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Stand: 18.10.2026

Journalistenwatch: "Judenenteignungen" in Berlin

Falsch

Link Beschreibung

Journalistenwatch nennt die in Berlin geplante Vergesellschaftung großer privater Wohnungsunternehmen am 18. Oktober 2026 "Judenenteignungen" und zieht eine Linie zu den Enteignungen der NS-Zeit. Begründet wird das damit, dass drei von 14 Unternehmen auf einer Liste aus einer Untersuchung jüdische Eigentümer oder Investoren hätten.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die "Liste" ist keine Enteignungsliste. Journalistenwatch verlinkt auf eine Untersuchung des Instituts empirica im Auftrag von Berliner Sparkasse, Berliner Volksbank, DKB und Investitionsbank Berlin (Juni 2026). Dort stellt Tabelle 1 die Wohnungsbestände großer Unternehmen in Berlin für 2018 und 2026 gegenüber. Die Tabelle hat 14 Zeilen, aber vier davon beschreiben Unternehmen, die es nicht mehr eigenständig gibt: ADO Properties ging 2020 in der Adler Group auf, die Deutsche Wohnen wurde 2021 von Vonovia übernommen, die Wohnungen von Akelius gingen an Heimstaden, der Bestand der BGP Gruppe wurde 2019 verkauft.

empirica nutzt die Tabelle, um den Bestand abzuschätzen, den die Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" mit ihrer Grenze von 3.000 Wohnungen im Blick hat (rund 240.000 Wohnungen). Ein Beschluss, welche Unternehmen betroffen sind, ist sie nicht. Der Unterschied zeigt sich an der Grenze von 10.000 Wohnungen, auf die sich Linke, Grüne und SPD in der Sondierung geeinigt haben (dazu unten mehr): Nach den Zahlen der Tabelle lägen nur Vonovia (138.354), Heimstaden (20.000), die Adler Group (17.329) und Covivio (17.000) darüber. TAG Immobilien (9.355), Grand City Properties (8.383), D.V.I. (7.696), Pears (6.200), Accentro (5.200) und die Hilfswerk-Siedlung (4.827) blieben darunter. Die Bestandszahlen stammen allerdings aus unterschiedlichen Jahren, von 2019 bis 2026, und sind deshalb nur ein grober Anhaltspunkt.

Für die Zuschreibung "jüdisch" fehlt jeder Beleg. Das Wort kommt in der empirica-Untersuchung nicht vor, und auch das Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft für dieselben Auftraggeber (Juni 2026) macht keine Angaben zur Religion von Eigentümern. Die Quote von 21,4 Prozent hat Journalistenwatch selbst errechnet. Welche drei Unternehmen gemeint sind, nennt der Text nicht. Das IW-Gutachten beschreibt die Eigentümer der größten Anbieter vor allem als internationale Investoren: Die Aktien von Vonovia, mit rund 140.000 Berliner Wohnungen mit Abstand der größte Anbieter, liegen überwiegend im Streubesitz, 90 Prozent halten institutionelle Investoren, größte Einzelaktionäre sind der norwegische Staatsfonds, BlackRock und ein niederländischer Pensionsfonds. Heimstaden gehört laut Gutachten skandinavischen Einzelinvestoren und institutionellen Investoren wie Pensionskassen, Covivio ist eine französische Immobiliengesellschaft in der Rechtsform eines REIT. Adler, Pears und Grand City gehören laut Gutachten mehrheitlich internationalen Investoren, mehr steht dazu nicht darin. Eine Angabe zur Religion gibt es nirgends, und für die Pläne ist sie kein Kriterium.

Die Schwelle stimmt nicht mehr. Journalistenwatch schreibt, enteignet werden sollten Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen. Das war die Forderung der Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" beim Volksentscheid 2021, wie das IW-Gutachten schildert. Im Sondierungsergebnis von Linke, Grünen und SPD vom 17. Oktober 2026 liegt die Grenze bei 10.000 Wohnungen: Konzerne dürfen einen Grundbestand von 10.000 Wohnungen behalten, vergesellschaftet werden nur die darüber hinausgehenden. Genossenschaften und gemeinwohlorientierte Akteure sind ausgenommen, ein Gesetzentwurf soll Mitte 2028 vorliegen. Laut ZDFheute steht das noch unter dem Vorbehalt der Parteigremien.

Der Vergleich mit der "Arisierung" trägt nicht. Grundlage der Pläne ist Artikel 15 des Grundgesetzes: Grund und Boden und Produktionsmittel können zum Zweck der Vergesellschaftung durch ein Gesetz überführt werden, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Das Auswahlkriterium ist die Größe des Bestands. "Arisierung" bezeichnet dagegen den staatlich organisierten Entzug jüdischen Eigentums im Nationalsozialismus, der Menschen traf, weil sie nach den Rassegesetzen als Juden galten, und der laut Wikipedia mit Zwangsverkäufen, Berufsverboten und Sonderabgaben bis zur Einziehung des Vermögens deportierter Juden reichte. Journalistenwatch räumt selbst ein, es handle sich diesmal nicht um "Arisierungen" aus rassischen Gründen. Damit widerspricht der Text seiner eigenen Schlagzeile: Eine Maßnahme, die unabhängig von der Religion der Eigentümer an der Bestandsgröße ansetzt, ist keine Judenenteignung. Der Satz, die Pläne seien "integraler Bestandteil der Politik" einer judenfeindlichen Partei, bleibt eine Unterstellung ohne Beleg.

Einiges stimmt: Die Linke strebt die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände tatsächlich an, und der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hatte am 6. August dem Stern gesagt, wenn Enteignungen die rote Linie der Linken seien, müsse sie sich eine andere Koalition suchen, "mit der SPD jedenfalls nicht" (so berichtet die taz nach AFP). Das Sondierungspapier ist allerdings noch kein Koalitionsvertrag. Ob die Vergesellschaftung wohnungspolitisch klug und mit einer Entschädigung unter Marktwert rechtlich haltbar wäre, ist eine ernsthafte Debatte, in der unter anderem der Landesrechnungshof Bedenken äußert. Mit der Frage, ob jüdische Eigentümer betroffen wären, hat diese Debatte nichts zu tun.

Fazit

Die Behauptung, in Berlin stünden "Judenenteignungen" bevor, ist falsch. Die Pläne knüpfen an die Größe des Wohnungsbestands an, nicht an die Herkunft oder Religion der Eigentümer, und für die behauptete jüdische Eigentümerquote legt Journalistenwatch keinen Beleg vor. Der NS-Vergleich setzt die Vergesellschaftung von Konzernbeständen mit der Verfolgung und Ausplünderung jüdischer Menschen gleich und verharmlost damit Letztere.