Link Beschreibung
Faktencheck von Leonie Wiegel bei Volksverpetzer vom 22. Mai 2026. Das World Climate Research Programme hat das Extremszenario RCP 8.5 (SSP5-8.5) aus dem CMIP7-Rahmenwerk genommen, weil es als unrealistisch gilt. Rechte Akteure von Donald Trump bis AfD deuten diesen Schritt um zur Behauptung, das UN-Klimakomitee habe damit eingestanden, die Klimakatastrophe sei ein Betrug. Karsten Hilse bezeichnete das Szenario in einer Bundestag-Aktuellen-Stunde am 20. Mai 2026 als "Horrorszenario, das nie auch nur im Ansatz plausibel war". AfD-Abgeordnete begrüßten den Schritt insgesamt als "Ende des größten Betrugs der Menschheit". Wiegel zeigt, dass das IPCC an der Entscheidung nicht beteiligt war und der Wegfall die Wirksamkeit von Klimaschutz bestätigt, statt ihn zu widerlegen.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Behauptung enthält gleich zwei sachliche Fehler.
Falsche Zuordnung: Nicht der IPCC, sondern das WCRP. Das Szenario RCP 8.5 (im aktuellen Framework auch als SSP5-8.5 bekannt) wurde nicht vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zurückgezogen, sondern von Wissenschaftlern im Rahmen des Coupled Model Intercomparison Project (CMIP), das zum World Climate Research Programme (WCRP) gehört. Das IPCC betreibt keine eigene Forschung und erstellt keine Klimaszenarien, es wertet veröffentlichte Fachliteratur aus. Der IPCC musste in einer eigenen Mitteilung vom 20. Mai 2026 ausdrücklich klarstellen, dass das fragliche Paper "fälschlicherweise dem IPCC zugeschrieben" wurde und er mit dem Szenarienwechsel nichts zu tun hat. Dieselbe falsche Zuordnung kursierte zuvor schon in deutschsprachigen rechten Medien, etwa als der Deutschland-Kurier titelte, der "Weltklimarat" habe die Apokalypse widerrufen.
Die tatsächliche Entscheidung liegt in einem im April 2026 veröffentlichten Paper von Detlef van Vuuren und mehr als 40 Co-Autoren begründet: Das CMIP6-Hochemissionsszenario SSP5-8.5 gilt demnach als nicht mehr plausibel, weil die Kosten erneuerbarer Energien stark gesunken sind, Klimapolitik greift und aktuelle Emissionstrends in eine andere Richtung zeigen. Das Szenario hatte noch einen massiven weiteren Ausbau der Kohleverbrennung vorausgesetzt, eine Entwicklung, die inzwischen als unrealistisch gilt. Carbon Brief hat die Fakten zur Debatte ebenfalls eingeordnet.
Falsche Schlussfolgerung: Kein Eingeständnis von Betrug. Dass ein Extremszenario aus einem Modellrahmen entfernt wird, weil es durch reale Entwicklungen unwahrscheinlicher geworden ist, belegt nicht, dass das Szenario je "falsch" war, geschweige denn, dass die Klimawissenschaft ein Betrug sei. RCP 8.5 beschrieb, was bei vollständig unkontrolliertem CO2-Ausstoß eingetreten wäre. Dass dieses Extremszenario heute als unplausibel gilt, ist gerade der Beleg dafür, dass Klimaschutzmaßnahmen Wirkung zeigen. Klimaszenarien sind keine Vorhersagen, sondern Planungsszenarien für unterschiedliche Entwicklungspfade.
Vor allem unterschlägt die rechte Deutung, dass die Neubewertung beide Enden des Szenarienspektrums betraf. Gestrichen wurde nicht nur das höchste, sondern auch das optimistischste Szenario: Eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad ohne deutliche Überschreitung gilt laut dem Paper von van Vuuren und über 40 Co-Autoren als nicht mehr erreichbar. Das ambitionierteste verbliebene "Very Low"-Szenario erreicht nur noch mit signifikantem Overshoot einen Spitzenwert von rund 1,7 Grad, bevor die Temperatur bis Ende des Jahrhunderts wieder darunter sinken soll.
Der Wegfall der Extreme ist also keine Entwarnung, sondern verschiebt die plausible Bandbreite auf einen weiterhin gefährlichen Pfad. Laut Carbon Brief führt das neue "High"-Szenario, das RCP 8.5 als oberes Extremszenario ablöst, bis 2100 noch immer zu rund 3,3 Grad Erwärmung (Bandbreite 2,5 bis 4,4 Grad); aktuell steuert die Welt auf etwa 2,5 bis 3 Grad zu. Wie schlimm es wird, hängt vom weiteren Handeln ab, ein "guter" Pfad ist unter den realistischen Szenarien aber keiner.
Dieselbe Erzählung erreicht das Feuilleton: Kristina Schröder in der WELT. Wenige Tage nach dem Szenarienwechsel trug die ehemalige CDU-Bundesministerin Kristina Schröder die Deutung in die Welt. Unter dem Titel "Die Apokalypse fällt aus. Können wir bitte noch mal über das Klimaziel sprechen?" macht sie aus dem Wegfall von RCP 8.5 das Argument, Klimaschutz sei überzogen und treibe Deutschland grundlos in die Deindustrialisierung. Ein weiterer Volksverpetzer-Faktencheck von Florian Aigner vom 27. Mai 2026 widerlegt auch diese Variante: Der Wegfall des Extremszenarios ist normaler Modellbetrieb, bei dem zugleich das optimistischste 1,5-Grad-Szenario gestrichen wurde, und das IPCC hat nichts zurückgenommen.
Vor allem stimmt die wirtschaftliche Schlussfolgerung nicht. Die Schwäche der deutschen Industrie kommt nicht vom Klimaschutz, sondern vom verschlafenen Umstieg auf Elektroantriebe und davon, dass Deutschland seine einst führende Solar- und Windbranche selbst zurückdrängte und die Technologieführerschaft an China verlor. Die Behauptung, man müsse sich zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichem Erfolg entscheiden, dreht die Ursache der Industriekrise damit ins Gegenteil.
AfD-Fraktion spinnt das Narrativ weiter: Hahn-PM vom 7. Juli 2026. Rund sechs Wochen nach der Widerlegung greift die AfD-Bundestagsfraktion die Erzählung erneut auf. In einer Pressemitteilung vom 7. Juli 2026 erklärt der klimapolitische Sprecher Prof. Dr. Ingo Hahn, die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage BT-Drs. 21/6514 bestätige, dass die Szenarien RCP 8.5 und SSP5-8.5 "keine plausible Beschreibung der tatsächlichen Entwicklung mehr" seien, und leitet daraus ab, die Grundlage der bisherigen Klimapolitik sei damit hinfällig. Epoch Times überschreibt dieselbe Debatte mit "Ende des größten Betrugs" oder "Bestätigung der Klimamaßnahmen". Die inhaltliche Widerlegung ist dieselbe wie oben: Der Wegfall des Extremszenarios ist ein regulärer wissenschaftlicher Vorgang, den das Science Media Center bereits im Mai eingeordnet hat; auch das ambitionierteste 1,5-Grad-Szenario ist weggefallen, die realistische Bandbreite bleibt gefährlich. Die AfD-Fraktion setzt das Framing also fort, obwohl die zentrale Behauptung seit Mai öffentlich widerlegt ist.
Fazit
Die Behauptung ist falsch: Das IPCC hat das Szenario RCP 8.5 nicht zurückgezogen und hat mit der Entscheidung nichts zu tun. Dass das Extremszenario aus dem CMIP7-Rahmen entfernt wurde, zeigt den Erfolg von Klimaschutzmaßnahmen, nicht das Gegenteil.
Änderungshistorie
- 8. Juli 2026: Ergänzt um die AfD-Bundestagsfraktions-PM von Ingo Hahn vom 7. Juli 2026, die den Wegfall von RCP 8.5 auf Grundlage der Antwort auf die Kleine Anfrage BT-Drs. 21/6514 als Bestätigung deutet, die Klimapolitik sei hinfällig. Hinweis, dass die AfD das Narrativ trotz seit Mai bestehender Widerlegung fortführt.
- 28. Mai 2026: Ergänzt um die WELT-Kolumne von Kristina Schröder, die dieselbe RCP-8.5-Deutung verbreitet, samt Widerlegung der These, der Wegfall des Szenarios mache Klimaschutz überflüssig und treibe Deutschland in die Deindustrialisierung.
