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Stand: 22.08.2026

EIKE: Massive Ausdehnung des Meereises in der Grönlandsee

Irreführend

Link Beschreibung

Von Christian Freuer für EIKE übersetzter Beitrag nach einem Text von Kenneth Richard auf NoTricksZone vom 21. August 2026. Der Text zitiert eine Studie von Furkan Yilgan und Ingibjörg Jónsdóttir zur Meereisausdehnung in der Grönlandsee und führt zusätzlich eine Arbeit von England und Kollegen zur Verlangsamung des arktischen Meereisrückgangs seit 2005 an.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die zitierte Studie von Yilgan und Jónsdóttir existiert, ist aber nicht das, wonach die Überschrift klingt. Laut Crossref ist sie am 18. Juni 2026 unter dem Titel "Monitoring changes in sea-ice extent near West Jan Mayen Ridge in the Greenland Sea using Sentinel-1 SAR remote sensing data" bei Elsevier erschienen, in der Fachzeitschrift Polar Science, Band 49, Erscheinungsdatum der Druckausgabe September 2026 (Crossref: Yilgan & Jónsdóttir, DOI 10.1016/j.polar.2026.101407). Der Volltext ist trotz ausgewiesener CC-BY-4.0-Lizenz über ScienceDirect nicht automatisiert abrufbar, auch eine offene PDF-Version war über Unpaywall nicht auffindbar. Was sich damit klären lässt, ist der Untersuchungsgegenstand, nicht die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren: Schon der Titel grenzt die Studie regional stark ein, sie untersucht per Satellitendaten die Eisverhältnisse nahe dem West-Jan-Mayen-Rücken, einer eng umgrenzten Zone in der Grönlandsee, nicht die Grönlandsee insgesamt und erst recht nicht die Arktis. Ob Yilgan und Jónsdóttir selbst von einer "massiven Ausdehnung des Meereises" sprechen oder ihren Befund als lokale Beobachtung einordnen, war für diese Bewertung mangels Zugriff auf den Volltext nicht zu klären; für eine Zuschreibung dieser Wortwahl an die Autoren selbst gibt es keinen Beleg.

Entscheidend für die Einordnung ist ohnehin nicht der Multiplikator, sondern die absolute Fläche. 2.403,6 Quadratkilometer, die von der Studie laut EIKE genannte Jahresmittel-Ausdehnung für 2023, sind für arktische Verhältnisse eine verschwindend kleine Fläche. Die gesamte arktische Meereisausdehnung lag laut National Snow and Ice Data Center im September 2025, dem jährlichen Minimum, bei 4,6 Millionen Quadratkilometern (NSIDC: Arctic sea ice has reached minimum extent for 2025), im März 2026, dem jährlichen Maximum, bei 14,29 Millionen Quadratkilometern, was zusammen mit 2025 den niedrigsten je gemessenen Höchststand markiert (NSIDC: Arctic sea ice record low maximum strikes again). Die von EIKE gefeierte Fläche entspricht damit selbst nach der Verachtfachung nur rund 0,05 Prozent des arktischen Minimums und 0,02 Prozent des arktischen Maximums. Anders gesagt: Das arktische Meereis ist im September-Minimum etwa 1.900-mal so groß wie die Fläche, um die es in der Überschrift geht, im März-Maximum sogar rund 5.900-mal. Aus der Verachtfachung einer derart kleinen Zahl eine "massive Ausdehnung des Meereises" zu machen, ist eine Verallgemeinerung, die die eigenen zitierten Zahlen nicht tragen.

Das bestreitet die regionale Beobachtung selbst nicht. Regional und kurzfristig kann Meereis zunehmen, ohne dass das dem arktischen oder globalen Gesamttrend widerspricht. Eine mögliche Erklärung dafür liefert die Forschung zum Eisexport durch die Framstraße: Dünner werdendes arktisches Meereis driftet schneller und wird dadurch verstärkt aus dem zentralen Arktischen Ozean ausgetragen, was stromabwärts, unter anderem in der Grönlandsee, zu mehr treibendem Eis führen kann (Ivanova et al. 2025: Fram strait, possible key to saving arctic ice, Frontiers in Climate). Ob dieser Mechanismus die von Yilgan und Jónsdóttir beschriebene Zunahme tatsächlich erklärt, lässt sich ohne Zugriff auf deren Methodik nicht sagen. Er zeigt aber, dass mehr Eis in der Grönlandsee sogar Folge von weniger stabilem, dünnerem Eis in der zentralen Arktis sein kann, statt ein Gegenbeweis zur Erwärmung zu sein.

Der lange Trend widerspricht der Rahmung des Artikels ebenfalls. Seit Beginn der Satellitenmessung 1979 ist die arktische Meereisausdehnung im September-Minimum nach NASA-Angaben um 12,2 Prozent pro Jahrzehnt gegenüber dem Referenzzeitraum 1981 bis 2010 gesunken (NASA: Arctic Sea Ice Minimum Extent), und das Wintermaximum lag im März 2026 auf dem niedrigsten je gemessenen Stand, gleichauf mit 2025 (NSIDC: Arctic sea ice record low maximum strikes again). Die im EIKE-Text zusätzlich angeführte Studie von England und Kollegen existiert und wird an dieser Stelle korrekt wiedergegeben: Für die arktische September-Eisfläche fand sich seit 2005 tatsächlich kein statistisch signifikanter Rückgang mehr, und die Arbeit hält diesen Befund über verschiedene Datensätze, Kennzahlen und Jahreszeiten hinweg für belastbar (England, Polvani, Screen und Chan: Surprising, but not unexpected, multi-decadal pause in Arctic sea ice loss, DOI 10.22541/essoar.174329135.56312606/v1). Was der EIKE-Text verschweigt: Schon der Titel sagt "not unexpected". Im Abstract ordnen die Autorinnen und Autoren die Pause ausdrücklich als natürliche interne Variabilität ein, die den menschengemachten Rückgang zeitweise ausgleicht und sich dem langfristigen Trend überlagert, ihn also nicht umkehrt. Vergleichbare Phasen ohne Eisrückgang seien in Klimamodellläufen trotz steigender Treibhausgase nicht ungewöhnlich, und die Pause könne plausibel noch fünf bis zehn Jahre andauern. Ein Plateau innerhalb eines seit 47 Jahren fallenden Trends ist keine Trendumkehr, wie es die EIKE-Überschrift mit "massiver Ausdehnung" suggeriert.

Fazit

Die Studie von Yilgan und Jónsdóttir existiert, ihr Titel bezieht sich aber auf eine eng umgrenzte Region nahe dem Jan-Mayen-Rücken, nicht auf die Grönlandsee insgesamt oder die Arktis. Der Volltext war für diese Bewertung nicht zugänglich, weshalb sich die von EIKE gezogene Schlussfolgerung im Original nicht überprüfen ließ. Die genannten absoluten Zahlen, 2.403,6 gegenüber 287,6 Quadratkilometern, sind gegenüber der arktischen Gesamtausdehnung von mehreren Millionen Quadratkilometern verschwindend klein, aus ihrer Verachtfachung wird keine "massive Ausdehnung des Meereises", wie es die Überschrift behauptet. Die zusätzlich zitierte Studie von England und Kollegen ist real und wird korrekt zitiert, beschreibt aber eine vorübergehende, durch natürliche Variabilität erklärbare Verlangsamung des Rückgangs, keine Trendumkehr. Der langfristige Rückgang seit 1979 hält an, wie die aktuellen NSIDC-Rekordtiefs beim Wintermaximum zeigen. Die regionale Beobachtung selbst steht damit nicht infrage, ihre Übertragung auf "das Meereis" insgesamt aber schon.