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Stand: 12.10.2026

PI-News: 10.000 Mal mehr Syrer als Abschiebungen

Irreführend

Link Beschreibung

PI-News-Autor Manfred Rouhs stellt am 11. Oktober 2026 vier Abschiebungen nach Syrien seit dem Regierungswechsel rund 40.000 Zuzügen von Syrern von Januar bis September 2025 gegenüber und errechnet daraus ein Missverhältnis "von mehr als den Faktor 10.000". Als Quellen nennt er eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken und das Statistische Bundesamt. Außerdem schreibt er, diese Zahlen würden "von ARD, ZDF & Co. nicht veröffentlicht".

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Beide Ausgangszahlen stimmen. In der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Linken, Drucksache 21/7499 vom 6. August 2026, steht zu Frage 12: Seit 2015 sind vier Personen nach Syrien zurückgeführt worden, eine im Jahr 2025 und drei von Januar bis einschließlich Juni 2026. Die erste Abschiebung nach Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs fand laut ZDFheute am 23. Dezember 2025 statt. Das Statistische Bundesamt meldete für Januar bis September 2025 rund 40.000 Zuzüge syrischer Staatsangehöriger, nach gut 74.600 im Vorjahreszeitraum. Der Kontrast zwischen wenigen Abschiebungen nach Syrien und einer weit höheren Zuwanderung ist also real.

Auch die Zeiträume sind in Rouhs' Herleitung nicht sauber, ändern aber an der Größenordnung wenig. Die 40.000 Zuzüge fallen in die Monate Januar bis September 2025, also zum Teil vor Merz' Amtsantritt im Mai 2025, die vier Abschiebungen in die Zeit bis Ende Juni 2026, nicht bis Oktober, wie das "bislang" nahelegt. Seine Annahme, von Mai 2025 bis September 2026 seien "mehr als 40.000" Syrer zugezogen, ist nach den Destatis-Zahlen sehr wahrscheinlich richtig. Die monatlichen Destatis-Zahlen (Stand 2. Oktober 2026, vorläufig) weisen für August 2025 bis Juli 2026 allein 35.586 Zuzüge aus, und die rund 40.000 für Januar bis September 2025 bedeuten bei 7.500 Zuzügen im August und September 2025 laut derselben Tabelle im Schnitt mehr als 4.600 im Monat davor. Ein Faktor von etwa 10.000 auf Basis der Bruttozuzüge ist also nicht aus der Luft gegriffen. Die Frage ist, was dieser Faktor aussagt.

Zuzüge sind eine Bruttogröße. Sie zählen jede Anmeldung eines syrischen Staatsangehörigen aus dem Ausland, die Wanderungsstatistik erfasst nach den Angaben des Statistischen Bundesamts Wanderungsfälle und keine Personen. Laut Destatis sagen die Zahlen "nichts über die Gründe oder den etwaigen Asyl- oder Schutzstatus" der Zuziehenden aus. Nach derselben Mitteilung vom 7. November 2025 lag die Zahl der Asylerstanträge von Syrern von Januar bis September 2025 bei gut 19.200, also unter der Hälfte der Zuzüge. Im ganzen Jahr 2025 stellten Syrer laut Drucksache 21/7499 23.256 Asylerstanträge, im ersten Halbjahr 2026 waren es 4.997. Beide Zählungen sind nicht deckungsgleich, zeigen aber, dass "Zuzüge" und "Asylzuwanderung" nicht dasselbe sind.

Die Gegenrechnung fehlt. Im selben Zeitraum, für den Rouhs die 40.000 Zuzüge nennt, wurden laut der Mitteilung vom 7. November 2025 gut 21.800 Fortzüge von Syrern registriert, die Nettozuwanderung betrug 18.100. Auf einen Fortzug kamen also weniger als zwei Zuzüge. 2026 ist der Saldo nach den Monatszahlen fast ausgeglichen: Von Januar bis Juli stehen 18.654 Zuzügen 18.132 Fortzüge gegenüber, ein Plus von 522, und im Mai, Juni und Juli 2026 zogen jeweils mehr Syrer fort als zu. Für das ganze Jahr 2025 nennt Destatis in der Mitteilung vom 1. Juni 2026 einen Rückgang der Nettozuwanderung "aus Syrien" von 75.000 auf 25.000. Ob damit Herkunftsland oder Staatsangehörigkeit gemeint ist, sagt die Mitteilung nicht eindeutig, die Zahl lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres an die Monatswerte nach Staatsangehörigkeit anschließen.

Abschiebungen nach Syrien sind außerdem nur ein kleiner Teil der Ausreisen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge förderte seit Januar 2025 nach Angaben einer Sprecherin bis Ende Dezember 2025 3.678 tatsächliche Ausreisen nach Syrien, im ersten Halbjahr 2026 laut ZDFheute weitere 2.843. Hinzu kommen laut Drucksache 21/7499 Abschiebungen syrischer Staatsangehöriger in andere Staaten: 1.703 im Jahr 2025 und 492 im ersten Halbjahr 2026. Warum Abschiebungen nach Syrien selbst so selten sind, behandelt der Text nicht.

Zuletzt der Vorwurf, ARD, ZDF und andere verschwiegen die Zahlen. Beide Quellen sind öffentlich: Die Drucksache liegt beim Bundestag, die Destatis-Mitteilung ist die, auf die Rouhs selbst verlinkt. ZDFheute meldete die 40.000 Zuzüge samt Fortzügen, Nettozuwanderung und Asylanträgen am 7. November 2025, dem Tag der Destatis-Mitteilung, und die erste Abschiebung nach Syrien am 23. Dezember 2025. Ob eine Redaktion die Gesamtzahl von vier Abschiebungen gesondert gemeldet hat, ließ sich nicht feststellen. Für das ZDF und die Zuzug-Zahl stimmt die Aussage, die Zahlen würden "nicht veröffentlicht", nachweislich nicht. Für die ARD wurde das nicht geprüft.

Fazit

Die Darstellung ist irreführend. Vier Abschiebungen nach Syrien und rund 40.000 Zuzüge von Syrern sind belegt, der Kontrast ist real, und auch die Annahme, seit Mai 2025 seien "mehr als 40.000" Syrer zugezogen, ist plausibel. Der "Faktor 10.000" stellt aber die Bruttozuzüge aller syrischen Staatsangehörigen ausschließlich den Abschiebungen direkt nach Syrien gegenüber. Er lässt die Fortzüge außen vor, die allein von Januar bis September 2025 bei gut 21.800 lagen, ebenso die geförderten Ausreisen nach Syrien und die Abschiebungen von Syrern in andere Staaten. Stellt man den Zuzügen alle Fortzüge gegenüber, liegt das Verhältnis in diesem Zeitraum bei weniger als zwei zu eins und nicht bei 10.000 zu eins. Dass die Zeiträume von Zuzügen und Abschiebungen nicht zusammenpassen, ist ein Mangel der Herleitung, ändert an der Größenordnung aber wenig. Der Vorwurf, die Zahlen würden von den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht veröffentlicht, ist für das ZDF widerlegt: Es meldete die Zuzug-Zahl am Tag der Destatis-Mitteilung.