Stell dir vor, du arbeitest im Lager eines Logistikunternehmens. Schicht von sechs bis zwei, Mindestlohn plus eine kleine Zulage für Überstunden. Morgens, bevor du zur Arbeit fährst, schaust du kurz aufs Handy. Bild meldet: "Schon wieder Bürgergeld-Abzocker - diese Faulen leben auf unsere Kosten!" Du bist wütend. Verständlich. Der Typ auf dem Foto - angeblich fit, aber kein Bock zu arbeiten, während du dir den Rücken kaputt machst.
Was Bild dir nicht sagt: Du bist selbst einen Arbeitsunfall, eine Kündigung oder eine längere Krankheitsphase vom Bürgergeld entfernt. Und wenn du es beziehst, bist du statistisch mit hoher Wahrscheinlichkeit kein "Abzocker", sondern jemand, der krank ist, eine Ausbildung macht, ein Kind alleine aufzieht oder trotz Job nicht genug verdient. Von den vier Millionen Bürgergeld-Berechtigten sind laut Bundesagentur für Arbeit nur 44 Prozent tatsächlich arbeitslos. Die anderen 56 Prozent sind Kranke, Studierende, Auszubildende, Pflegende, Alleinerziehende und Geringverdiener - also Menschen wie du. Übermedien hat das im Detail dokumentiert.
Bild hatte das anders dargestellt. Die Zeitung berichtete, 4,021 Millionen "erwerbsfähige Arbeitslose" würden Bürgergeld beziehen - Menschen, "die arbeiten KÖNNTEN, es aber nicht tun." Eine Formulierung, die die Bundesagentur für Arbeit als "nicht zutreffend" bezeichnete. Das ist keine Schlamperei. Das ist Methode.
Eine Auswertung von 87 Bild-Artikeln zur Bürgergeld-Debatte 2023 zeigt vier immer wiederkehrende Muster: das Faulheits-Narrativ ("Faulheitsprämie"), das Ungerechtigkeits-Narrativ ("Der Arbeiter ist häufig der Dumme", in 26 der untersuchten Artikel), eine kriminelle Rahmung (16 Artikel warnten vor "Sozialbetrügern", obwohl offizielle Zahlen für rund fünf Millionen Bezieher nur etwa 119.000 Verdachtsfälle ausweisen) und die überproportionale Verknüpfung von Einwanderung mit Sozialmissbrauch. Alina Schneider hat das für Übermedien analysiert. Über DAX-Konzerne, die Steuern in Luxemburg optimieren, oder Milliardäre, die ihren Reichtum überwiegend erben, liest man in Bild deutlich seltener.
Das allein wäre schon ein Problem. Aber es erklärt noch nicht, warum es funktioniert.
Bild gehört zu Axel Springer. Der Konzern besitzt neben Bild auch die Welt, Business Insider und ein großes Netz an Digitalportalen. Seit 2019 ist der US-Finanzinvestor KKR mit rund 44 Prozent an Axel Springer beteiligt - laut Horizont eine der größten Eigenkapitalbeteiligungen eines PE-Fonds an einem deutschen Medienunternehmen überhaupt. Finanzinvestoren haben klare Renditeziele. Sie investieren nicht in Journalismus, weil sie an freie Presse glauben.
Bertelsmann ist noch größer: Der Gütersloher Konzern kontrolliert RTL, ntv, den Stern und zahlreiche weitere Marken - damit einen erheblichen Teil des deutschen Privatfernsehens und des Magazinmarkts. Funke Mediengruppe besitzt die WAZ, das Hamburger Abendblatt, die Berliner Morgenpost und Dutzende weitere Regionalzeitungen. Wer morgens seine lokale Tageszeitung liest, liest oft Funke.
Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, kurz KEK, veröffentlicht regelmäßig Berichte über die Eigentumsstrukturen des deutschen Medienmarkts. Ihr achter Konzentrationsbericht von 2025 weitet den Blick über das lineare Fernsehen hinaus und benennt neue Gefährdungslagen durch Social Media und Künstliche Intelligenz. Der Bericht dokumentiert, wie sich klassische Medienkonzentrations-Risiken mit digitalen Plattformmechanismen verbinden. Die Kernfeststellung bleibt über alle Ausgaben hinweg konstant: Wenige Konzerne kontrollieren, was die meisten Deutschen täglich lesen, sehen und hören.
Das wäre weniger problematisch, wenn diese Konzerne kein Interesse an bestimmten politischen Ergebnissen hätten. Aber natürlich haben sie das. Niedrige Unternehmenssteuern, schwache Gewerkschaften, wenig Regulierung, keine Vermögenssteuer - das sind die wirtschaftspolitischen Präferenzen von Konzernen und ihren Großaktionären. Und es sind Präferenzen, die sich in der Berichterstattung widerspiegeln - nicht durch Zensur, sondern durch die subtilere Mechanik des Agenda-Settings.
Agenda-Setting bedeutet nicht, dass Medien den Menschen sagen, was sie denken sollen. Es bedeutet, dass Medien bestimmen, worüber Menschen überhaupt nachdenken. Die Forschung dazu reicht in die frühen 1970er Jahre zurück: Maxwell McCombs und Donald Shaw veröffentlichten 1972 im Public Opinion Quarterly ihre Studie zur US-Präsidentschaftswahl 1968 - die sogenannte "Chapel Hill Study" - und zeigten, dass die Themen, die Medien als wichtig markieren, auch in der Bevölkerung als wichtig wahrgenommen werden, unabhängig davon, welche Position die Berichterstattung einnimmt. Seither haben über 400 Folgestudien diesen "Transfer of Salience" immer wieder repliziert und verfeinert.
Wer täglich Berichte über Bürgergeld-Missbrauch liest und selten über Lohnstagnation, Erbschaftskonzentration oder die Steuerlücke durch Kapitalflucht, der wird irgendwann glauben, das eine sei ein drängenderes Problem als das andere. Ein konkretes Beispiel dafür: In den Wochen rund um die Bürgergeld-Reform 2023 berichtete Bild an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen mit Titelgeschichten über angebliche Missbrauchsfälle. Gleichzeitig erschienen kaum Berichte darüber, dass rund 400 DAX-Konzerne und Großunternehmen im selben Jahr laut Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft durch Gewinnverlagerung ins Ausland Steuerzahlungen in Milliardenhöhe vermieden hatten. Der Bürgergeld-Empfänger wurde zum öffentlichen Problem. Der Steueroptimierer nicht. Das ist kein Zufall - das ist Themenselektion mit politischen Effekten.
Hinzu kommt der zweite Mechanismus, den Medienforscher als "Framing" beschreiben: nicht nur welche Themen, sondern wie sie präsentiert werden. Bürgergeld als "Abzocke" geframt erzeugt andere politische Reaktionen als Bürgergeld als Versicherungsleistung für Menschen in einer vorübergehenden Notlage - obwohl beide Darstellungen über dasselbe System sprechen. Bild rahmt konsequent. Bertelsmann rahmt. Funke rahmt. Nicht immer mit derselben Ideologie, aber mit einer gemeinsamen Tendenz: Was Konzerninteressen nützt, wird als normal dargestellt. Was ihnen schadet, als gefährlich, naiv oder zu teuer.
Diese Mechanik ist kein deutsches Phänomen und kein theoretisches Konstrukt. Stefano DellaVigna und Ethan Kaplan haben 2007 im Quarterly Journal of Economics einen der methodisch robustesten Belege für den kausalen Einfluss von Medienberichterstattung auf Wahlverhalten veröffentlicht. Der sogenannte "Fox News Effect" basiert auf einem natürlichen Experiment: Fox News trat zwischen 1996 und 2000 schrittweise in verschiedene US-Kabelnetze ein. Regionen, die Fox News früher empfingen, zeigten messbar veränderte Abstimmungsmuster zugunsten republikanischer Kandidaten - und das kausal, nicht bloß korrelativ. Die Forschenden konnten ausschließen, dass in diesen Regionen ohnehin mehr Konservative lebten. Der Effekt entstand durch die Berichterstattung selbst.
Rupert Murdochs Imperium - Fox News in den USA, die Sun und The Times in Großbritannien, Sky in mehreren Ländern - hat diese Mechanik über Jahrzehnte perfektioniert. Wenn Tony Blair 1997 Premierminister werden wollte, bat er zuvor um Murdochs Unterstützung. Der Einfluss war nicht metaphorisch, sondern messbar: Die Sun schwenkte nach Jahren der Tory-Unterstützung auf Blair um - und Blair gewann mit einem historischen Erdrutsch. Als er 2003 Murdochs Irak-Krieg mitunterstützte, schloss sich ein Kreis.
Die Grundfrage ist dieselbe auf beiden Seiten des Atlantiks: Wenn wenige Eigentümer entscheiden, was als wichtig gilt, wessen Interessen werden dabei berücksichtigt - und wessen nicht?
Zurück nach Deutschland. Das Land hatte 2022 laut WSI-Verteilungsbericht den höchsten Gini-Koeffizient der Einkommensverteilung seit Beginn der SOEP-Erhebungen 1984. Die Einkommensungleichheit ist seit 2010 weiter gestiegen, die Armutsquote liegt bei 17,7 Prozent. Gleichzeitig hat Deutschland in Europa eine der niedrigsten Erbschaftsteuern für große Betriebsvermögen, keine Vermögenssteuer und massive steuerpolitische Gestaltungsmöglichkeiten für Kapitalgesellschaften.
Das sind politische Entscheidungen. Sie könnten anders getroffen werden. Dass sie es nicht werden, hat auch damit zu tun, dass die Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von mehr Umverteilung profitieren würden, zu einem erheblichen Teil Parteien wählen, die genau das verhindern.
Wie Wahlanalysen zeigen, hat die AfD bei der Bundestagswahl 2025 in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands mit 32 Prozent weit überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt; in Thüringen und Sachsen lag sie sogar bei über 37 Prozent. Bei Arbeiterhaushalten gewann sie laut ZDF-Wahlanalyse 17 Prozentpunkte hinzu und führt diese Gruppe nun mit 38 Prozent. Ihre wirtschaftspolitischen Positionen - Steuersenkungen für Unternehmen, Schwächung von Gewerkschaftsrechten, Ablehnung von Mindestlohnerhöhungen - widersprechen strukturell den wirtschaftlichen Interessen dieser Wählergruppen. Das ist keine Beleidigung der Wähler. Es ist eine Beschreibung eines Phänomens, das Politikwissenschaftler als "Wählen gegen die eigenen Interessen" beschreiben und das sich ohne Medienwirkungsforschung kaum erklären lässt.
Wie glaubwürdig ist Bild in diesem Kontext überhaupt noch? Laut dem Digital News Report 2024 des Reuters Institute for the Study of Journalism hat die Bild-Zeitung unter allen untersuchten deutschen Medienmarken die niedrigsten Vertrauenswerte. 43 Prozent der Deutschen vertrauen Nachrichten generell - Bild liegt noch deutlich darunter. Und trotzdem: Die Printauflage liegt laut IVW erstmals unter einer Million, BILDplus kommt laut BDZV-Branchenbericht 2024 auf über 710.000 Digitalabonnenten, und die Agenda, die Bild täglich setzt, strahlt weit über die eigene Reichweite hinaus in andere Medien und in soziale Netzwerke.
Misstrauen schützt nicht automatisch vor Agenda-Setting. Man kann einer Zeitung misstrauen und trotzdem täglich mit ihren Rahmungen konfrontiert sein - im Gespräch mit Kollegen, in Kommentarspalten, im Fernsehen, das Bild-Schlagzeilen aufgreift. Die Themen sickern durch, auch wenn die Quelle diskreditiert ist.
Wer hat diese Strukturen ermöglicht? Die Antwort ist unbequem, aber klar belegbar.
CDU und CSU haben über Jahrzehnte Medienpolitik betrieben, die Konzentration begünstigte und öffentlich-rechtliche Konkurrenz unter Druck setzte. Das Pressefusionsrecht ist im internationalen Vergleich schwach, Transparenzpflichten für Medieneigentümer sind begrenzt, Subventionen für lokalen Journalismus kaum vorhanden. Die FDP hat sich regelmäßig gegen stärkere Regulierung von Medienkonzentrationen gestellt - mit dem Argument der Pressefreiheit, was ein eleganter rhetorischer Zug ist: Regulierung von Eigentümerkonzentration als Angriff auf die Freiheit des Journalismus zu framen, obwohl das genaue Gegenteil zutrifft.
Besonders deutlich wird das am Rundfunkbeitrag. Öffentlich-rechtliche Sender sind das strukturelle Gegengewicht zu kommerziellen Konzernmedien - finanziell unabhängig, nicht werbefinanziert, nicht auf Klickraten angewiesen. Dass CDU-geführte Landesregierungen die Erhöhung des Rundfunkbeitrags jahrelang blockierten und ARD und ZDF systematisch als "Staatssender" und "GEZ-Abzocke" rahmten, ist kein Zufall. Es schwächt eine Institution, die strukturell nicht in ihrem Interesse ist.
Dabei hätte ein gestärkter ÖRR klare Funktionen: unabhängige Berichterstattung über wirtschaftliche Ungleichheit, investigative Recherchen zu Steuervermeidung und Lobbyismus, regionale Berichterstattung jenseits der Konzerninteressen. Wer ARD schwächt, stärkt Bild. Das ist keine Theorie, sondern Marktlogik. Der Angriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt nicht von denen, die mehr Qualitätsjournalismus wollen - er kommt von denen, die weniger Konkurrenz für die eigenen Konzernmedien wollen.
Axel Springer und die Union verbindet eine historisch gewachsene Nähe. Springer-Gründer Axel Cäsar Springer war Konrad Adenauer persönlich bekannt und stand der CDU politisch nah. Diese Tradition hat die Ausrichtung des Konzerns über Jahrzehnte geprägt. Heute sind die Verbindungen diffuser, aber die politischen Präferenzen erkennbar: Bild betreibt keine CDU-Propaganda im Sinne eines Parteiorgans, aber die Stoßrichtung - gegen Gewerkschaften, gegen "Bürgergeld-Missbrauch", gegen eine aktive Sozialpolitik - deckt sich mit dem wirtschaftspolitischen Mainstream der Union und ihres Klientels.
Was bleibt als Ausweg? Medienkompetenz ist das, was Bildungspolitiker empfehlen, wenn sie keine strukturellen Änderungen wollen. Ja, es hilft, wenn Menschen wissen, wie Agenda-Setting funktioniert, wer welches Medium besitzt und wie Statistiken verzerrt werden können. Aber der Gedanke, dass wir das Problem durch bessere Medienerziehung lösen können, überschätzt, was Individuen leisten können, wenn sie täglich mit professionell produzierten Inhalten konfrontiert sind, und unterschätzt, welche Ressourcen auf der anderen Seite stehen.
Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen. Das würde konkret bedeuten: strengere Regeln gegen Medienkonzentration, Transparenzpflichten für Medieneigentümer und Finanzgeber, öffentliche Förderung für lokalen und investigativen Journalismus außerhalb der großen Konzerne, und vor allem ein robustes öffentlich-rechtliches System, das nicht ständig unter politischen Haushaltsdruck gesetzt wird.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist weit von perfekt entfernt. ARD und ZDF haben eigene Strukturprobleme - zu viele Unterhaltungsformate, zu viel Rücksicht auf Konsenspolitik, zu wenige investigative Ressourcen für das, was sie leisten könnten. Das rechtfertigt Kritik, aber keine Demontage.
Zurück zum Lagermitarbeiter vom Anfang. Sein Ärger ist verständlich und berechtigt - das System ist ungerecht, die Lasten sind ungleich verteilt, und wer hart arbeitet, sollte das spüren. Die Frage ist nur, wohin dieser Ärger gelenkt wird. Auf den Bürgergeld-Empfänger, der ähnlich wenig hat wie er selbst. Oder auf die Strukturen, die dafür sorgen, dass Arbeit zu wenig und Kapital zu viel einbringt.
Wer die Medien hat, entscheidet diese Frage mit. Nicht allein, nicht vollständig - aber messbar.