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Stand: 17.04.2026

Neonazis im Angriffsmodus: Brutal, vernetzt, kampfbereit

Link Beschreibung

SPIEGEL-TV-Reportage (16. April 2026) über die zunehmende Vernetzung rechtsextremer Gruppen in Deutschland. Die Sendung porträtiert Neonazi-Netzwerke wie Hammerskins, Combat 18 und die Jungen Nationalisten (JN) und zeigt, wie Kampfsport-Events, Rechtsrock-Konzerte und Aufmärsche zur Vernetzung der Szene genutzt werden. Zentrale Figuren sind Thorsten Heise (Thüringen) und Alexander Deptolla (Sachsen-Anhalt). Das SPIEGEL-TV-Team wurde während der Dreharbeiten von Thorsten und Thoralf Heise tätlich angegriffen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Thorsten Heise lebt seit 1999 in Fretterode (Thüringen) und ist seit Jahrzehnten eine der bekanntesten Führungsfiguren der deutschen Neonaziszene. Er ist Mitglied im Bundesvorstand der Partei Die Heimat (bis 2023: NPD) und mehrfach strafrechtlich verurteilt, unter anderem wegen schwerer Körperverletzung, Nötigung, Landfriedensbruch und Volksverhetzung. 2007 wurde er zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Laut Wikipedia: Thorsten Heise betreibt er als "Szene-Unternehmer" einen Rechtsrock-Versand, produziert rechtsextreme Musik und organisiert einschlägige Veranstaltungen.

Sein Sohn Nordulf Heise und der Neonazi Gian Luca Kyritz griffen 2018 zwei Journalisten in Fretterode mit Schraubenschlüssel, Baseballschläger und Messer an - ein Journalist erlitt einen Schädelbruch, ein weiterer eine Stichverletzung am Oberschenkel. Das Landgericht Mühlhausen verurteilte die Täter zunächst zu einer Bewährungsstrafe bzw. Sozialstunden. Nach Revision durch die Staatsanwaltschaft und einen der betroffenen Journalisten hob der Bundesgerichtshof dieses Urteil wegen "grundlegend fehlerhafter Beweiswürdigung" auf taz: BGH hebt Urteil gegen Neonazis auf (2024). Seit Dezember 2025 läuft das Revisionsverfahren am Landgericht Mühlhausen neu, dem Täter droht eine Haftstrafe. taz: Nach Angriff auf Journalisten: Fretterode-Prozess beginnt erneut

Nur acht Tage nach diesem Urteilsauftakt traf es das SPIEGEL-TV-Team selbst: Thorsten Heise schlägt auf den Kameramann ein, sein jüngerer Sohn Thoralf Heise setzt Pfefferspray gegen den Tonmann und erneut gegen den Kameramann ein. Thorsten Heise trägt dabei nach Angaben des Videos offenbar ein Jagdmesser. Nach dem Angriff veranlasste der Thüringer Innenminister noch am selben Abend eine Hausdurchsuchung im Gutshof Fretterode Endstation Rechts: Erneut Angriff auf Journalisten in Fretterode. Thoralf Heise ist in der Neonaziszene Thüringens aktiv, trainiert mit den Söhnen von Björn Höcke und ist bei der "Eichsfeldrevolte", einer Ortsgruppe der Jungen Nationalisten, aktiv. Antifa-Info.net: Das System Heise (April 2026)

Alexander Deptolla ist einer der bekanntesten rechtsextremen Vernetzer Deutschlands. Er war Mitorganisator des Kampfsport-Events "Kampf der Nibelungen" (KdN), das seit 2013 jährlich stattfand und 2019 erstmals verboten wurde. Das Verwaltungsgericht Dresden bestätigte das Verbot 2022 als rechtmäßig Belltower.News: K.o. für Kampf der Nibelungen. Deptolla zog 2023 von Dortmund nach Halberstadt im Harz taz: Westdeutsche Neonazis im Osten. Seither ist er maßgeblich an der Vernetzung der rechtsextremen Szene im Harz beteiligt: Unter seiner Führung bespielt die Szene das Label "Harz verteidigen", und Neonazis aus seinem Umfeld treten regelmäßig bei den Halberstädter Montagsdemos am Domplatz auf. Antifa-Info.net: West-Ost-Vernetzung (April 2025) Am 21. Dezember 2024, einen Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, war Deptolla Mitorganisator einer rechtsextremen Kundgebung am Magdeburger Hasselbachplatz, zu der etwa 2.000 Neonazis kamen. Antifa-Info.net: West-Ost-Vernetzung (April 2025)

Laut dem Verfassungsschutz von Sachsen-Anhalt ist Deptolla "zweifellos der bekannteste rechtsextremistische Vernetzer und Protagonist" und bundesweit aktiv.

Hammerskins Deutschland wurden im September 2023 durch Bundesinnenminister Nancy Faeser verboten, mit Durchsuchungen in zehn Bundesländern. Die Organisation hatte in Deutschland rund 130 Mitglieder BMI: Verbot Hammerskins Deutschland. Im Dezember 2025 hob das Bundesverwaltungsgericht das Verbot auf, weil das Innenministerium keine ausreichenden Belege für eine bundesweite Führungsebene liefern konnte. ZDF: Bundesverwaltungsgericht kippt Hammerskins-Verbot

Combat 18 wurde im Januar 2020 durch Bundesinnenminister Horst Seehofer verboten. Robin Schmiemann, im Video als führender Kopf der Gruppe porträtiert, verbrachte acht Jahre in Haft wegen eines Raubüberfalls (2007 schoss er auf ein Entführungsopfer) Nordstadtblogger: Nazi-Influencer und verurteilter Gewalttäter vor Landgericht angeklagt. Ab Juni 2025 musste er sich vor dem Landgericht Dortmund wegen Weiterführung von Combat 18 nach dem Verbot verantworten taz: Neonaziprozess in Dortmund - "Combat 18"-Mitglieder sehen Gericht als Bühne. Das Verfahren wurde nach acht Monaten gegen eine Geldauflage eingestellt Nordstadtblogger: "Combat 18"-Prozess nach acht Monaten gegen eine Geldzahlung durch die Neonazis eingestellt. Nordstadtblogger: Innenminister verbietet Combat 18

Knockout 51 aus Eisenach wurde vom Thüringer Oberlandesgericht im April 2026 als kriminelle Vereinigung eingestuft. Der Hauptangeklagte erhielt zwei Jahre und neun Monate Haft, weitere Mitglieder Bewährungs- und Haftstrafen. Eine Einstufung als terroristische Vereinigung lehnten die Richter ab. taz: Urteil im Knockout-51-Prozess (April 2026)

Die im Video genannte Zahl von rund 50.000 Rechtsextremisten entspricht dem Verfassungsschutzbericht 2024: Das Personenpotenzial stieg auf 50.250 Personen, ein Zuwachs von rund 24 % gegenüber dem Vorjahr (40.600). Die Zahl rechtsextremer Straftaten wuchs um 47,4 % auf 37.835. Das Bundesinnenministerium nannte diese Entwicklung "dramatisch". Die im Video genannte Zahl von über 50 Journalisten-Angriffen durch Rechtsextremisten im vergangenen Jahr wird durch Reporter ohne Grenzen gestützt: Für 2025 zählte die Organisation 55 Angriffe auf Journalisten; 18 dieser Angriffe stammten laut RSF aus dem rechtsextremen Milieu. Reporter ohne Grenzen: Nahaufnahme Deutschland 2026 BDZV: 55 Angriffe auf Journalisten (2026)

Die Jungen Nationalisten (JN) sind die Jugendorganisation der Partei Die Heimat (früher NPD) und werden vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem beobachtet. Sie sind nicht verboten, vertreten die Positionen der Mutterpartei aber nach eigener Aussage "aggressiver". Wikipedia: Junge Nationalisten

Fazit

Die Reportage zeichnet ein durch unabhängige Quellen bestätigtes Bild: Die rechtsextreme Szene in Deutschland wächst, vernetzt sich zunehmend über Parteigrenzen hinweg und tritt aggressiver auf. Die zentralen Behauptungen zu Personenzahlen, Verboten, Urteilen und der Bedrohung von Journalisten sind durch Verfassungsschutzberichte, Gerichtsakten und Medienberichte belegt. Der Angriff auf das SPIEGEL-TV-Team durch Thorsten und Thoralf Heise ist dokumentiert und führte zu polizeilichen Maßnahmen noch am selben Tag.