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Stand: 28.10.2026

NIUS: Sozialausgaben für Rumänen verzwanzigfacht

Irreführend

Link Beschreibung

NIUS-Artikel vom 28. Oktober 2026 nach einer Recherche von MDR Investigativ: Die SGB-II-Leistungen für rumänische Staatsangehörige in Magdeburg seien von rund 140.000 Euro (2013) auf über drei Millionen Euro (2025) gestiegen. Im selben Text steht, dass die Zahl der Rumänen in der Stadt von knapp 160 auf fast 3.000 wuchs. Warum Deutschland attraktiv sei, soll eine Modellrechnung des MDR zeigen: Eine neunköpfige Familie mit zwei geringfügig beschäftigten Eltern käme hier auf rund 4.500 Euro im Monat, in Rumänien auf rund 1.500 Euro. Dazu zitiert NIUS den Bürgermeister des rumänischen Dorfs Fântânele ("Hätte Deutschland diese Leistungen nicht angeboten, wären sie wohl nicht dort"), Marc Elxnat vom Deutschen Städte- und Gemeindebund zum Arbeitnehmerstatus bei Minijobs und Oberbürgermeisterin Simone Borris, die Stadt könne "bloß die Symptome bekämpfen". Bei der Familie, die der Artikel als Beispiel herausstellt, war laut Reportage die Behandlung einer chronischen Lungenerkrankung ausschlaggebend.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Überschrift nennt eine Summe und eine Gruppe, mehr nicht. Der Vorwurf dahinter ergibt sich aus dem Text selbst, aus Modellrechnung, Einzelfällen und dem Zitat aus Fântânele: Rumänen kämen nach Magdeburg, um hier Sozialleistungen zu beziehen. Belegt wird er nur mit Beispielen, eine Zahl dazu, wie viele aus diesem Grund kommen, nennt der Artikel nicht. Um diese Frage geht es im Folgenden, nicht darum, ob der Einzelne heute mehr bekommt als früher.

Nach der Wiedergabe von NIUS stiegen die SGB-II-Zahlungsansprüche rumänischer Staatsbürger in Magdeburg zwischen 2013 und 2025 von 143.000 Euro auf rund drei Millionen Euro. Im selben Text steht, dass sich die Zahl der Rumänen in der Stadt "nahezu verzwanzigfacht" habe, von knapp 160 auf fast 3.000. Nach der Statistik der Stadt Magdeburg lebten zum 31. Dezember 2024 genau 2.845 Menschen mit rumänischer Staatsangehörigkeit und Hauptwohnsitz in der Stadt, allein 2024 kamen nach der Auswertung der Stadt Magdeburg 292 hinzu. Die Ausgaben sind also ungefähr im selben Maß gewachsen wie die Gruppe. Das allein beantwortet die Frage aber noch nicht, denn entscheidend ist, wie viele der Zugezogenen von Leistungen leben.

Diese Zahl nennt der Artikel nicht, grob überschlagen lässt sie sich trotzdem. Nach Angaben der Bundesregierung lag der durchschnittliche Zahlungsanspruch je Leistungsberechtigtem 2025 bei 731 Euro im Monat, also knapp 8.800 Euro im Jahr. Drei Millionen Euro entsprechen damit rund 340 Leistungsberechtigten, Kinder eingerechnet, gut ein Zehntel der rumänischen Einwohner. Die Rechnung ist grob: Sie nutzt einen Bundesdurchschnitt, und lägen die Wohnkosten in Magdeburg darunter, wären es eher mehr als 340. Zudem stehen Ausgaben aus 2025 gegen Einwohner von Ende 2024. Die Größenordnung spricht aber nicht dafür, dass ein Großteil der Zugezogenen von Sozialleistungen lebt.

Ins bundesweite Bild passt das. Die SGB-II-Quote rumänischer Staatsangehöriger lag im Mai 2026 nach der Auswertung des Mediendienstes Integration auf Grundlage der Bundesagentur für Arbeit bei 8,9 Prozent, die der Gesamtbevölkerung bei 8,1 Prozent. Rumänen beziehen also kaum häufiger Grundsicherung als der Durchschnitt. Deutlich höher lag die Quote bei bulgarischen Staatsangehörigen mit 25,7 Prozent.

Auch rechtlich ist der Weg in die Grundsicherung enger, als die Meldung nahelegt. Wer aus einem anderen EU-Staat nur zur Arbeitsuche nach Deutschland kommt, hat keinen Anspruch auf Bürgergeld. § 7 SGB II schließt Ausländer aus, deren Aufenthaltsrecht sich "allein aus dem Zweck der Arbeitsuche" ergibt oder die gar keines haben, und in den ersten drei Monaten alle, die weder Arbeitnehmer noch Selbständige sind. Erst nach fünf Jahren gewöhnlichem Aufenthalt entfällt dieser Ausschluss. Leistungen bekommt in den ersten Jahren vor allem, wer hier arbeitet oder unfreiwillig seinen Job verloren hat und davon nicht leben kann, dazu die Familienangehörigen. Dafür kann schon ein Minijob reichen, darauf weist Elxnat im NIUS-Text hin, und genau an dieser Stelle setzt die Debatte über Missbrauch an. Wie oft das in Magdeburg vorkommt, lässt sich aus dem Artikel nicht ablesen.

Früher sah es in Magdeburg anders aus. 2017 meldete die Volksstimme, in der Stadt lebten 1.200 Rumänen, gut die Hälfte davon sei beim Jobcenter gemeldet. Im Februar 2017 bezogen laut Volksstimme mehr als 660 Rumänen Sozialleistungen, ein Jahr zuvor waren es 350. Gemessen an der Überschlagsrechnung wäre der Anteil seither deutlich gesunken, während sich die Zahl der Rumänen mehr als verdoppelt hat. Das spricht dafür, dass der größte Teil der Zuwanderung seither auf Menschen entfällt, die keine Grundsicherung beziehen.

Zwei Einschränkungen bleiben. "Sozialausgaben" ist weiter gefasst als die Zahl im Text: Gemeint sind nur SGB-II-Zahlungsansprüche, nicht Kindergeld oder Wohngeld. Und die Reportage des MDR sowie die zugrunde liegende Tabelle der Bundesagentur für Arbeit waren für diese Einordnung nicht einsehbar; die Zahlen stehen hier so, wie NIUS sie wiedergibt.

Fazit

Die Meldung ist irreführend. Sie legt nahe, Rumänen zögen nach Magdeburg, um Sozialleistungen zu beziehen. Die verfügbaren Zahlen stützen das nicht: Die Ausgaben wuchsen etwa so stark wie die Zahl der Rumänen in der Stadt, nach grober Rechnung bezieht gut ein Zehntel von ihnen Grundsicherung, bundesweit liegt die Quote kaum über dem Durchschnitt, und wer nur zur Arbeitsuche kommt, hat in den ersten fünf Jahren keinen Anspruch. Offen bleibt, wie viele der Magdeburger Leistungsbeziehenden Aufstocker mit kleinem Job sind. 2017 lag der Anteil im Leistungsbezug in Magdeburg noch deutlich höher.