Link Beschreibung
Faktencheck von Yannick Hanke zur MDR-Wahlarena der Sendung "Fakt ist!" vom 26. August 2026, in der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aufeinandertrafen. Geprüft werden fünf Aussagen beider Kandidaten, darunter Siegmunds Behauptung zu den weltweiten Strompreisen, seine Darstellung zur Inklusion und Schulzes Vorwurf "Frauen zurück an den Herd". Der Text erschien über das IPPEN-Netzwerk wortgleich auch bei Ablegern wie soester-anzeiger.de.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der geprüfte Satz stammt von Ulrich Siegmund und lautet, Deutschland habe die zweithöchsten Strompreise der Welt. Das trifft nicht zu. Und zwar unabhängig davon, wie man den Vergleich zuschneidet, denn in keiner der gängigen Erhebungen steht Deutschland an zweiter Stelle.
Für das zweite Quartal 2026 weist die im Artikel herangezogene Verivox-Auswertung zu weltweiten Strompreisen vier Länder oberhalb von Deutschland aus: Irland mit 42,6 Cent je Kilowattstunde, Bermuda mit 38,8 und Belgien mit 37,4. Deutschland folgt mit 35,6 Cent auf Platz vier. Verfehlt ist Platz zwei damit nicht knapp, sondern um zwei Ränge.
Real ist allerdings der Kern, aus dem die Zuspitzung entsteht. Unter den G20-Staaten zahlt Deutschland tatsächlich am meisten, vor Italien mit 34,5 und dem Vereinigten Königreich mit 32,4 Cent. Der G20-Durchschnitt liegt bei rund 16,3 Cent, deutsche Haushalte zahlen also mehr als das Doppelte. Vor fünf Jahren lag Deutschland derselben Auswertung zufolge mit 31,8 Cent sogar weltweit an der Spitze. Wer den Strompreis politisch angreifen will, findet in diesen Zahlen reichlich Material. Die Behauptung eines weltweiten zweiten Platzes gehört nicht dazu.
Bei alldem misst so ein Rangplatz weniger, als er suggeriert. Verglichen werden Endkundenpreise, und in die geht ein, wie ein Land seine Netz- und Abgabenlast verteilt. In Deutschland läuft beides fast vollständig über die Stromrechnung: Von 37,0 Cent je Kilowattstunde entfallen laut BDEW-Strompreisanalyse nur 15,2 Cent auf Beschaffung und Vertrieb, also auf den Strom selbst. Die restlichen knapp 60 Prozent sind Netzentgelte (9,2 Cent) sowie Steuern, Abgaben und Umlagen (12,6 Cent). Wo ein Staat diese Posten stattdessen aus dem Haushalt trägt, sinkt der Endkundenpreis, ohne dass die Kosten verschwinden; sie tauchen nur an anderer Stelle auf.
Wie stark das wirkt, führt Deutschland 2026 selbst vor. Der Bundestag beschloss am 13. November 2025 einen Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds an die Übertragungsnetzbetreiber, verankert in einem neuen § 24c des Energiewirtschaftsgesetzes. Deutscher Bundestag: Netzbetreiber erhalten Zuschuss zur Strompreissenkung Ein Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch wird dadurch um rund 100 Euro entlastet. Dieselben Netzkosten fallen weiter an, sie stehen nur nicht mehr auf der Stromrechnung. Der Wert, mit dem Deutschland in der Rangliste steht, ist also bereits das Ergebnis einer solchen Verschiebung.
Für die geprüfte Aussage ändert das nichts: Platz vier bleibt Platz vier, und die Verlagerung drückt den deutschen Wert eher, als dass sie ihn hebt. Sie zeigt aber, dass die Unterscheidung zwischen Rang zwei und Rang vier ohnehin eine Scheingenauigkeit ist. Verivox stützt sich auf Daten von Global Petrol Prices und weist Deutschland mit 35,6 Cent aus, der BDEW kommt für dasselbe Jahr auf 37,0 Cent. Belastbar an dem Befund ist die Größenordnung, nicht die Platzziffer, und in dieser Größenordnung liegt Deutschland unstrittig weit oben.
Aufschlussreich ist die Reaktion aus dem eigenen Lager. Apollo News griff den Faktencheck einen Tag später unter der Überschrift auf, Bermuda habe ja ähnlich hohe Strompreise wie Deutschland. Bestritten wird dort aber nicht die Rangfolge. Zur Debatte steht nur, ob ein Inselstaat mit teuren Brennstoffimporten ein sinnvoller Vergleichsmaßstab sei. Das ist eine Debatte über die Auswahl der Vergleichsländer, keine Widerlegung. Ohne Bermuda lägen noch immer Irland und Belgien vor Deutschland.
Vier weitere Aussagen aus der Sendung prüft der Artikel ebenfalls. Siegmunds Darstellung, seine Partei wolle jedes Kind individuell betrachten statt die Inklusion abzuschaffen, deckt sich nicht mit dem Programm der AfD Sachsen-Anhalt, das die "unverzügliche" Abschaffung der Inklusion und den Ausbau der Förderschulen fordert. Der Vorwurf von Sven Schulze, die AfD wolle "Frauen zurück an den Herd", steht so nicht im Programm, ist also zugespitzt; belegt ist ein traditionelles Familienbild samt Ersetzung der Gleichstellungs- durch Familienbeauftragte. Bestätigt wird, dass Alice Weidel Ende August im ZDF eine Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt als "ersten Schritt" bezeichnete. Und im Wahlprogramm steht tatsächlich "Mehr 1813 und 1871, Geschichtslehrpläne überarbeiten", verbunden mit dem Bismarck-Reich als "Inspiration und Vorbild".
Zur Einordnung des Fundstücks selbst: Verfasst hat den Faktencheck Yannick Hanke, erschienen ist er am 26. August 2026 auf merkur.de, nicht beim Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), dessen Sendung "Fakt ist!" lediglich der geprüfte Anlass ist. Über das Ippen-Netzwerk lief derselbe Text wortgleich unter weiteren Markennamen, etwa beim Soester Anzeiger. Wer mehrere dieser Fassungen nebeneinander sieht, sollte sie nicht als voneinander unabhängige Bestätigungen lesen.
Fazit
Siegmunds Aussage ist falsch. Deutschland lag im zweiten Quartal 2026 mit 35,6 Cent je Kilowattstunde auf Platz vier der teuersten Länder, hinter Irland, Bermuda und Belgien. Richtig bleibt, dass Deutschland unter den G20-Staaten den höchsten Strompreis hat und mehr als doppelt so viel zahlt wie der G20-Durchschnitt. Die Zuspitzung auf einen weltweiten zweiten Platz macht aus einem belegbaren Befund eine unbelegbare Rangangabe. Hinzu kommt, dass die Platzziffer selbst wenig trägt: Verglichen werden Endkundenpreise, in denen Netzentgelte und Abgaben stecken, und wie stark ein Staat diese über die Stromrechnung statt über den Haushalt finanziert, ist eine politische Entscheidung. Belastbar ist die Größenordnung, und die spricht ohnehin für sich.
