Eine Volkswirtschaft funktioniert wie ein Lagerfeuer. Damit es wärmt, muss es brennen. Damit es brennt, muss Holz zirkulieren: geschlagen, gestapelt, ins Feuer gelegt, zu Asche verwandelt, als Dünger zurück in den Wald. Wenn an irgendeiner Stelle der Nachschub stockt, wird die Glut kleiner. Das Feuer erlischt nicht schlagartig, aber es wärmt immer weniger.
Geld zirkuliert ähnlich. Haushalte erhalten Einkommen, geben einen Teil davon aus, zahlen Steuern und bekommen öffentliche Leistungen zurück. Firmen nehmen Geld ein, bezahlen Löhne, investieren und zahlen Steuern. Der Staat zieht Steuern ein und gibt sie für Gehälter, Infrastruktur und Transferleistungen wieder aus. Solange dieses System in Bewegung bleibt, erzeugt jeder ausgegebene Euro Nachfrage, Beschäftigung und neue Steuereinnahmen. Die Glut lebt.
Seit etwa 25 Jahren hat der deutsche Geldkreislauf mehrere Lecks. Das ist keine plötzliche Krise. Es ist ein langsamer, struktureller Rückgang der Wärme. Er erklärt vieles: warum die Binnennachfrage schwach bleibt, obwohl Teile der Exportindustrie lange gut verdient haben. Warum Kommunen Schwimmbäder, Schulen und Brücken nicht ausreichend instand halten können, während gesamtstaatlich lange auf ausgeglichene Haushalte geachtet wurde. Warum viele Menschen trotz hoher Beschäftigung das berechtigte Gefühl haben, dass ihnen weniger bleibt.
Wie der Kreislauf eigentlich funktioniert
Stellen wir uns den Kreislauf vereinfacht in seinem stabilen Zustand vor. Haushalte erhalten Einkommen aus Arbeit oder aus Vermögen. Das Meiste davon geben sie sofort wieder aus: Miete, Lebensmittel, Kleidung, Mobilität, gelegentliche Anschaffungen. Ein kleiner Teil wird gespart, für Unvorhergesehenes oder für größere Ausgaben in der Zukunft. Das ausgegebene Geld landet bei Firmen und beim Staat. Die Firmen zahlen davon Löhne, investieren in Maschinen und Gebäude, schütten Gewinne aus und führen Steuern ab. Der Staat zahlt Gehälter, Renten, Bürgergeld, baut Straßen und Schulen, finanziert Krankenhäuser. Am Ende kommt das Geld als neues Einkommen bei den Haushalten an, und der Kreislauf beginnt von vorn.
International hat das System zwei zusätzliche Richtungen: Exporte bringen Geld aus dem Ausland ins Land, Importe schicken Geld ins Ausland. Bei annähernd ausgeglichener Bilanz ist das eine neutrale Größe. Deutschland hatte über Jahrzehnte einen Überschuss, weil die Industrie überdurchschnittlich viel exportierte. Lange galt das als Erfolgsbeleg.
In den Wirtschaftswunderjahren floss das Geld noch relativ vollständig im Kreislauf. Von 100 Einheiten, die Haushalte ausgaben, kamen im Modell 90 zurück.
Anteile, die im Modell zurückfließen oder abwandern
| Jahr | Zurück an Haushalte | Finanzmarkt | Ausland |
|---|---|---|---|
| 1975 | 90 % | 7 % | 3 % |
| 2007 | 76 % | 19 % | 5 % |
| 2025 | 70 % | 23 % | 7 % |
Die Werte sind ein didaktisch normiertes Modell, keine Jahresstatistik. Die Proportionen orientieren sich an WSI-Lohnquote, TJN-Gewinnverlagerungsschätzungen, Bundesbank-Sparquotendaten und öffentlicher Investitionsquote (Destatis/BMF).
Dieses System ist nicht besonders fragil. Es braucht keinen Plan, keine zentrale Steuerung. Es reguliert sich über Millionen kleiner Entscheidungen. Damit es funktioniert, muss aber eines stimmen: Das Geld muss zirkulieren. Wenn an entscheidenden Stellen Geld aus dem Kreislauf gezogen wird und nicht zurückkommt, wird die Glut kleiner.
Genau das passiert in Deutschland seit Ende der 1990er Jahre. Und zwar an mindestens vier Stellen gleichzeitig.
Leck 1: Hohe Einkommen sparen viel
Das erste Leck ist das Offensichtlichste, weil die Zahlen eindeutig sind. Wer wenig verdient, gibt praktisch alles aus. Wer viel verdient, spart einen erheblichen Teil. Klingt banal. Wird aber zum Problem, wenn die Verteilung über Jahrzehnte systematisch nach oben läuft.
Das DIW hat die Sparquote deutscher Haushalte nach Einkommenszehnteln ausgewertetSparquote nach Einkommensgruppen. Negative Werte bedeuten: Diese Haushalte geben im Durchschnitt mehr aus, als sie einnehmen.
- unterstes Zehntel: verschuldet sich im Durchschnitt um 201 Euro im Monat
- Mitte: spart etwa 10 bis 15 %
- 9. Zehntel: spart rund 1.069 Euro im Monat
- oberstes Zehntel: spart rund 2.687 Euro im Monat
Quelle: DIW Wochenbericht 10/2018, Datenbasis EVS 2013. Die Mitte ist als Spannweite 10 bis 15 Prozent im Artikel genannt und hier als Mittelwert dargestellt.
Die Gesamtsparquote der deutschen Haushalte liegt aktuell bei rund elf Prozent. Das klingt harmlos. Aber die Zahl verbirgt, dass diese elf Prozent fast ausschließlich von den oberen Einkommensgruppen kommen. Der Rest der Bevölkerung trägt kaum dazu bei, weil er wenig übrig hat. Wenn nun über Jahrzehnte das Einkommen am oberen Rand stärker wächst als in der Mitte und unten, steigt die gesamte Sparquote, und die Konsumnachfrage, die durchs System läuft, wächst langsamer als das Einkommen selbst.
Die Vermögensverteilung verstärkt diesen Effekt. Laut der Vermögensbefragung der Bundesbank 2023 halten die reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte 54 Prozent des gesamten Nettovermögens, korrigiert um die schwer erfassbare Spitze der Allerreichsten schätzt die Bundesbank eher 61 Prozent. Das DIW kommt mit einer anderen Methode sogar auf 67 Prozent. Welche Zahl man auch nimmt: Die Konzentration ist hoch genug, um den Geldkreislauf spürbar zu verändern.
Wichtig an dieser Stelle: Gespartes Geld ist nicht einfach aus dem Kreislauf verschwunden. Banken verleihen Spareinlagen weiter, Investitionen bei Unternehmen schaffen neue Einkommen. Das ist richtig. Das klassische Keynessche Argument ist nicht, dass Geld materiell verschwindet, sondern dass die Umlaufgeschwindigkeit sinkt, wenn zu viel gespart und zu wenig investiert wird. Je mehr Geld bei Vermögenden akkumuliert, desto stärker verschiebt sich der Kreislauf von Konsum und realwirtschaftlicher Nachfrage zu Finanzanlage. Und genau das ist in den letzten 25 Jahren passiert.
Leck 2: Der Finanzmarkt als Parallelkreislauf
Das zweite Leck ist schwerer zu sehen, weil es in einer Parallelwelt stattfindet. Während die Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen in den 2010er Jahren moderat stiegen, verteuerten sich Vermögenswerte deutlich stärker.
Ein gut belegter Ausschnitt ist der Immobilienmarkt: Der Häuserpreisindex stieg zwischen 2000 und 2023 um rund 78 Prozent, während die Verbraucherpreise im selben Zeitraum um etwa 54,6 Prozent stiegen. Wer in Vermögenswerten saß, wurde real reicher. Wer vom Gehalt lebte, wurde im Verhältnis dazu ärmer. Der Warenkorb einer normalen Familie verteuerte sich, der Immobilienwert der Besitzenden wuchs schneller als die Inflation.
Jahresdurchschnitte 2000 bis 2023. Die Schere öffnet sich vor allem nach 2010.
Quelle: Destatis, Häuserpreisindex und Verbraucherpreisindex. Jahreswerte 2000 bis 2023: Verbraucherpreise +54,6 %, Häuserpreise +78,1 %.
Hinter diesem Auseinanderlaufen steht eine Mechanik, die Lawrence Summers 2013 unter dem Begriff Secular Stagnation neu gefasst hat: In entwickelten Volkswirtschaften mit hoher Ungleichheit, alternder Bevölkerung und niedrigen realen Kapitalerträgen drückt eine hohe Sparneigung auf den Gleichgewichtszins, der dauerhaft negativ werden kann. Um trotzdem akzeptables Wachstum zu erzielen, braucht es entweder extrem lockere Geldpolitik, private Verschuldung oder Vermögensblasen. Alle drei hat es gegeben.
Die Europäische Zentralbank hat ihre Bilanz zwischen 2008 und dem Höhepunkt 2022 auf das Vierfache ausgeweitet, von 2,1 auf 8,8 Billionen Euro. Dieses Geld wurde nicht im selben Maß als Konsumnachfrage oder Lohnwachstum sichtbar. Die Verbraucherpreisinflation im Euroraum lag von 2008 bis 2020 im Durchschnitt bei 1,3 Prozent pro Jahr, also unter dem Zielwert der EZB. Aktienkurse und Immobilienpreise stiegen dagegen deutlich. Ein großer Teil der geldpolitischen Wirkung lief über Finanzmärkte, Kreditkonditionen und Vermögenspreise, nicht über einen breiten Nachfrageboom in der Binnenwirtschaft.
Diese Entwicklung belohnt bestehenden Besitz. Thomas Piketty hat in seinem Buch Capital in the Twenty-First Century die Ungleichung r > g populär gemacht: Wenn die Kapitalrendite r dauerhaft über der Wachstumsrate g liegt, wachsen Vermögen schneller als Einkommen. Für Deutschland hilft diese Logik, das Auseinanderlaufen von schwachem realem Wachstum, hohen Vermögenspreisen und konzentriertem Besitz zu verstehen. Es ist kein Automatismus für jedes Jahr, aber eine starke Tendenz über längere Zeiträume.
An dieser Stelle werde ich manchmal gefragt, ob die Bankenregulierung nach Basel I, II und III die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen verschlechtert hat. Die kurze Antwort: Ja, aber nicht monokausal. Bundesbank-Daten zeigen, dass das Kreditvolumen an nicht-finanzielle Unternehmen in Deutschland seit Mitte 2022 deutlich nachlässt, 2023 zeitweise sogar schrumpft. Das KfW-Mittelstandspanel 2024 dokumentiert, dass nur noch 32 Prozent der Investitionen deutscher Mittelständler durch Bankkredite finanziert werden, Tendenz seit Jahren fallend. Ob das primär an Basel liegt oder an Zinsen, Konjunktur und Risikotoleranz der Banken, ist in der Fachdebatte umstritten. Die Bundesbank selbst kommt zu dem Schluss, dass die rund 1.300 deutschen Institute, die primär KMU finanzieren, von den verschärften Eigenkapitalanforderungen kaum betroffen seien. Andere Ökonomen sehen das anders, besonders beim Risikogewichts-Unterschied: Staatsanleihen wiegen in der Bilanz null Prozent, ein KMU-Kredit bis zu 75 Prozent. Das verschiebt den Anreiz der Banken zugunsten der Staatsfinanzierung. Diese Nullgewichtung wurde auch unter Basel III nicht angetastet. Eine strukturelle Schieflage, die nicht skandalös, aber bedeutsam ist.
Leck 3: Die Gewinne verlassen das Land
Das dritte Leck ist politisch besonders sichtbar, weil es Namen trägt: Google, Apple, Meta, Amazon, aber auch große Pharmakonzerne, Chemieunternehmen und Teile der Automobilindustrie. Multinationale Konzerne können Gewinne so strukturieren, dass ein Teil der Steuerbasis nicht dort anfällt, wo Umsätze, Daten, Arbeitsleistung oder Kundschaft sitzen, sondern in Ländern mit niedrigerer Besteuerung. Häufig genannt werden Irland, die Niederlande, Luxemburg, Belgien und Singapur.
Die Zahlen dazu schwanken methodisch. Das Tax Justice Network bezifferte die deutschen Steuerausfälle 2024 auf 43,9 Milliarden US-Dollar pro Jahr, davon 37,7 Milliarden aus Unternehmensgewinnverlagerung, 6,2 Milliarden aus privater Offshore-Steuerhinterziehung. Das DIW kommt mit konservativer Methode auf rund 30 Milliarden Euro. Das EU Tax Observatory der Paris School of Economics kommt in seinem Global Tax Evasion Report zu vergleichbaren Größenordnungen: Weltweit fließen etwa eine Billion US-Dollar an Unternehmensgewinnen pro Jahr in Steueroasen, 35 Prozent aller im Ausland anfallenden Gewinne. Die EU-Länder sind Hauptverlierer, das Körperschaftsteueraufkommen der EU wird um rund 20 Prozent gemindert.
Eine deutsche Schätzung von 100 Milliarden Euro, die in der Öffentlichkeit manchmal zirkuliert, mischt Kategorien, die nicht zusammengehören: Gewinnverlagerung, unbesteuertes Vermögen, Erbschaftsteuer-Ausfälle, Offshore-Vermögen. Seriös bleibt eine Bandbreite von 30 bis 44 Milliarden Euro pro Jahr, je nachdem ob man nur Unternehmensgewinne oder auch private Steuervermeidung einrechnet.
Unterschiedliche Methoden, gleiche Größenordnung: Die geschätzten Ausfälle liegen weit über den erwarteten Mehreinnahmen der Mindeststeuer.
Quellen: Tax Justice Network, State of Tax Justice 2024; DIW-Einordnung über Netzwerk Steuergerechtigkeit; ifo-Schätzung zu Pillar 2. Die Werte werden in den Originalwährungen der Quellen gezeigt und dienen als Größenordnungsvergleich.
Seit Anfang 2024 gilt in Deutschland das Mindestbesteuerungsgesetz, die Umsetzung von Pillar 2 der OECD. Multinationale Konzerne mit mehr als 750 Millionen Euro Umsatz müssen weltweit mindestens 15 Prozent effektive Steuern zahlen. Das ifo Institut hat im Auftrag des Bundesfinanzministeriums die Mehreinnahmen für Deutschland auf 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Im Verhältnis zu den angenommenen Ausfällen ist das weniger als fünf Prozent. ifo-Direktor Clemens Fuest ordnet das nüchtern ein: Deutschland sei Reformgewinner, die Mehreinnahmen aber bescheiden. Hinzu kommen Schlupflöcher wie die substanz-basierte Gewinnausnahme, befristete Safe Harbours und, seit Januar 2026, ein dauerhaftes Vereinfachungspaket. Kritiker sehen darin eine Aufweichung, die gewinnverlagernden Konzernen weiterhin Spielraum lässt.
Historisch hat Deutschland an diesem Effekt selbst mitgewirkt. Die Körperschaftsteuer wurde 2001 und 2008 drastisch gesenkt, von 45 auf 25 und später auf 15 Prozent. Der Gedanke dahinter war, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Problem: Wenn viele Länder so reagieren, entsteht Steuerwettbewerb nach unten. Dann sinken die nominalen Steuersätze, ohne dass Gewinnverlagerung verschwindet, weil Niedrigsteuerländer weiter noch niedrigere effektive Sätze anbieten können.
Leck 4: Die Löhne kamen lange nicht mit
Das vierte Leck wirkt auf den ersten Blick paradox, weil der aktuelle Befund positiv klingt: Laut WSI-Verteilungsbericht 2024 liegt die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, aktuell bei rund 73,7 Prozent und damit auf einem Rekordwert. Das ist aber zyklisch. Die Unternehmensgewinne sind 2024 stärker gesunken als die Löhne. In normalen Jahren ist die Lohnquote deutlich niedriger. Der eigentliche strukturelle Trend wird klar, wenn man längere Zeiträume betrachtet: Von 2000 bis 2007 fiel die Lohnquote von 71,9 auf 63,6 Prozent, ein Rückgang um 8,3 Prozentpunkte in nur sieben Jahren. Das ist die eigentliche Verschiebung, die danach nie vollständig zurückgeholt wurde.
Die Reallöhne zeigen das gleiche Bild aus einer anderen Perspektive. Der Reallohnindex des Statistischen Bundesamts auf Basis 2022 erreichte 2019 den Wert 105,5, den letzten Vorkrisenstand. Dann kam der Inflationsschock der Jahre 2021 bis 2023, und die Reallöhne fielen 2022 auf 100. Ein Verlust von über fünf Prozent, fast alles in einem Jahr. Seitdem ist eine Erholung im Gang: 2024 plus 3,1 Prozent, 2025 plus 1,9 Prozent. Aber das Vorkrisenniveau ist bis heute nicht vollständig erreicht. Zwischen 2021 und 2023 haben Arbeitnehmer in Deutschland kumuliert reale Einkommen verloren, die sie bis heute nicht aufgeholt haben.
Die Hintergrundentwicklung ist die erodierende Tarifbindung. Nach WSI-Daten auf Basis des IAB-Betriebspanels sind 2024 nur noch 50 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und 42 Prozent in Ostdeutschland unter Tarifvertrag. 1998 waren es 76 Prozent im Westen und 63 Prozent im Osten. Der Rückgang läuft seit mehr als 25 Jahren, ohne echte Gegenbewegung. Wo keine Tarifbindung besteht, sind Lohnerhöhungen schwieriger durchzusetzen. Dass die unteren Einkommen real lange wenig gewonnen haben, hat damit einen strukturellen Grund.
Weniger Tarifbindung heißt: Lohnerhöhungen müssen häufiger einzeln erkämpft werden, statt kollektiv durch Tarifverträge zu greifen.
Quelle: WSI-Tarifarchiv auf Basis des IAB-Betriebspanels. Gezeigt ist der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung, inklusive Branchen- und Firmentarifverträgen.
Weniger Lohneinkommen bedeutet weniger Konsumnachfrage. Das ist der Punkt, an dem die vier Lecks ineinandergreifen: Geld konzentriert sich oben, oben wird mehr gespart, das Geld fließt in Vermögensanlagen statt in Konsum, Unternehmen verlagern ihre Gewinne ins Ausland, und die Löhne halten nicht mit der Wertschöpfung Schritt. Jeder Mechanismus wirkt für sich. Zusammen wirken sie verstärkend.
Die Konzentration von Vermögen am oberen Rand ist dabei nicht nur Folge, sondern auch Katalysator. Welche politischen Weichenstellungen dazu geführt haben, hat Teil 1 der Serie detailliert behandelt, und Teil 10 "Der Mechanismus" hat das politische Regelwerk zusammengefasst, das diese Konzentration stabilisiert. Der vorliegende Teil baut darauf auf und konzentriert sich auf die volkswirtschaftliche Folge: das Geld, das oben ankommt, zirkuliert anders als das Geld, das in der Mitte oder unten ankommt.
Was wirklich nicht stimmt an den Gegenargumenten
An dieser Stelle lohnt es sich, drei verbreitete Einwände ernst zu nehmen, bevor man den Artikel falsch liest.
Erstens: Gespartes Geld ist nicht verloren. Korrekt. Banken verleihen Spareinlagen weiter, Aktien werden von jemand anderem gekauft. Das Geld zirkuliert weiter, nur eben in einer anderen Umlaufbahn. Das Argument im Artikel ist nicht, dass Geld verschwindet. Es ist, dass die Umlaufgeschwindigkeit in der realen Wirtschaft sinkt, wenn sich Ersparnisse in Finanzprodukten akkumulieren, während die Binnennachfrage stagniert. Keynes hat das Sparparadoxon genannt. Was für den Einzelnen klug ist, kann in der Summe schädlich sein.
Zweitens: Exportüberschüsse sind Zeichen von Stärke. Teilweise stimmt das. Die deutsche Exportindustrie ist produktiv, liefert gute Qualität, hält sich im internationalen Wettbewerb. Aber ein dauerhaft hoher Leistungsbilanzüberschuss hat eine zweite Seite. Laut Bundesbank-Zahlungsbilanz lag der deutsche Überschuss 2024 bei 246,5 Milliarden Euro oder 5,75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Allzeithoch war 2015 und 2016 mit über acht Prozent des BIP. Seit 2007 liegt Deutschland dauerhaft über der 6-Prozent-Warnschwelle der EU-Kommission, und die Kommission hat das in ihren Macroeconomic-Imbalance-Berichten immer wieder kritisiert.
Interessant ist die aktuelle Entwicklung: Der Überschuss sinkt. Der IWF rechnet in seiner Article-IV-Konsultation 2025 für dieses Jahr mit 4,5 Prozent. Die EU-Kommission stuft Deutschland 2025 erstmals seit Jahren wieder in der Kategorie "no imbalances" ein, weil der Überschuss zurückgeht. Das ist teils gut, teils Symptom: Der Export schwächelt, die Industrie kämpft mit Energiepreisen, Lieferketten und geopolitischer Unsicherheit. Dass die EU entspannter wird, bedeutet nicht, dass das Grundproblem gelöst wäre.
Die strukturelle Kritik am Überschuss bleibt: Wenn ein Land dauerhaft mehr produziert als es konsumiert und investiert, steht dem auf der anderen Seite ein Defizit anderer Länder gegenüber. Buchhalterisch baut das Überschussland Forderungen gegen das Ausland auf. Politisch wird das gerne als Stärke erzählt. Volkswirtschaftlich ist es nur dann dauerhaft sinnvoll, wenn diese Auslandsforderungen gute Renditen bringen und stabil bleiben. Genau daran gab es Zweifel. Das DIW hat schon 2013 kumulierte Bewertungsverluste auf das deutsche Nettoauslandsvermögen seit 2006 auf über 20 Prozent eines Jahres-Bruttoinlandsprodukts beziffert, damals rund 600 Milliarden Euro. Das deutsche Geld, das als Überschuss ins Ausland wanderte, hat also nicht immer gut gearbeitet.
Drittens: Vermögen ist nicht dasselbe wie gehortetes Geld. Auch richtig. Wenn Aktien- oder Immobilienwerte steigen, liegt nicht mehr Bargeld im Safe. Das Vermögen ist Preis mal Menge, und Preise können sich bewegen, ohne dass sich die Geldmenge ändert. Der Umverteilungseffekt läuft nicht über Geldhortung, sondern über Asset-Preisinflation: Wer Vermögen besitzt, profitiert überproportional von steigenden Preisen für Immobilien und Aktien. Wer kein Vermögen hat, profitiert nicht, zahlt aber die teureren Mieten. Das ist der Mechanismus, nicht ein Tresor voller Bargeld.
Was einmal anders war
Es ist verlockend, an dieser Stelle auf das Wirtschaftswunder zu verweisen, und es ist teilweise berechtigt. Aber Vorsicht: Manches war damals besser, weil die Politik andere Entscheidungen traf. Anderes war besser, weil einmalige historische Umstände halfen, die sich nicht wiederholen lassen.
Zu den einmaligen Umständen: Westdeutschland erhielt durch den Marshallplan 1948 bis 1952 rund 1,4 Milliarden US-Dollar, heute etwa 18 Milliarden Euro. Historiker betonen, dass allein dieser Kapitalzufluss viel zu klein war, um das Wirtschaftswunder zu erklären. Wichtiger waren der Wiederaufbaubedarf nach der Kriegszerstörung, die demografische Dividende einer jungen Bevölkerung mit sechs Erwerbstätigen pro Rentner, und die günstige D-Mark im Bretton-Woods-Festkurssystem bis 1973. Diese Umstände lassen sich nicht wiederherstellen.
Was aber sehr wohl reproduzierbar wäre: die politischen Entscheidungen, die damals für eine relativ gerechte Verteilung sorgten.
Der Lastenausgleich von 1952 nahm den wohlhabenden Bürgern 50 Prozent ihres Vermögens weg, gemessen am Stichtag der Währungsreform 1948, zahlbar in bis zu 120 Vierteljahresraten über 30 Jahre. Das Gesetz war radikal, politisch mehrheitsfähig und brachte in der Summe rund 53 Milliarden D-Mark ein, die an Kriegsgeschädigte und Heimatvertriebene umverteilt wurden. Inflation entwertete einen Teil der Last real, das ist wahr. Aber der Eingriff war ernst gemeint und wurde durchgezogen.
Der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer lag ab 1946 bei 95 Prozent, 1975 noch bei 56 Prozent und liegt heute bei 42 Prozent, plus 3 Prozentpunkte Reichensteuer ab einem Jahreseinkommen von rund 278.000 EuroDie Vermögensteuer wurde 1997 ausgesetzt, nachdem das Bundesverfassungsgericht 1995 die konkrete Ausgestaltung beanstandet hatte. Das Gericht hatte nicht die Vermögensteuer an sich für verfassungswidrig erklärt, sondern die ungleiche Bewertung von Immobilien und Kapitalvermögen. Die damalige Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP entschied, die Steuer, statt zu reformieren, ersatzlos auszusetzen. Das Aufkommen 1996 hatte bei rund 9 Milliarden D-Mark gelegen. Das DIW schätzt, dass eine moderne Wiedereinführung zwischen 11 und 25 Milliarden Euro pro Jahr bringen würde, abhängig vom Design.
Die Erbschaftsteuer ist formal progressiv, im Endeffekt aber regressiv. Das Bundesverfassungsgericht hat 2014 die großzügigen Ausnahmen für Betriebsvermögen für verfassungswidrig erklärt, die Reform 2016 hat die Kritik nur teilweise adressiert. Laut DIW beträgt die effektive Steuerbelastung bei Erbschaften über 20 Millionen Euro im Durchschnitt 2,87 Prozent, bei Erbschaften darunter 9,3 Prozent. Je größer das Erbe ist, desto niedriger ist die Last. Ein neues Verfahren zu den Betriebsvermögensprivilegien liegt aktuell beim BVerfG.
Die paritätische Mitbestimmung, 1951 in der Montanindustrie eingeführt und 1976 auf andere Großunternehmen ausgeweitet, war ein zentrales Element der alten Ordnung Die öffentliche Investitionsquote, also Staatsinvestitionen gemessen am Bruttoinlandsprodukt, lag 1970 bei rund 5 Prozent Allein auf kommunaler Ebene beziffert das KfW-Kommunalpanel den aktuellen Investitionsstau auf 186 Milliarden EuroDieser historische Vergleich hat einen Zweck. Er zeigt, dass die Umverteilungsfrage kein Naturphänomen ist. Sie wird politisch gestaltet, oder sie wird politisch vernachlässigt. Die Bundesrepublik hatte zwischen 1950 und 1975 eine deutlich progressivere Verteilungspolitik als heute und gleichzeitig höhere Wachstumsraten und höhere Investitionen. Das Argument, hohe Spitzensteuersätze oder eine Vermögensteuer würden Wachstum ersticken, lässt sich historisch nicht halten.
Was heute hilfreich wäre
Viele Ökonom:innen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, beschreiben ähnliche Mechanismen: zu schwache Binnennachfrage, zu geringe öffentliche Investitionen, hohe Vermögenskonzentration und internationale Steuervermeidung. Uneinigkeit gibt es eher über die Rangfolge der Lösungen. Drei Vorschläge werden von mehreren unabhängigen Institutionen regelmäßig benannt.
Erstens: Eine wieder eingeführte Vermögensteuer oder eine einmalige Vermögensabgabe nach dem Muster des Lastenausgleichs. Das DIW hat dazu umfangreich gerechnet, Pikettys Team hat international Ähnliches vorgeschlagen. Die Kernidee ist, von den größten Vermögen einen Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Investitionen zu erheben, ohne die mittleren Einkommen zu belasten. Die Freibeträge würden so gewählt, dass nur das oberste ein bis zwei Prozent überhaupt betroffen ist.
Zweitens: Eine Stärkung der Tarifbindung. Das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung plädiert seit Jahren für ein Tariftreuegesetz, das öffentliche Aufträge nur an tarifgebundene Unternehmen vergibt, und für Allgemeinverbindlichkeitserklärungen als Instrument. Ziel ist, den Flickenteppich aus Tarif und Nicht-Tarif zu schließen. Daneben eine Dynamisierung des Mindestlohns entlang der Medianlohn-Entwicklung, wie sie die EU-Mindestlohnrichtlinie vorsieht.
Drittens: Eine konsequente Durchsetzung der globalen Mindeststeuer und eine Nachschärfung bei den Schlupflöchern. Gabriel Zucman und Kollegen haben in ihrer Arbeit The Missing Profits of Nations gezeigt, dass rund 40 Prozent aller multinationalen Unternehmensgewinne in Steueroasen verschoben werden. Pillar 2 adressiert einen Teil dieses Problems, ist aber durch Safe Harbours und Substanzausnahmen abgeschwächt. Eine Harmonisierung der Körperschaftsteuerbasis in der EU und ein Verzicht auf den Niedrigsteuerwettbewerb zwischen Mitgliedstaaten würde mehr bringen als alles, was auf rein nationaler Ebene erreichbar ist.
Dazu käme, was eigentlich die bescheidenste Forderung ist: eine öffentliche Investitionsoffensive, die den Rückstand bei Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung abbaut. Der Bundestag hat 2025 ein Sondervermögen für Infrastruktur beschlossen, 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre. Das ist ein ernsthafter Schritt, aber gemessen am kumulativen Investitionsstau seit den 1990er Jahren nur ein Teil der Antwort.
Das Feuer wieder heller machen
Ein Geldkreislauf ist keine Naturgesetzmäßigkeit. Er ist das Ergebnis einer langen Kette politischer, steuerlicher und regulatorischer Entscheidungen. Was oben reingegeben, wie verteilt, was nach außen verloren, was im Inland wieder ausgegeben wird, entscheidet eine Gesellschaft selbst.
Die deutsche Binnenwirtschaft leckt an vier Stellen gleichzeitig: Geld fließt nach oben und wird gespart, Geld fließt in den Finanzmarkt und heizt Vermögenspreise an, Geld fließt als Unternehmensgewinn ins Ausland, und die Löhne halten mit der Wertschöpfung nicht mit. Jedes Leck für sich wäre verkraftbar. Alle vier zusammen sind der Grund, warum eine Volkswirtschaft, die offiziell gewachsen ist, sich trotzdem wie eine schrumpfende Wirtschaft anfühlt.
Das ist nicht unabwendbar. Die Werkzeuge für Reparatur sind vorhanden, die Erfahrung mit ihrer Anwendung auch. Fehlend ist die politische Mehrheit, die bereit wäre, den obersten Teil des Kreislaufs wieder zur Mitarbeit zu verpflichten. Diese Mehrheit entsteht nicht von selbst. Sie entsteht, wenn hinreichend viele Menschen verstehen, warum ihr Leben sich angestrengter anfühlt als die makroökonomischen Zahlen es suggerieren, und wo das Geld stattdessen hingeht.
Eine Änderung würde sehr Vermögende um einen Teil ihres oft geerbten Vermögens entlasten, allerdings im ursprünglichen Sinn des Wortes: Ihnen würde ein Teil der gesellschaftlichen Last wieder zugeordnet. Wie wir in Teil 3 "Wer die Medien hat, hat die Meinung" schon ausgearbeitet haben, nutzen Vermögende und große Medienakteure ihre Reichweite auch, um bestehende Besitzverhältnisse politisch und in der gesellschaftlichen Meinungslandschaft zu verteidigen.
Das zu sehen, ist der erste Schritt. Das zu ändern, ist also der schwierigere. Aber es wäre möglich, weil es schon einmal möglich war.