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Stand: 05.10.2026

PI-News: Islamische Mehrheit in Deutschland ab 2045

Falsch

Link Beschreibung

PI-News-Autor Conny Axel Meier behauptet am 5. Oktober 2026, Deutschland erreiche 2045 den "Kipppunkt" zu einer islamischen Mehrheit, die Schweiz schon 2038. Als Beleg dient das "Demography Dashboard" des von Martin Sellner gegründeten "Instituts für Remigration" in Magdeburg. Der Text nennt außerdem 46 Millionen Muslime in Europa und einen Staatsvertrag von 1984, der den Islam "de facto" zur Staatsreligion gemacht habe.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Das Dashboard zählt keine Muslime. Die Jahreszahlen 2045 und 2038 stammen tatsächlich aus dem Dashboard, aber nicht für eine "islamische Mehrheit". Das Modell teilt die Bevölkerung in "einheimisch" und "migrantisch" und definiert den Kipppunkt als das erste Jahr, in dem die migrantische Bevölkerung 50 Prozent der Gesamtbevölkerung überschreitet. Religion kommt als Kategorie weder in der Methodik noch in den Länderkapiteln der vollständigen Methodik (PDF, englisch) vor. Für Deutschland gilt dort die breite Definition des Mikrozensus: Als Migrant zählt, wer selbst nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde oder mindestens einen solchen Elternteil hat, einschließlich Spätaussiedlern und eingebürgerten Personen. Der Startwert liegt bei 31,0 Prozent, der Kipppunkt bei 2045. Für die Schweiz nennt das PDF 39,5 Prozent und 2038.

Zum Vergleich: Das Statistische Bundesamt zählt für 2025 26,3 Prozent der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte, also Eingewanderte und ihre in Deutschland geborenen Kinder zweier eingewanderter Eltern. Weitere 5,0 Prozent haben nur einen eingewanderten Elternteil. Das Dashboard rechnet diese Gruppe offenbar mit, daher der höhere Startwert. Von den 16,4 Millionen selbst Eingewanderten wurden laut Destatis 6,3 Millionen in Polen, der Türkei, der Ukraine, Russland oder Syrien geboren. Aus Eingewanderten wird dadurch weder eine religiöse Gruppe noch eine geschlossene Wählerschaft.

Die Rechnung ist ein Szenario. Das Dashboard selbst nennt seine Ergebnisse Projektionen, keine Vorhersagen. Es schreibt Geburtenraten und Sterblichkeit konstant fort und setzt die Zuwanderung als konstanten Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2024 an, einschließlich der Fluchtbewegungen von 2015 und 2022. Dass sich Geburtenraten von Zugewanderten und ihren Nachkommen den übrigen annähern, bildet das Modell nicht ab, wie die Methodik einräumt. Die Jahreszahl 2045 hängt also daran, dass sich an Zuwanderung und Geburtenraten zwei Jahrzehnte lang nichts ändert. Gestellt wird die Rechnung zudem von einem Institut, das den Erhalt einer "einheimischen Mehrheit" ausdrücklich als politisches Ziel beschreibt, wie die Methodik-Seite offen sagt.

Für die Zahl der Muslime gibt es eigene Schätzungen. Die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland 2020" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kommt für 2019 auf 5,3 bis 5,6 Millionen Muslime mit Migrationshintergrund, 6,4 bis 6,7 Prozent der Bevölkerung. Das Pew Research Center schätzte für 2016 knapp 5 Millionen oder 6,1 Prozent und rechnete für 2050 drei Szenarien durch: 8,7 Prozent ohne jede weitere Migration, 10,8 Prozent bei Fortsetzung regulärer Migration ohne Flüchtlinge und 19,7 Prozent, wenn die Fluchtbewegung von 2014 bis 2016 unbegrenzt anhielte. Pew nannte das hohe Szenario wegen geänderter Politik selbst weniger realistisch und sah Deutschland zwischen dem mittleren und dem hohen Fall. Die Studie ist neun Jahre alt und nur eine Modellrechnung, aber selbst ihr Extremfall bleibt weit unter der Hälfte der Bevölkerung. Eine "islamische Mehrheit" steht in keiner dieser Quellen.

Der Staatsvertrag von 1984 ist nicht belegt. Für einen Vertrag zwischen der Regierung Kohl und der Türkei, der dem Islam Sonderrechte oder den Status einer Staatsreligion gegeben hätte, gibt es keinen Beleg. PI-News nennt keine Quelle dafür. Im Jahr 1984 wurde allerdings die DITIB gegründet, der größte islamische Verband in Deutschland: Sie ist laut Wikipedia seit dem 5. Juli 1984 beim Amtsgericht Köln als eingetragener Verein registriert und untersteht der Aufsicht des türkischen Religionspräsidiums. Das ist eine Vereinsgründung, kein Staatsvertrag. Eine Staatsreligion schließt das Grundgesetz aus: Über Artikel 140 gilt Artikel 137 der Weimarer Verfassung, Absatz 1 lautet "Es besteht keine Staatskirche".

Die Europa-Zahlen bleiben ohne Beleg. PI-News nennt weder für 12 Millionen Muslime im Jahr 2000 noch für 46 Millionen im Jahr 2026 eine Quelle, und das Dashboard liefert sie nicht, weil es Religion nicht erfasst. Das Pew Research Center bezifferte die Muslime in der EU, Norwegen und der Schweiz für 2016 auf 25,8 Millionen oder 4,9 Prozent. Wie daraus bis 2026 gut 46 Millionen werden sollen, erklärt der Text nicht.

Fazit

Die Behauptung ist falsch. Das Dashboard errechnet für 2045 keinen Muslim-Anteil, sondern den Zeitpunkt, an dem Menschen mit Migrationshintergrund im weiten Sinn rechnerisch die Hälfte der Bevölkerung stellen könnten, unter Annahmen, die das Institut selbst als Modell bezeichnet. Muslime machen laut BAMF und Pew gut 6 Prozent der Bevölkerung aus, und auch Pews höchstes Szenario kommt 2050 auf weniger als 20 Prozent. Der angebliche Staatsvertrag von 1984 ist nicht belegt. Belegt ist für dieses Jahr nur die Gründung der DITIB als Verein.