Link Beschreibung
Euronews-Artikel zu zwei Studien zum Kollisionsrisiko von Vögeln mit Offshore-Windkraftanlagen. Die Studie von Vattenfall und dem KI-Unternehmen Spoor im Offshore-Windpark Aberdeen beobachtete 19 Monate lang per KI-Auswertung 2.007 Vogelflugbahnen und stellte keinen einzigen Zusammenstoß fest. Die Studie des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) mit BioConsult SH analysierte über vier Millionen Vogelbewegungen per Radar und KI-Kameras und kam zu dem Ergebnis, dass über 99,8 Prozent der Zugvögel Windenergieanlagen zuverlässig meiden. Die Deutsche Wildtierstiftung warnt dennoch vor Risiken für heimische Brutvogelarten und fordert klare Mindestabstände gemäß Helgoländer Papier.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Beide Studien sind real und ihre Ergebnisse belastbar, müssen aber im Kontext ihrer Auftraggeber und ihres begrenzten Untersuchungsgegenstands eingeordnet werden.
Vattenfall/Spoor-Studie (Aberdeen, März 2026): Die Studie wurde von Vattenfall selbst in Auftrag gegeben und von The Biodiversity Consultancy ausgewertet. Positiv ist, dass Vattenfall unabhängige wissenschaftliche Validierung durch das renommierte British Trust for Ornithology eingeholt hat und ein Beratungsgremium mit Vertretern von RSPB, Marine Scotland Science, NatureScot und dem Joint Nature Conservation Committee eingebunden war. Laut Vattenfall-Pressemitteilung (März 2026) wurden 2.007 Flugbahnen aufgezeichnet; fünf wurden zunächst als mögliche Kollisionen markiert, bei Nachprüfung aber alle als Fehlalarme klassifiziert. Die statistische Schätzung ergab für den gesamten 19-monatigen Zeitraum lediglich 0,002 erwartete Kollisionen, gegenüber 13,5 Kollisionen, die vor dem Bau prognostiziert worden waren.
BWO/BioConsult-SH-Studie (November 2025): Die BWO-Pressemitteilung weist aus, dass die Studie vom Bundesverband Windenergie Offshore initiiert und von Unternehmen wie DanTysk Sandbank, EnBW, Iberdrola, Ørsted, RWE, Skyborn Renewables, Vattenfall und WindMW finanziert wurde. Die Untersuchung fand am "Windtestfeld Nord" bei Husum statt, einem Onshore-Standort nahe der Küste, der laut BWO als repräsentativ für Offshore-Parks gilt. Gemessen wurden Zugvögel während vier Zugzeiten (zwei Frühjahre, zwei Herbste, Februar 2023 bis November 2024). Wichtiger Befund: Die Kollisionsrate stieg auch bei hoher nächtlicher Zugaktivität nicht an; bisherige Annahmen über den Zusammenhang von Zugintensität und Kollisionsrisiko werden damit in Frage gestellt.
Die taz berichtet ergänzend, dass sich das Ausweichverhalten im Vergleich zu stehenden Anlagen besonders deutlich zeigt: Bei laufenden Rotoren fliegt nur ein Zwanzigstel so vieler Vögel durch die Rotorebene wie bei Stillstand. Rund ein Drittel der Zugvögel flog in der "Risikohöhe" zwischen 25 und 180 Metern; die durchschnittliche Flughöhe lag bei rund 300 Metern.
Einschränkungen beider Studien: Beide Untersuchungen wurden von Branchenakteuren finanziert und fokussieren auf Zugvögel und Seevögel. Ausdrücklich ausgeklammert sind Standvögel und heimische Brutvogelarten. Genau für diese Artengruppe warnt die Deutsche Wildtierstiftung in einer eigenen Studie (Schreiber/Voelsen 2024/2025) vor erheblichen Risiken: Fast 500 Anlagen stehen innerhalb von Schutzgebietsgrenzen, 60 Prozent aller Vogelschutzgebiete liegen im gesetzlich relevanten Prüfbereich von Windkraftanlagen. Alle 15 kollisionsgefährdeten Brutvogelarten sind betroffen. Die Studie kritisiert, dass die gesetzlichen Mindestabstände weit hinter den wissenschaftlichen Empfehlungen des Helgoländer Papiers zurückbleiben: etwa fordert das Papier 6.000 Meter Abstand zwischen Schreiadler-Nest und Windkraftanlage, der Gesetzgeber anerkennt nur 1.500 Meter als zentralen Prüfbereich.
Der Euronews-Artikel bildet beide Seiten fair ab, betont aber nicht ausreichend, dass die beiden positiven Studien ausschließlich Zug- und Seevögel betreffen und von der Windenergiebranche finanziert wurden.
Fazit
Die Kernaussage, dass Zugvögel Offshore-Windkraftanlagen zu über 99,8 Prozent aktiv meiden, ist durch die vorliegenden Studien gut belegt. Für Standvögel und kollisionsgefährdete Brutvogelarten an Land gilt das aber nicht, und dort zeigen unabhängige Studien erheblichen Handlungsbedarf. Der Euronews-Artikel ist korrekt, aber unvollständig: Die positive Befundlage für Zugvögel darf nicht als Entwarnung für den Vogelschutz insgesamt verstanden werden.
