Link Beschreibung
Artikel der Jungen Freiheit vom 5. November 2026. Laut einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage des BSW, die der Bild-Zeitung vorliege, sei das Kindergeld ins Ausland von 45,7 Millionen Euro (2011) auf 528 Millionen Euro (2025) gestiegen, die Zahl der Kinder im Ausland von 103.559 auf 291.292. Dazu zitiert die JF Sahra Wagenknecht mit der Forderung, Kindergeld für Kinder, die nicht in Deutschland leben, dürfe es nicht länger geben.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Zahlen stammen aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit an das BSW, die nach Angaben der JF nur der Bild-Zeitung vorliegt und nicht öffentlich einsehbar ist. Die einzelnen Werte lassen sich trotzdem in veröffentlichten Statistiken wiederfinden, und dabei zeigt sich, dass die JF zwei verschiedene Größen vergleicht.
Die 45,7 Millionen Euro für 2011 und die 528 Millionen Euro für 2025 sind Überweisungen auf ausländische Konten. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine AfD-Anfrage (Drucksache 19/1275): Die Tabelle heißt "Ausländische Konten" und nennt 45.702.422 Euro für 2011. Diese Zahlen sagen, wohin das Geld überwiesen wird, nicht, wo das Kind wohnt. Die Erläuterungen zu den Tabellen halten ausdrücklich fest, dass ein Auslandskonto auch dann vorliegen kann, wenn die Kinder in Deutschland wohnen, und umgekehrt. Die 103.559 und 291.292 Kinder dagegen zählen Kinder mit Wohnsitz im Ausland, 2025 laut Familienkasse 291.292 von 17.565.810 Kindern, also 1,66 Prozent. Aus der Lücke zwischen "über 1.000 Prozent" und "181 Prozent" lässt sich deshalb nicht ableiten, dass die Beträge pro Kind im Ausland explodiert wären.
Zum Bild vom Geld, das "durch die Decke schießt", passt die Zeitachse nicht. Der große Anstieg lag in den Jahren nach 2011: Bis 2017 wuchsen die Überweisungen auf ausländische Konten von 45,7 auf 343 Millionen Euro. Den Ausreißer von 414 Millionen Euro im Jahr 2016 erklärt die Bundesregierung dort mit Nachzahlungen, weil ein Rückstau alter Fälle abgearbeitet wurde. 2023 waren es 525,7 Millionen Euro, 2024 nach Daten der Bundesagentur 514 Millionen, 2025 laut Familienkasse 528 Millionen Euro, also praktisch dasselbe. Die Zahl der Kinder im Ausland sinkt sogar: Ende 2023 waren es 313.226, Ende 2024 303.543, Ende 2025 291.292. Das Teaser-Wort "immer mehr" stimmt für die letzten Jahre nicht.
Die 528 Millionen Euro sind dieselbe Zahl, die schon im Januar 2026 die Runde machte. Neu sind nur der Vergleich mit 2011 und die Kinderzahl. Wir haben das Thema bereits geprüft: Maurice Höfgen ordnete die 528 Millionen damals ein. An dieser Einordnung ändert sich nichts. Die Summe macht weniger als ein Prozent des Kindergelds aus, das die Familienkasse 2025 ausgezahlt hat (rund 55,3 Milliarden Euro). 2011 lag der Anteil der Auslandskonten bei rund 0,14 Prozent, er ist also gewachsen, bleibt aber klein.
Auch die Länderangaben der JF passen nicht zur Statistik. In der Familienkasse-Tabelle sind die Kinder im Ausland nach der Staatsangehörigkeit der Eltern gegliedert, nicht nach dem Land, in dem die Kinder leben: 112.384 Kinder polnischer Berechtigter, 33.872 Kinder tschechischer Berechtigter, 32.459 Kinder rumänischer Berechtigter. Die JF macht daraus Kinder, die "in Tschechien" und "in Polen" lebten, und nennt für Polen gleich zwei verschiedene Zahlen.
Dass Kindergeld überhaupt ins Ausland fließt, ist EU-Recht: Nach Artikel 67 der Verordnung (EG) 883/2004 haben Familienangehörige Anspruch, als lebten sie im zuständigen Staat. Bei Doppelansprüchen regelt Artikel 68 die Rangfolge, der nachrangige Staat zahlt nur den Unterschiedsbetrag. Außerhalb von EU und EWR gibt es laut Bundesregierung Kindergeld grundsätzlich nicht, Ausnahmen betreffen Bosnien, Serbien und die Türkei zu niedrigeren Sätzen. Die Familienkasse prüft die Anspruchsvoraussetzungen regelmäßig, bei Berechtigten aus EU und EWR einmal im Jahr, und stellt die Zahlung ein, wenn sie nicht mehr vorliegen. Die Bundesagentur spricht laut infranken von Missbrauch nur in Einzelfällen.
Die JF knüpft außerdem an eine Recherche des MDR zu rumänischen Familien an. Wie NIUS dieselbe Recherche zugespitzt hat, steht in unserer Einordnung zu den Sozialausgaben für Rumänen in Magdeburg. Zahlen zum Kindergeld ins Ausland stehen dort nicht.
Fazit
Die Überschrift ist irreführend. Richtig ist, dass die Überweisungen auf ausländische Konten seit 2011 stark gestiegen sind und 2025 bei 528 Millionen Euro lagen. Falsch ist der Eindruck einer aktuellen Explosion: Die Summe stagniert seit 2023, die Zahl der Kinder im Ausland sinkt, und die JF stellt Überweisungen auf Auslandskonten neben Wohnsitzzahlen. Der Anteil am gesamten Kindergeld liegt unter einem Prozent.
