Antisemit" im Kontext dieser Songtexte von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Eurovision-Eklat (2015)

Im November 2015 nominierte der NDR Xavier Naidoo intern als deutschen Kandidaten für den Eurovision Song Contest 2016. Zwei Tage nach der Bekanntgabe formierte sich Widerstand: Rund 40 NDR-Redakteure, darunter viele in Führungspositionen, unterzeichneten einen Protestbrief. Sie äußerten "Unverständnis und Bestürzung" wegen Naidoos Nähe zu Antisemitismus, Homophobie und Verschwörungstheorien.

Der NDR zog die Nominierung zurück, trotz bereits unterzeichneten Vertrags. Im Zentrum der Kritik stand neben der Reichsbürger-Demo auch der Song "Wo sind sie jetzt" (2012), in dem Naidoo laut Kritikern Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzte. Die Linksjugend erstattete Strafanzeige wegen Volksverhetzung, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren jedoch ein. Naidoo erklärte, der Song handele von "tatsächlich stattfindenden Ritualmorden an Kindern" und damit bereits ein QAnon-nahes Narrativ, Jahre bevor QAnon in Deutschland bekannt wurde.

Das Ende bei DSDS und den Söhnen (2020)

Anfang März 2020 wurde ein selbstgedrehtes Video viral: Naidoo sang darin über Migranten und Kriminalität und bezeichnete die "Wir sind mehr"-Bewegung als "anti-deutsch". Am 11. März 2020 entließ RTL ihn aus der DSDS-Jury. Begründung: Naidoo sei der Aufforderung, sich "umfassend zu äußern", nicht nachgekommen.

Zwei Tage später gingen die Söhne Mannheims auf Distanz: "Xavier und wir gehen seit einiger Zeit getrennte Wege." Mitgründer Rolf Stahlhofen erklärte im Mannheimer Morgen, Naidoo habe die Band schon rund ein Jahr zuvor aus eigenem Antrieb verlassen.

Der Absturz: QAnon und Adrenochrom (2020-2021)

Ab März 2020 veröffentlichte Naidoo auf YouTube und Telegram Videos, in denen er weinend über "satanische Rituale" und die Extraktion von "Adrenochrom" aus Kinderblut sprach, das zentrale Narrativ der QAnon-Bewegung. Laut VICE-Recherche stellte er Angela Merkel als Teil einer "pädophilen Elite" dar und sprach von unterirdischen Tunnelsystemen, in denen Kinder festgehalten würden. Er verknüpfte "Fridays for Future" mit "dämonischen Kräften" und bezeichnete SPD und Linke als "getarnte Faschisten".

Zwischen Dezember 2020 und April 2021 verbreitete Naidoo über Telegram laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Mannheim antisemitische und holocaustleugnende Inhalte. Im Juli 2023 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Volksverhetzung in vier Fällen, im Juni 2024 folgte eine zweite Anklage. Naidoos Anwälte bestritten die Vorwürfe. Stand Anfang 2026 war die Zulassung der Anklage zur Hauptverhandlung noch nicht entschieden. Es handelt sich also um Anklagen, nicht um ein Urteil.

Die Entschuldigung, die keine war (2022)

Am 19. April 2022 veröffentlichte Naidoo ein dreiminütiges Video, in dem er sich entschuldigte: "Ich habe die falschen Wege erkannt, auf denen ich mich zum Teil befunden habe." Er distanzierte sich "ohne Wenn und Aber" von allem Extremen. Als Auslöser nannte er den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

Die Reaktionen waren gemischt. queer.de befand, das Video reiche nicht aus. Der Tagesspiegel fragte, wie glaubhaft die Kehrtwende sei. Die Telegram-Szene hielt das Video laut Volksverpetzer teils für ein Deepfake.

Vier Jahre später zeigte sich: Die Entschuldigung war nicht nachhaltig.

Berlin 2026: Zurück auf der Bühne der Verschwörung

Im Februar 2026 trat Naidoo bei einer Demo im Kontext der Epstein-Akten auf. Die Epstein-Dokumente, die zu dieser Zeit öffentlich diskutiert wurden, enthielten tatsächlich belastende Details, doch wie Harry Sisson zeigte, widersprachen enthüllte Dokumente dabei Trumps eigener Darstellung seiner Rolle, was in der deutschen Verschwörungsszene schlicht ignoriert wurde. Laut t-online sprach Naidoo von "Kindervertilgern", behauptete, Menschen hätten unwissentlich Menschenfleisch gegessen, und der US-Hersteller Lay's verwende "embryonales Gewürz". Diese Aussagen greifen laut Experten auf das jahrhundertealte antisemitische Ritualmord-Narrativ zurück.

Am 14. März 2026 meldete Naidoo eine Demo an der Berliner Siegessäule an: "Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen." Angemeldet waren 10.000 Teilnehmer. Laut Polizei kamen zwischen 750 und 1.200. Unter den weiteren Rednern befanden sich laut taz Vertreter des "Compact"-Magazins und der "Berliner Patrioten". Ein Redner fragte ins Publikum: "Wer von euch ist rechts?" Viele Hände hoben sich. Bei der Festnahme einer Frau, die den Hitlergruß zeigte, wurde ein Polizeibeamter verletzt. Naidoo sang kurz den Refrain von "Dieser Weg" und verließ die Bühne.

Ein anschließend viral verbreitetes Luftbild, das angeblich eine riesige Menschenmenge zeigte, wurde von Correctiv als KI-generiert entlarvt: Das eingebettete Google-Gemini-Logo und typische Artefakte enttarnten die Manipulation.

Was bleibt

Xavier Naidoos Geschichte ist die eines schleichenden Abgleitens. Die Muster waren früh erkennbar: 2009 antisemitische Codes in Songtexten, 2012 QAnon-nahe Narrative in Liedern, 2014 die Bühne mit Reichsbürgern geteilt. Jeder Schritt wurde von öffentlicher Empörung begleitet, ohne dass ein nachhaltiger Kurswechsel folgte.

Die Entschuldigung von 2022 schien einen Wendepunkt zu markieren. Doch die Demos 2026 zeigen: Naidoo bewegt sich weiterhin in einem Milieu, in dem Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Rechtsextremismus ineinanderfließen.

Gegen Naidoo laufen zwei Anklagen wegen Volksverhetzung. Ob es zu einem Urteil kommt, ist offen. Was bereits feststeht: Sein Weg vom gefeierten Musiker zum Protagonisten der Verschwörungsszene ist lückenlos dokumentiert und durch Dutzende unabhängige Quellen belegt.