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Stand: 11.03.2026

Herkunft von Tatverdächtigen wird häufiger berichtet als ihrem Anteil entspricht

Link Beschreibung

Eine Studie des Journalismus-Professors Thomas Hestermann (Makromedia Hochschule Hamburg) im Auftrag des Mediendienst Integration zeigt: Wenn Fernsehen und Tageszeitungen über Gewaltkriminalität berichten und dabei die Herkunft von Tatverdächtigen nennen, sind Nichtdeutsche massiv überrepräsentiert, im TV etwa dreifach gegenüber ihrem tatsächlichen Anteil in der Polizeilichen Kriminalstatistik. Monitor fasst die zentralen Befunde zusammen.

Zitat der Video-Beschreibung:

Wenn Nichtdeutsche eine Gewalttat verüben, wir darüber oft und viel berichtet. Und die Herkunft der Tatverdächtigen wird viel häufiger genannt, als es ihrem Anteil in der polizeilichen Kriminalstatistik entspricht.

👉 Wenn zum Beispiel Fernsehberichte über Gewaltdelikte berichten und dabei die Herkunft von Tatverdächtigen nennen, handelt es sich in 94,6 Prozent um Nichtdeutsche. Der polizeilich erfasste Anteil ausländischer Tatverdächtiger bei Gewaltdelikten liegt in der polizeilichen Kriminalstatistik (2024) bei 34,3 Prozent. Ausländische Tatverdächtige ist im Fernsehen also etwa dreifach überrepräsentiert. In Zeitungen sieht es kaum anders aus.

👉 Die Zahlen hat Thomas Hestermann, Professor für Journalismus an der Makromedia Hochschule Hamburg, in einer Expertise für den Mediendienst Integration erhoben. Dafür hat er in insgesamt vier Wochen von Januar bis April 2025 die reichweitenstarken bundesweiten Fernsehsender ARD, ZDF, RTL, Sat.1, ProSieben, Kabel Eins, Vox und RTL2 untersucht. 168 TV-Beiträge über Gewaltkriminalität in Deutschland mit 146 Tatverdächtigen wurden erfasst. Ebenfalls analysiert hat Hestermann die auflagenstarken bundesweiten Tageszeitungen Bild, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Welt und taz. Aus insgesamt 116 Zeitungsausgaben flossen 330 Beiträge mit 263 Tatverdächtigen in die Studie ein.

👉 Auffällig ist der Expertise zufolge auch, dass Tatverdächtige aus muslimischen Ländern überrepräsentiert sind. Fast drei Viertel der ausländischen Tatverdächtigen in den Medienberichten stammen aus überwiegend muslimischen Ländern. Das ist deutlich mehr, als die polizeiliche Kriminalstatistik für diese Länder ausweist (15,8 Prozent).

👉 Für Hestermann und auch für viele Kriminolog:innen belegt die Studie, dass die mediale Darstellung vor allem von Gewaltkriminalität verzerrt ist. Es entsteht der Eindruck, dass Nichtdeutsche deutlich krimineller und gewalttätiger seien als es die, auch schon aus vielfältigen Gründen verzerrten – offiziellen Statistiken ausweisen. Das kann Vorurteile verstärken.

(Tippfehler von uns korrigiert)

Monitor hat sich dem Thema auch im StudioM Format angenommen. Hier der Link zum Video.

Faktenfackel Bewertung

Was stimmt

Die von Monitor zitierten Zahlen entsprechen dem, was die Hestermann-Expertise tatsächlich dokumentiert. Die Kerndaten sind korrekt wiedergegeben:

  • Im Fernsehen nennen 25,4 Prozent aller Beiträge über Gewaltdelikte die Herkunft von Tatverdächtigen; in 94,6 Prozent dieser Beiträge sind die Genannten nichtdeutsch.
  • Die PKS 2024 weist 34,3 bzw. 34,4 Prozent nichtdeutsche Tatverdächtige bei Gewaltdelikten aus. Die Dreifach-Überrepräsentation ist damit rechnerisch korrekt.
  • Der Befund zu muslimisch geprägten Herkunftsländern (knapp drei Viertel der in Medien genannten ausländischen Tatverdächtigen vs. 15,8 Prozent in der PKS) wird ebenfalls korrekt wiedergegeben.
  • Hestermann führt diese Längsschnittanalyse seit 2007 durch; die 2025er Studie markiert nach seinen Angaben die bisher stärkste gemessene Verzerrung. Das stimmt mit den Originaldaten überein.

Was einzuordnen ist

Methodik der Studie: Die Studie basiert auf vier nicht-zusammenhängenden Analysewochen (Januar bis April 2025). Die Stichprobe umfasst 168 TV-Beiträge mit 146 Tatverdächtigen und 330 Zeitungsartikel mit 263 Tatverdächtigen. Das ist für eine Querschnittsanalyse vertretbar, hat aber Grenzen: Bei nur vier Wochen ohne transparent dokumentiertes Auswahlschema können saisonale Schwankungen oder zufällig häufige Großereignisse das Ergebnis beeinflussen. Ein Jahresverlauf wäre methodisch robuster.

Vergleichsgröße PKS: Die Studie vergleicht die Herkunftsnennung in Medienberichten mit dem Ausländeranteil unter Tatverdächtigen laut PKS. Das ist der naheliegendste Vergleich, hat aber eine bekannte Einschränkung: Die PKS erfasst Staatsangehörigkeit, nicht Herkunft. Ein eingebürgerter Syrer taucht in der PKS als "Deutscher" auf, in Medienberichten aber möglicherweise unter seiner Herkunft. Das kann die gemessene Überrepräsentation rechnerisch leicht aufblähen, der Grundbefund bleibt aber robust, weil der Effekt zu groß ist, um durch diese Unschärfe allein erklärt zu werden.

Nachrichtenwert als Erklärungsfaktor: Kritiker wenden ein, dass besonders schwere oder öffentlichkeitswirksame Taten häufiger berichtet werden und dass bei diesen der Ausländeranteil höher liegen kann als im PKS-Gesamtdurchschnitt. Das ist ein legitimer Einwand, Hestermann kontrolliert in der Studie nicht für Tatschwere. Die Studie belegt eine Verzerrung in der Berichterstattung, kann aber nicht vollständig zwischen "Nachrichtenwert" und "selektiver Herkunftsnennung" trennen.

Auftraggeber: Der Mediendienst Integration ist ein NGO, das sich dem Thema Migration und Medien widmet und eine klar positionierte Perspektive hat. Das macht die Studie nicht falsch, sollte aber bei der Einordnung bekannt sein. Hestermann ist ein ausgewiesener Forscher auf diesem Gebiet mit langjährigen Publikationen.

Fazit

Die von Monitor präsentierten Kerndaten sind korrekt und kommen aus einer seriösen, peer-anerkannten Langzeitstudie. Der Hauptbefund, nichtdeutsche Tatverdächtige werden in Fernsehen und Tageszeitungen bei Gewaltdelikten überproportional mit Herkunftsangabe genannt, ist methodisch gut belegt und durch Vergleichsjahre abgesichert. Einschränkungen bei Stichprobengröße, Auswahlzeitraum und dem PKS-Vergleich (Herkunft vs. Staatsangehörigkeit) sind real, heben den Grundbefund aber nicht auf. Monitor gibt die Studie korrekt und ohne wesentliche Übertreibung wieder.

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