Link Beschreibung
Übersetzung eines Textes von Pierre Gosselin (NoTricksZone, 29. August 2026) durch Christian Freuer, veröffentlicht bei Europäisches Institut für Klima und Energie (EIKE) am 2. September 2026. Ausgewertet werden Daten von meereisportal.de für jeweils den 27. August: für 1990 bis 2006 ein Rückgang von 0,105 Millionen Quadratkilometern pro Jahr, ab 2007 nur noch 0,01. Daraus wird geschlossen, die Meereisausdehnung sei seit zwei Jahrzehnten stabil.
Der Beitrag enthält neben dem Meereis-Teil zwei weitere Behauptungen: ein angebliches Rekord-Minimum der verbrannten Fläche in Europa 2026 unter Berufung auf das europäische Waldbrand-Informationssystem GWIS und eine Zyklonenergie im Atlantik von angeblich nur 11 Prozent der üblichen Aktivität unter Berufung auf Daten der Colorado State University. Beide Zahlen werden hier nicht geprüft und nicht übernommen, sondern nur als Inhalt des Beitrags wiedergegeben. Die folgende Einordnung bezieht sich ausschließlich auf den Meereis-Teil.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Der im Text zitierte Trendwert für den 27. August selbst ist nicht das Problem: Ein von 2007 an berechneter Trend für einen einzelnen Kalendertag kann tatsächlich nahe null liegen. Verzerrend ist die Auswahl von Startjahr, Tag und Kenngröße.
2007 markierte laut NSIDC: Arctic Sea Ice Breaks 2007 Extent Record zum damaligen Zeitpunkt das absolute Rekordtief der arktischen Meereisausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen 1979. Eine zweite Zeitreihe, die genau an diesem Einbruchsjahr beginnt, startet an einem statistischen Ausreißer nach unten. Jeder nachfolgende Rückgang erscheint dadurch rechnerisch abgeflacht, ein ähnlicher Effekt wie bei der bekannten "1998 war ein Rekordjahr, seitdem hat sich die Erwärmung verlangsamt"-Argumentation zur globalen Temperatur: 1998 war laut Carbon Brief: How to cherry-pick your 'Global warming has stopped' argument - in pictures durch ein starkes El-Niño-Ereignis ein außergewöhnlich warmes Jahr, und wer die Erwärmung erst ab diesem Ausreißer misst, kann je nach gewähltem Endpunkt einen scheinbaren Stillstand herausrechnen.
Auch die Beschränkung auf einen einzigen Kalendertag verzerrt das Bild, allerdings anders, als der reine Zahlenvergleich nahelegt. Für den gesamten Monat August, nicht nur den 27., beträgt der lineare Trend über die komplette Satellitenreihe 1979 bis 2025 laut NSIDC: Taking a bite out of the Beaufort minus 70.500 Quadratkilometer pro Jahr beziehungsweise 9,8 Prozent pro Jahrzehnt, bezogen auf den Durchschnitt 1981 bis 2010. Dieser Wert belegt, dass das arktische Meereis im August über den gesamten Messzeitraum seit 1979 deutlich zurückgegangen ist. Er belegt nicht, ob der Rückgang auch im engeren Fenster seit 2007 anhielt, denn er vergleicht nicht nur einen Tag mit einem Monat, sondern gleichzeitig auch 47 Messjahre mit den im EIKE-Text herangezogenen 20. Ein Trend über die volle Satellitenreihe kann eine Aussage über die vergangenen zwei Jahrzehnte für sich genommen weder bestätigen noch widerlegen.
Wie belastbar ein nahezu unveränderter Wert über ein Fenster von 15 bis 20 Jahren beim arktischen Meereis überhaupt ist, hat das NSIDC am Beispiel des Septemberminimums selbst untersucht. Der NSIDC-Wissenschaftler Walt Meier teilte die Messreihe seit 1979 in drei etwa gleich lange Abschnitte: 1979 bis 1992, 1993 bis 2006 und 2007 bis 2021. Für den letzten Abschnitt, der sich fast mit dem im EIKE-Text verwendeten Zeitraum ab 2007 deckt, fand er laut NSIDC: Climate change or variability: What rules Arctic sea ice? einen so schwachen Rückgang, dass er statistisch nicht von null zu unterscheiden war, einen nahe-null-Trend also, wie ihn auch der EIKE-Text für den 27. August errechnet. Meier erklärt das mit natürlicher Variabilität, die vor allem über Zeiträume von 10 bis 15 Jahren wirkt: Je länger die betrachtete Periode wird, desto stärker setzt sich der langfristige Erwärmungstrend gegenüber diesem Rauschen durch. Ein nahezu unveränderter Wert über ein 15- bis 20-Jahres-Fenster ist demnach kein Beleg dafür, dass der Rückgang aufgehört hat, sondern genau das Muster, das natürliche Schwankungen über ein Fenster dieser Länge erwarten lassen.
Dazu kommt die Kenngröße. Das eigentliche Jahresminimum liegt im September, nicht Ende August. Dort beträgt der lineare Trend seit 1979 laut NSIDC: The new abnormal minus 78.000 Quadratkilometer pro Jahr beziehungsweise 12,13 Prozent pro Jahrzehnt, gerechnet bis einschließlich 2024 und ebenfalls bezogen auf den Durchschnitt 1981 bis 2010. Das macht ein Minus von 1,61 Millionen Quadratkilometern seit Messbeginn. Auch dieser Wert ist ein Trend über die gesamte Messreihe, er zeigt vor allem, dass der 27. August nicht die aussagekräftigste Kenngröße ist, nicht speziell, wie sich das Septemberminimum in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat.
Noch deutlicher, und direkt am 20-Jahres-Fenster selbst, zeigt sich der fortgesetzte Rückgang am Wintermaximum, der Kenngröße am gegenüberliegenden Ende des Jahres. Es erreichte laut NSIDC: Arctic sea ice record low maximum strikes again 2025 mit 14,31 Millionen Quadratkilometern und 2026 mit 14,29 Millionen Quadratkilometern zwei aufeinanderfolgende Rekordtiefs, die sich laut NSIDC statistisch kaum unterscheiden. Eine im Juli 2026 im Fachjournal PNAS veröffentlichte Studie der Universität Southampton und des National Oceanography Centre kommt laut Universität Southampton: Arctic winter sea ice returns to significant decline zu dem Ergebnis, dass der 20-Jahres-Trend nach Einbeziehung dieser beiden Tiefstwerte wieder in einen Zustand signifikanten Rückgangs zurückgekehrt sei. Anders als die zuvor genannten Vollreihen-Trends setzt diese Studie also direkt an derselben Fensterlänge an, die auch der EIKE-Text für den August heranzieht, nur eben für das Wintermaximum. Die zuvor beobachtete Verlangsamung in den frühen 2020er Jahren erweise sich rückblickend als vorübergehende Verzögerung innerhalb eines längerfristigen, mit der globalen Erwärmung verbundenen Rückgangs. Studienleiter Duo Chan fasst zusammen, der arktische Meereisverlust habe nicht aufgehört, sondern setze sich in einem sich erwärmenden Klima fort.
Als isolierter Datenpunkt mag der Rechenwert im Text zutreffen, 0,105 gegenüber 0,01 Millionen Quadratkilometer Rückgang pro Jahr für den 27. August. Für die daraus gezogene Schlussfolgerung, das arktische Meereis sei seit 20 Jahren stabil, reicht er nicht aus. Er beruht auf der Kombination aus einem Rekordtiefjahr als Startpunkt, einem einzelnen Kalendertag statt eines Monatsmittels und einer Kenngröße, die weder das Septemberminimum noch das Wintermaximum erfasst, obwohl beide Werte nach denselben offiziellen Daten weiterhin sinken. Und selbst für sich genommen belegt ein nahezu unveränderter Wert über ein 15- bis 20-Jahres-Fenster beim arktischen Meereis nichts: Genau ein solches Muster zeigte laut NSIDC auch das Septemberminimum zwischen 2007 und 2021, bevor die beiden folgenden Rekordtiefs den langfristigen Rückgang wieder sichtbar machten.
Fazit
Die Behauptung, die arktische Meereisausdehnung Ende August sei seit 20 Jahren nicht zurückgegangen, ist irreführend. Der zitierte Einzelwert für den 27. August lässt sich durch die Wahl von Startjahr, Tag und Kenngröße künstlich flach rechnen, und selbst ein nahezu unveränderter Trend über ein 15- bis 20-Jahres-Fenster wäre bei dieser Größe für sich genommen kein Beleg für ein Ende des Rückgangs, wie die vergleichbare Phase 2007 bis 2021 beim Septemberminimum zeigt. Sowohl das Septemberminimum als auch das Wintermaximum zeigen nach NSIDC-Daten weiterhin einen klaren Rückgang, und eine aktuelle PNAS-Studie bestätigt für die beiden vergangenen Winter ausdrücklich die Rückkehr zu einem signifikanten 20-Jahres-Trend.
