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Stand: 23.09.2026

Ansage: 20 Millionen zusätzliche Einwohner ohne Herleitung

Irreführend

Link Beschreibung

Unter der Überschrift "Wohnraum für 20 Millionen zusätzliche Einwohner: Welche Kraftanstrengung hat Deutschland dafür erbracht?" rechnet der Ansage-Autor David Cohnen am 22. September 2026 vor, was die Unterbringung von 20 Millionen Menschen kosten würde: 100 Großstädte mit je 200.000 Einwohnern, 800 Millionen Quadratmeter Wohnfläche, 8 bis 10 Millionen Arbeitsplätze und rund 50 Billionen Euro. Deutschland habe "diese zusätzliche Bevölkerung" zwar nicht durch Neubau, sondern durch Erweiterung bestehender Städte "aufgenommen". Daraus leitet der Text die Frage ab, ob Zuwanderung den Wohlstand je Einwohner erhöht oder senkt. Dass viele Zugewanderte über Arbeit, Steuern und Sozialbeiträge zum Gemeinwesen beitragen, räumt er ausdrücklich ein, entscheidend sei aber die Gesamtbilanz.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die ganze Rechnung ruht auf der Zahl von 20 Millionen, und die leitet der Text nirgends her. Er nennt weder einen Zeitraum noch eine Quelle und sagt auch nicht, wer zu diesen 20 Millionen zählen soll. Zwar räumt der Autor ein, Deutschland habe keine 100 Städte gebaut und keine 50 Billionen Euro ausgegeben, die Zahlen sollten nur "die Größenordnung sichtbar machen". Die Größenordnung selbst stellt er aber nicht in Frage. Dass Deutschland 20 Millionen zusätzliche Menschen "aufgenommen" habe, steht im Text als Tatsache.

In der Bevölkerungsstatistik findet sich dieser Zuwachs nicht. Ende 2025 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamts 83,5 Millionen Menschen in Deutschland, 110.000 weniger als ein Jahr zuvor. Die Nettozuwanderung von 235.000 Menschen reichte nicht aus, um den Überschuss der Sterbefälle über die Geburten von 352.000 auszugleichen (Destatis: Bevölkerung Deutschlands sinkt im Jahr 2025 um 0,1 %, 16. Juni 2026). Ende 1990 waren es 79,8 Millionen (Destatis: 35 Jahre Deutsche Einheit, 2. September 2025). Seit der Wiedervereinigung ist die Bevölkerung also um rund 3,7 Millionen gewachsen, nicht um 20 Millionen. Ganz exakt vergleichbar sind die beiden Werte nicht, weil der von 1990 auf der Volkszählung 1987 im früheren Bundesgebiet und dem Einwohnerregister der DDR beruht, der von 2025 auf dem Zensus 2022. An der Größenordnung ändert das nichts.

Nahe an den 20 Millionen liegt eine andere Zahl: 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte ermittelte der Mikrozensus 2025 (Destatis: 21,8 Millionen Menschen in Deutschland mit Einwanderungsgeschichte im Jahr 2025, 13. April 2026). Ob der Autor diese Zahl meint, sagt der Text nicht. Zu den "zusätzlichen Einwohnern" passt sie aber nicht. Gezählt werden alle, die seit 1950 selbst eingewandert sind, das sind 16,4 Millionen, und ihre 5,4 Millionen in Deutschland geborenen Kinder, sofern beide Eltern eingewandert sind. Diese Menschen leben in den bestehenden Städten und sind in den 83,5 Millionen enthalten. Sie kamen über 75 Jahre hinweg und aus sehr unterschiedlichen Ländern, die größten Gruppen aus Polen, der Türkei, der Ukraine, Russland und Syrien. Ein Viertel davon ist in Deutschland geboren und nie eingewandert.

Richtig ist: Ohne Einwanderung seit 1950 hätte Deutschland heute weniger Einwohner. Zugleich schrumpft aber die Zahl der Menschen ohne Einwanderungsgeschichte, 2025 laut Mikrozensus um 488.000 auf 56,8 Millionen. Der Zuwachs bei den Menschen mit Einwanderungsgeschichte, zu dem auch hier geborene Kinder zählen, gleicht diesen Rückgang zum großen Teil aus. Ohne die wachsende Zahl von Menschen mit Einwanderungsgeschichte wäre die Bevölkerung in Privathaushalten 2025 um 478.000 geschrumpft statt um 38.000. Gemessen an der Einwohnerzahl muss das Land deshalb nicht 20 Millionen Menschen zusätzlich versorgen, sondern den Nettozuwachs, und der liegt seit 1990 bei rund 3,7 Millionen.

Auch die übrigen Eckwerte der Modellrechnung, etwa 500 Milliarden Euro pro Stadt, gibt der Text als "realistischen Schätzwert" aus, ohne ihn zu belegen. Die einzige Zahl, für die der Text eine Quelle nennt, stimmt: Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt wuchs 2025 nach zwei Rezessionsjahren um 0,2 Prozent (Destatis: Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen, 15. Januar 2026).

Beim Thema Qualifikation vermischt der Text Belegtes und Unbelegtes. Dass vielen Eingewanderten ein Berufsabschluss fehlt, lässt sich mit amtlichen Zahlen stützen: Von den selbst eingewanderten 25- bis 34-Jährigen hatten 2025 rund 36 Prozent keinen beruflichen Abschluss und waren auch nicht in Ausbildung, in der Altersgruppe insgesamt waren es 17 Prozent. Dieselbe Erhebung zeigt aber auch, dass 33 Prozent dieser jungen Eingewanderten einen akademischen Abschluss haben, fast so viele wie in der Gesamtbevölkerung dieses Alters mit 34 Prozent (Destatis, Mikrozensus 2025). Der Satz, "viele Zugewanderten" verfügten "nicht über die kognitiven Voraussetzungen" für anspruchsvolle Ausbildungen, geht darüber weit hinaus. Ein fehlender Abschluss sagt etwas über Bildungswege und Zeugnisse, nichts über geistige Fähigkeiten. Einen Beleg für die Behauptung liefert der Text nicht.

Fazit

Die Behauptung, Deutschland habe 20 Millionen zusätzliche Einwohner aufgenommen, ist irreführend. Einen solchen Bevölkerungszuwachs weist keine amtliche Statistik aus: Seit 1990 ist die Bevölkerung um rund 3,7 Millionen gewachsen und 2025 sogar geschrumpft. Die ähnlich hohe Zahl von 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte umfasst Einwanderer aus 75 Jahren samt ihren hier geborenen Kindern, die schon Teil der Bevölkerung sind. Die Modellrechnung mit 100 Städten und 50 Billionen Euro baut damit auf einer Zahl ohne Herleitung auf. Die Behauptung über fehlende "kognitive Voraussetzungen" vieler Zugewanderter ist eine Pauschalunterstellung, für die der Text keinen Beleg nennt.