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Kostet uns die Migration Milliarden?

Warum die Kostenfrage vor allem eine Rechenentscheidung ist

Eine Zahl, die nach Tatsache klingt

Am 22. Mai 2026 verschickte Alice Weidel eine Pressemitteilung mit der Überschrift, die Migrationskosten würden "explodieren". Allein der Bund gebe "rund 24,8 Milliarden Euro jährlich für migrationsbedingte Ausgaben aus", dazu kämen zweistellige Milliardenlasten bei Ländern und Kommunen.

Solche Sätze wirken wie eine nüchterne Tatsache. Eine Behörde, eine Summe, ein Skandal. Dabei ist die entscheidende Information nicht die Zahl selbst, sondern was sie weglässt. 24,8 Milliarden Euro sind eine reine Ausgabenzahl. Es ist die eine Spalte einer Bilanz, deren zweite Spalte nicht vorkommt. Was Migrantinnen und Migranten einzahlen, taucht in dieser Rechnung gar nicht erst auf.

Die Frage "Was kostet uns die Migration?" klingt nach Buchhaltung. Tatsächlich ist die Antwort fast vollständig eine Frage der Methode. Wer rechnet, entscheidet vorab, was herauskommt.

Wie man sich die gewünschte Zahl rechnet

Es gibt drei Stellschrauben, an denen sich jede beliebige Migrationsbilanz in die eine oder andere Richtung drehen lässt.

Erstens: nur eine Spalte zeigen. Man addiert Sozial-, Asyl- und Integrationsausgaben und nennt die Summe "Kosten der Migration". Was dieselben Menschen an Lohnsteuer, Mehrwertsteuer und Sozialbeiträgen zahlen, bleibt außen vor. Der Ökonom Holger Bonin hat für die Bertelsmann Stiftung genau diese Gegenrechnung aufgemacht. Ergebnis: Die in Deutschland lebenden Ausländer zahlten pro Kopf im Schnitt rund 3.300 Euro pro Jahr mehr an Steuern und Beiträgen, als sie an Leistungen erhielten, 2012 ein Überschuss von rund 22 Milliarden Euro. Wer nur die Ausgaben zeigt, lässt diese Seite der Bilanz einfach weg.

Zweitens: einen Stichtag statt eines Lebenslaufs nehmen. Eine Momentaufnahme erwischt jede Gruppe in einer bestimmten Lebensphase. Wer gerade ankommt, kostet zuerst: Sprachkurse, Schule, Wohnung, Kinder. Die Beiträge kommen später, wenn die Menschen arbeiten. Wer über den gesamten Lebensverlauf rechnet statt über einen Stichtag, bewertet Migration deutlich günstiger. Bonin selbst weist darauf hin: Die Generationenbilanz, die den späteren demografischen Entlastungseffekt mitrechnet, fällt für Migration regelmäßig positiver aus als eine statische Stichtagsrechnung.

Drittens: dem Einzelnen die Kosten des ganzen Staates anlasten. Rechnet man die allgemeinen Staatsausgaben, die mit Migration nichts zu tun haben (Verteidigung, Schuldendienst, Verwaltung), anteilig pro Kopf hinzu, steht für jeden lebenden Ausländer ein langfristiges Defizit von 79.100 Euro. Klingt vernichtend, bis man die Zeile daneben liest: Für jeden lebenden Deutschen sind es bei derselben Methode 3.100 Euro Minus. Weil der Staat generell mehr ausgibt, als er einnimmt, landet nach dieser Rechnung am Ende jeder im Minus. Eine nackte Minuszahl beweist für sich genommen also gar nichts.

Ehrlich bleibt trotzdem: Der Abstand zwischen den beiden Werten ist real und kein bloßer Rechentrick. Ausländer zahlen im Schnitt weniger ein, weil sie seltener und oft schlechter bezahlt arbeiten. Genau dieser Punkt, nicht die Herkunft, entscheidet die Bilanz, und um ihn geht es im Rest dieses Textes.

Je nachdem, welche dieser drei Methoden man wählt, erscheint dieselbe Bevölkerung mal als Überschuss, mal als tiefes Minus. Die 24,8-Milliarden-Zahl ist nicht erfunden. Sie ist nur die Variante, die am bedrohlichsten klingt.

Was Migration beiträgt

Die Kostenseite blendet aus, dass Zuwanderung vor allem eines ins Land bringt: arbeitsfähige Menschen. Wer einwandert, ist im Schnitt deutlich jünger als die alternde Mehrheitsbevölkerung. 2023 waren Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt 35,5 Jahre alt, die ohne 47,2 Jahre. Genau die Altersgruppe, die Deutschland fehlt.

Das ist kein Nebenthema, sondern die Grundrechnung des Sozialstaats. Wie sehr die Rentenkasse von Beitragszahlern abhängt und wie schnell die Babyboomer sie verlassen, haben wir in Rentensystem in der Krise ausgerechnet. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beziffert den Bedarf nüchtern: Nur mit einer Nettozuwanderung von rund 400.000 Menschen pro Jahr bleibt das Arbeitskräfteangebot langfristig stabil. Ohne Zuwanderung schrumpft es dramatisch.

Bleibt der Einwand, Migranten arbeiteten ja gar nicht. Die Zahlen widersprechen dem, ohne etwas zu beschönigen: Die Erwerbstätigenquote der selbst Zugewanderten lag 2023 mit rund 72,7 Prozent unter der Quote ohne Migrationshintergrund (rund 85,5 Prozent). Die in Deutschland geborene zweite Generation holt aber deutlich auf, auf rund 79,2 Prozent. Der Abstand ist real, aber er schließt sich über die Generationen. Wer hinter dem geringeren Wert pauschale Arbeitsunwilligkeit vermutet, liegt falsch: Viele dürfen anfangs gar nicht arbeiten, Anerkennungsverfahren und Bürokratie bremsen den Einstieg.

Die ehrliche Bilanz

Eine seriöse Antwort lautet nicht "Migration rechnet sich" und auch nicht "Migration kostet". Sie lautet: Es kommt darauf an. Und man kann ziemlich genau sagen, worauf.

Die OECD hat den fiskalischen Effekt der Zuwanderung über viele Industrieländer hinweg untersucht. Ihr Befund ist unaufgeregt: Der Nettoeffekt ist meist klein und überschreitet selten 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, in die eine wie die andere Richtung. Wo Migranten schlechter abschneiden als Einheimische, liegt es laut OECD vor allem daran, dass sie weniger Steuern und Beiträge zahlen, nicht daran, dass sie mehr Sozialleistungen beziehen. Und der wichtigste einzelne Faktor sei die Beschäftigung. Würde man die Erwerbsquote von Zugewanderten auf das Niveau der Einheimischen heben, brächte das vielen europäischen Staaten einen erheblichen fiskalischen Gewinn.

Zwei weitere Dinge entscheiden über die Bilanz: das Alter bei der Einreise und der Grund der Zuwanderung. Wer als junger Erwachsener kommt, zahlt über sein Leben unterm Strich in die Kasse ein. Arbeitsmigranten, besonders gut ausgebildete, fallen klar positiv aus. Humanitäre Zuwanderung, also Geflüchtete, beginnt dagegen typischerweise im Minus. Und genau hier lohnt sich der ehrliche Blick statt des Schlagworts: Geflüchtete starten mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung, holen aber mit den Jahren stark auf. Im ersten Jahr arbeiten rund 7 Prozent, nach zwei Jahren rund 20 Prozent, nach fünf Jahren rund 47 Prozent.

Diese 47 Prozent muss man ehrlich lesen, sonst werden sie zum Bumerang. Es ist ein Durchschnitt mit großer Geschlechterlücke: Sieben Jahre nach dem Zuzug waren von den 2015 Geflüchteten rund 75 Prozent der Männer erwerbstätig, aber nur 31 Prozent der Frauen. Den Schnitt drückt vor allem die langsamere Integration der Frauen, hinter der Kinderbetreuung, später Einstieg und Sprache stehen, nicht fehlender Wille. Und wer nicht als erwerbstätig zählt, sitzt selten untätig herum, sondern steckt oft in Sprachkurs, Ausbildung oder bei den Kindern.

Vor allem aber endet die Kurve nicht nach fünf Jahren. Acht Jahre nach dem Zuzug sind rund 68 Prozent erwerbstätig, Tendenz weiter Richtung des allgemeinen Niveaus. Auch der scheinbare Widerspruch zu den 72,7 Prozent der selbst Zugewanderten von vorhin löst sich damit auf: Jene Zahl ist der Schnitt über alle, die selbst eingewandert sind, und darin heben Arbeits- und EU-Migranten mit hoher Erwerbsquote den Wert. Geflüchtete sind die kleinere Teilgruppe, die langsamer startet. Genau dieser Abstand ist gemeint, wenn man Arbeits- von Fluchtmigration trennt.

Diese Startkosten sind echt und niemand sollte sie wegreden. Eine ehrliche Bilanz benennt sie. Sie ordnet sie nur richtig ein: als Investition mit zeitlichem Vorlauf, deren Ertrag davon abhängt, wie schnell Menschen in Arbeit kommen. Das ist der eigentliche Hebel, und es ist ein politischer. Schnellere Anerkennung von Abschlüssen, frühe Arbeitserlaubnis, Sprachförderung. Jeder dieser Schritte verbessert die Bilanz. Wie stark, zeigt dieselbe Bonin-Studie: Über ein ganzes Leben gerechnet bringt ein gut ausgebildeter Zuwanderer dem Staat ein sattes Plus, ein gering qualifizierter ein klares Minus. Über Migration zu reden, ohne über Qualifikation und Arbeit zu reden, ergibt deshalb wenig.

Wer nur eine Spalte zeigt

Zurück zu den 24,8 Milliarden. Die Zahl ist nicht falsch. Sie ist bedeutungslos, solange die andere Spalte fehlt. Ein Betrieb, der nur seine Ausgaben nennt und die Einnahmen verschweigt, stünde auf dem Papier immer kurz vor der Pleite. Genau diese Buchführung wird angewandt, wenn aus Migration ein Kostenposten gemacht wird.

Die ehrliche Antwort ist unbequemer als jede Schlagzeile, weil sie differenziert: Arbeitsmigration zahlt sich fiskalisch aus, Fluchtmigration kostet zunächst und kann sich rechnen, wenn Integration gelingt, und über allem steht die Frage, ob Menschen arbeiten dürfen und können. Das passt in keinen Sharepic-Text. Wer eine einzelne große Zahl in den Raum stellt und die Gegenrechnung weglässt, will nicht informieren. Er will mobilisieren.