Zur Quelle "Journalistenwatch" springen
Stand: 07.10.2026

Journalistenwatch: Wald ist Hauptstandort der Windkraft

Falsch

Link Beschreibung

Journalistenwatch schreibt am 6. Oktober 2026 unter der Überschrift "Naturzerstörung bis zum letzten Baum? Immer mehr deutsche Waldgebiete werden Windparks geopfert" über Windenergie im Wald. Der Text nennt fast 50 Windvorranggebiete auf Flächen der Thüringer Landesforstanstalt und bundesweit 2.653 Anlagen auf Forstflächen (Stand Ende 2025, nach Fachagentur Wind und Solar) und bezeichnet den Wald als "Hauptstandort" der Windkraft.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Zahlen aus dem Text stimmen. Die Analyse der Fachagentur Wind und Solar (11. Auflage) nennt für Ende 2025 genau 2.653 Anlagen mit 8.117 Megawatt auf Forstflächen, zwölf Prozent der installierten Windleistung. Hessen (551), Brandenburg (537) und Rheinland-Pfalz (532) liegen vorn, dahinter Baden-Württemberg (414) und Bayern (323). Auch die rund 0,5 Hektar je Anlage passen: Die Fachagentur gibt im Schnitt 0,53 Hektar an, die von Baumbewuchs dauerhaft freizuhalten sind, bei einem Median von 0,50. Dass Windkraft im Wald zugenommen hat, stimmt ebenfalls. Ende 2024 standen laut dem Kompaktwissen der Fachagentur vom September 2025 noch 2.533 Anlagen im Wald, ein Jahr später waren es 120 mehr. Beeinträchtigungen für Waldböden, Fledermäuse und Vögel räumt auch die Fachagentur ein.

Der Satz, bundesweit sei der Wald "längst der Hauptstandort" der Windkraft, widerspricht den eigenen Zahlen des Textes. Dieselbe Analyse stellt die 2.653 Waldanlagen einem Gesamtbestand von 29.170 Anlagen mit 68.061 Megawatt gegenüber (Marktstammdatenregister). Das sind neun Prozent der Anlagen und zwölf Prozent der Leistung. Gut neun von zehn Windrädern stehen also außerhalb des Waldes. In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und den Stadtstaaten steht keine einzige Anlage im Forst, in Niedersachsen und Thüringen zusammen zehn. Selbst beim Zubau lag der Waldanteil nach dem Kompaktwissen mit 14 Prozent der neu installierten Leistung im Jahr 2024 weit unter einer Mehrheit.

Auch die Größenordnung des Eingriffs passt nicht zur Überschrift "bis zum letzten Baum". Die Fachagentur beziffert die durch Windräder derzeit beanspruchte Waldfläche auf 1.283 Hektar und rechnet dabei mit 0,48 Hektar je Anlage, dem Durchschnitt der bereits laufenden Anlagen. Deutschland hat laut derselben Analyse, die sich auf die Bundeswaldinventur stützt, rund 11,5 Millionen Hektar Wald. Das ist etwa ein Zehntausendstel, genauer 0,011 Prozent. Zum Vergleich: Die Satellitenauswertung des DLR erfasste von Januar 2018 bis April 2021 auf rund 501.000 Hektar Baumverluste, vor allem durch Dürre und Borkenkäfer. Das ist rund das 390-Fache der durch Windräder beanspruchten Fläche. Das DLR zählt dabei auch Flächen, auf denen Bäume gezielt gefällt wurden. Für den Zeitraum Herbst 2017 bis Herbst 2024 meldete es mehr als 900.000 Hektar, nachgewachsene Bäume sind dabei nicht abgezogen. Die Zahlen sind keine sauber vergleichbare Schadensbilanz, zeigen aber die Größenordnung. Hinzu kommen vorübergehend beanspruchte Flächen von durchschnittlich 0,59 Hektar je Anlage, die nach dem Bau wieder aufzuforsten sind, sowie gesetzlich vorgeschriebener Ausgleich.

Der Text führt an, Befürworter hielten das Ganze für unproblematisch, weil es nur um Wirtschaftswald gehe, und hält dagegen, dass dies nicht überall gelte. Das Kompaktwissen der Fachagentur beschreibt die Praxis so: Vorrangig werden forstwirtschaftlich intensiv genutzte Bestände mit geringem Naturschutzwert in Anspruch genommen, etwa reine Fichten- oder Kiefernbestände, Kahlschläge und Windwurfflächen. Naturnahe und unzerschnittene Wälder sollten nicht genutzt werden. Das ist eine Empfehlung und keine Vorschrift, der Einwand von Journalistenwatch ist also berechtigt. Als umstrittene Standorte nennt der Text den Reinhardswald, den Teutoburger Wald und den Ebersberger Forst. Belege dafür, dass dort naturnaher Wald weichen muss, liefert er nicht. Für den Reinhardswald gibt er selbst an, gebaut werde "vor allem in Fichtenforsten". Dass um einzelne Standorte gestritten wird, ändert nichts am Gesamtbild der Zahlen.

Zu Thüringen folgt der Text in den Kernpunkten einer Pressemitteilung der AfD-Landtagsfraktion vom 29. September 2026, ohne sie zu nennen. Grundlage ist die Antwort der Landesregierung vom 4. September 2026 auf eine Kleine Anfrage der AfD-Abgeordneten Nadine Hoffmann. Deren Anlage listet 49 Windvorranggebiete, die ganz oder teilweise auf Flächen der Landesforstanstalt liegen: 19 in Südwestthüringen, 17 in Ostthüringen, zehn in Mittelthüringen und drei in Nordthüringen. "Fast 50" stimmt also. 48 der Gebiete stehen in Planentwürfen, eines in einem geltenden Regionalplan. Was er weglässt, steht in derselben Antwort: Für 14 Gebiete liegen Voranfragen von Projektentwicklern vor, für zwei gibt es Planungen. Von den drei bestehenden Nutzungsverträgen betreffen zwei Offenland und keinen Wald, beim dritten stellt die Landesforstanstalt Waldflächen für eine Kabeltrasse und ein Lager außerhalb des Vorranggebiets bereit. Gestattungsverträge für den Bau von Windrädern auf ihren Flächen bestanden zum Stichtag 13. August 2026 nicht. Hoffmanns Wertung, Windenergie im Wald sei ein "umweltpolitischer Sündenfall", gibt der Text als ihre Position wieder, ebenso ihre Forderung, die bundesweiten Flächenziele abzuschaffen.

Die Gesetzesänderung von Ende 2025 gibt es. Der Thüringer Landtag nahm am 17. Dezember 2025 einen Gesetzentwurf von CDU, BSW und SPD zur Weiterentwicklung der Landesforstanstalt an. Er gibt der Anstalt mehr Spielraum für wirtschaftliche Tätigkeiten, unter anderem bei erneuerbaren Energien. Wie viel Wind im Wald dadurch tatsächlich entsteht, ist offen: Ende 2025 standen in Thüringen nach der Fachagentur erst vier Anlagen im Forst, mit zusammen 14 Megawatt.

Die Fristen des Windenergieflächenbedarfsgesetzes gibt der Text richtig wieder. Nach § 3 des Gesetzes muss jedes Bundesland bis zum 31. Dezember 2027 mindestens den Flächenbeitragswert der ersten Stufe und bis zum 31. Dezember 2032 den der zweiten Stufe ausweisen. Die Länder dürfen mehr und früher ausweisen. Das Gesetz schreibt nicht vor, dass dafür Wald genutzt wird. In waldreichen Ländern lassen sich die Flächenziele nach Einschätzung der Fachagentur aber nicht allein im Offenland erreichen. Dass die Flächenziele dazu beitragen, dass Wald für Windkraft ausgewiesen wird, trifft also zu.

Fazit

Die Behauptung ist falsch. Im Wald stehen neun Prozent der Windräder mit zwölf Prozent der Leistung, gut neun von zehn Anlagen stehen außerhalb. Die durch Windräder beanspruchte Fläche macht etwa 0,011 Prozent der deutschen Waldfläche aus, auch die Überschrift "bis zum letzten Baum" ist damit durch keine Zahl im Text gedeckt. Richtig ist, dass Windräder im Wald zugenommen haben, dass sich die Flächenziele des Bundes in waldreichen Ländern nicht allein im Offenland erreichen lassen und dass die Thüringer Landesforstanstalt seit Ende 2025 mehr Spielraum für Geschäfte mit erneuerbaren Energien hat. Die Zahlen der Fachagentur gibt der Text korrekt wieder, sie widerlegen nur seine eigene Folgerung.