Link Beschreibung
Nach ukrainischen Drohnenangriffen auf Rechenzentren des russischen Internetkonzerns Yandex verbreitete sich ab dem 11. Oktober 2026 eine Grafik, nach der die Aktivität rund um die AfD um bis zu 56 Prozent eingebrochen sei. Der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský teilte sie am Abend des 11. Oktober, der Beitrag kam laut der angezeigten Zählung auf rund 4 Millionen Aufrufe. Dazu schrieb er auf Englisch: "If confirmed, this is telling: Russian data centres get hit, and online activity around AfD suddenly plummets." Das heißt sinngemäß: Falls sich das bestätigt, sage das viel aus. Die Grafik trägt den Titel "Tägliche Aktivität über 3 Monate" und markiert zwei Einbrüche von minus 30 und minus 56 Prozent. Welche Plattform sie meint, woher die Daten stammen und was als "Aktivität" gezählt wurde, steht nicht darauf.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Was stimmt
Die Angriffe sind belegt. Laut Reuters via Moscow Times meldete Yandex am 11. Oktober, das Rechenzentrum in der Region Wladimir sei nach einem Drohnenangriff vollständig abgeschaltet. Zuvor waren Sasowo (8. Oktober) und Kaluga (9. Oktober) getroffen worden. heise online berichtet von massiven Ausfällen bei Yandex-Diensten. Auch ein Datenrückgang existiert: Laut Cybernews zeigt Cloudflare Radar für automatisierte Anfragen aus dem Yandex-Netz AS13238 einen Absturz auf 0,4 Prozent des Höchstwerts der vergangenen zwei Wochen. Parallel kursierte laut Mimikama die Behauptung, mehr als 99 Prozent der russischen Propaganda-Bots seien verschwunden. Sie dürfte auf diesen Wert zurückgehen.
Was diese Zahl misst
Es sind Zugriffe von Yandex-Robotern auf Webseiten. Yandex selbst führt AS13238 in seiner Dokumentation zu den eigenen Suchrobotern als Netz dieser Roboter. Cybernews zitiert dazu den Bluesky-Account antibot4navalny, der Bot-Netzwerke beobachtet: Die Cloudflare-Grafik zeige automatisierte Web-Crawler, mit denen Yandex das Netz durchsucht. Mit "Bots" sind hier Suchmaschinen-Crawler gemeint, nicht Accounts, die in sozialen Netzwerken Propaganda verbreiten. Wenn Yandex-Rechenzentren ausfallen, fallen auch Yandex-Crawler aus. Daraus folgt nichts über Konten, die Beiträge zur AfD verstärken. Für Russland insgesamt ist der Anteil automatisierter Zugriffe laut netzpolitik.org nicht deutlich zurückgegangen. Außerdem geben sich Social Bots als Menschen aus. Messungen wie die von Cloudflare erfassen laut netzpolitik.org wahrscheinlich einen guten Teil von ihnen gar nicht. Cybernews meldet, der Yandex-Wert habe am 11. Oktober begonnen, sich wieder zu erholen.
Was für die AfD-Zahlen fehlt
Die Grafik nennt weder Datenquelle noch Methode. Sie reicht auf der Zeitachse bis zum 15. Oktober, und der markierte Tiefpunkt liegt nahe diesem Ende, also nach dem Tag, an dem Zdechovský sie postete. Das hat auch Mimikama festgestellt. Ob die Grafik KI-erzeugt ist, ist nicht geklärt: Cybernews nennt sie so, netzpolitik.org gibt nur die Vermutung des Regensburger Informatikers Raphael Wimmer wieder, sie sei möglicherweise KI-generiert. Gesichert ist nur, dass der Ursprung unbekannt ist. Der Grünen-Stadtrat Robin Schlingheider verbreitete die Grafik auf Threads und räumte laut netzpolitik.org später ein, sie ungeprüft von einem anderen Post übernommen zu haben, der inzwischen gelöscht ist.
Was Gegendaten zeigen
Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) sieht nach Angaben von Geschäftsführer Josef Holnburger bei netzpolitik.org bislang keinen Rückgang anorganischer Likes und Retweets, schränkt aber ein, dafür sei es noch zu früh. Ein Entwickler veröffentlichte laut netzpolitik.org Daten, nach denen die Interaktionen auf dem X-Account der AfD bis zum 9. Oktober nicht gesunken waren. Das ist allerdings nur ein einzelner Account und ein Zeitraum vor den letzten Angriffen. Die von Rohtext veröffentlichten Zahlen aus Grok zeigen für den Vergleich von Samstag, 10. Oktober, mit Sonntag, 11. Oktober, bei deutschsprachigen X-Beiträgen Rückgänge bei allen vier Begriffen: AfD minus 19,3 Prozent, CDU minus 17,8, SPD minus 36,8, Grüne minus 28,6 Prozent (Rohtext). Die AfD ragt dabei nicht heraus. Rohtext weist selbst darauf hin, dass Suchbegriffe auch Kritik und Berichterstattung erfassen und Vergleichswerte früherer Wochenenden fehlen. Holnburger sagt außerdem laut netzpolitik.org, russische Desinformationsaktivität sinke am Wochenende üblicherweise. Mimikama konnte die Grok-Zahlen nicht unabhängig reproduzieren.
Zum Beitrag selbst
Zdechovský hat die Grafik nicht als gesichert dargestellt, sondern unter Vorbehalt geteilt ("If confirmed"). Er sprach in diesem Beitrag auch nicht von "99 Prozent der Propaganda-Bots". Die Zahl dürfte aus der Fehldeutung der Cloudflare-Daten stammen, die parallel kursierte. Trotzdem nutzt sein Beitrag die Grafik als Beleg für einen Zusammenhang zwischen den Angriffen und der Aktivität rund um die AfD, den keine geprüfte Datenlage stützt. Dass Russland Einflussoperationen in Deutschland betreibt, ist davon unabhängig belegt, etwa durch die Kampagne "Matrjoschka". Deren Reichweite fiel nach unserer Einordnung eines CORRECTIV-Faktenchecks bisher gering aus.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Die Angriffe auf Yandex und der Einbruch automatisierter Anfragen aus dem Yandex-Netz sind belegt, aber dieser Wert misst Suchmaschinen-Crawler und nicht Propaganda-Konten in sozialen Netzwerken. Für einen Rückgang der AfD-Aktivität um 30 oder 56 Prozent gibt es keine nachvollziehbare Datengrundlage, die Grafik nennt weder Quelle noch Methode. Ob Bot-Netzwerke durch die Angriffe geschwächt wurden, lässt sich derzeit weder bestätigen noch ausschließen.
