Link Beschreibung
Beitrag vom 15. September 2026, von Christian Freuer übersetzt aus einem Text von Kenneth Richard auf NoTricksZone vom 7. September mit dem Titel "Study: Ocean Heating Rates From Thousands Of Years Ago Dwarf Modern Ocean Heating Rates". Unter Berufung auf Gebbie (2021), Gebbie und Huybers (2019) sowie Wunsch (2018) heißt es, in Zeiten des Eisrückgangs vor etwa 14.000 bis 6.000 Jahren hätten die Ozeane mit 12.000 bis 20.000 Zettajoule (ZJ) 20- bis 30-mal mehr Wärme aufgenommen als heute. Während der mittelalterlichen Warmzeit seien es noch rund 1.500 ZJ gewesen, heute (im Jahr 2000) nur noch 500 ZJ. Der gesamte Ozean erwärme sich derzeit lediglich um 0,0011 °C pro Jahr, die heutige Erwärmung sei weder alarmierend noch beispiellos.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die im Text zitierten Zahlen stammen tatsächlich aus Gebbie (2021): Combining Modern and Paleoceanographic Perspectives on Ocean Heat Uptake (Annual Review of Marine Science) und sind korrekt wiedergegeben: Die Studie beziffert die während der letzten Deglaziation aufgenommene Wärmemenge auf 12.000 bis 20.000 Zettajoule und bezeichnet das als "ein Vielfaches der überschüssigen Energie, die während der modernen Erwärmungsära gespeichert wurde, um mindestens den Faktor 20" (sinngemäße Übersetzung durch Faktenfackel).
Für die moderne Erwärmungsära nennt dieselbe Übersichtsarbeit, gestützt auf die Inversion von Gebbie und Huybers (2019), rund 500 Zettajoule, für die mittelalterliche Warmzeit (MCA) dagegen keine eigenständige Wärmemenge von 1.500 Zettajoule. Abgeleitet wurde aus der Rekonstruktion, dass der Ozean während der MCA rund 1.000 Zettajoule mehr Wärme speicherte als im Jahr 2000, und dass die rund 500 Zettajoule moderner Wärmeaufnahme erst ein Drittel dessen ausmachen, was nötig wäre, um wieder das MCA-Niveau zu erreichen. Die 1.500 Zettajoule sind also nur die rechnerische Summe aus diesen beiden Werten (1.000 plus 500), keine Wärmeaufnahme während der MCA. EIKE gibt das falsch wieder: Der Text stellt die Zahlen als "Wärmeaufnahmeraten" dar, die nach der Deglaziation erst "auf etwa 1500 ZJ" und bis heute weiter "auf nur noch 500 ZJ gesunken" seien. Das ist dieselbe Verwechslung von Menge und Geschwindigkeit wie bei den Deglaziationszahlen. Eine stetig sinkende Wärmeaufnahme gibt die Studie auch nicht her: Laut Gebbie verlor der Ozean in den Jahren 1200 bis 1700, beim Übergang von der MCA zur Kleinen Eiszeit, sogar Wärme, mit einer Rate von minus 90 ± 40 Milliwatt pro Quadratmeter. In der modernen Erwärmungsära nimmt er wieder Wärme auf. Dass er das Wärmeniveau der MCA dabei nach dieser Rekonstruktion wahrscheinlich noch nicht wieder erreicht hat, räumt der EIKE-Text selbst ein ("erst etwa ein Drittel des Weges").
Entscheidend ist, was diese Zahlen tatsächlich messen: Zettajoule sind eine Energiemenge, keine Rate. Die 12.000 bis 20.000 ZJ sind die insgesamt aufgenommene Wärme über die gesamte Dauer der Deglaziation, die Gebbie selbst, anders als der EIKE-Text, mit rund 20.000 bis 10.000 Jahren vor heute datiert, also über einen Zeitraum von rund 10.000 Jahren. Die 500 ZJ der "modernen Erwärmungsära" beziehen sich dagegen auf einen ungleich kürzeren Zeitraum von wenigen Jahrhunderten. Zwei Gesamtsummen über derart unterschiedlich lange Zeiträume sagen über die Geschwindigkeit der Erwärmung nichts aus, auch wenn der Text sie als Raten ausgibt.
Wie irreführend diese Gleichsetzung ist, zeigt derselbe Gebbie-Aufsatz, sobald er tatsächliche Raten berechnet, ausgedrückt als Leistung pro Fläche in Milliwatt pro Quadratmeter. Dort heißt es: "Trotz der gewaltigen Veränderung des Wärmeinhalts der Ozeane beträgt die durchschnittliche Wärmeaufnahmerate während der Deglaziation nur 10 bis 20 Prozent der heutigen Werte aus der Ära des Argo-Messprogramms" (sinngemäße Übersetzung durch Faktenfackel). Die Tabelle der Studie beziffert die durchschnittliche Deglaziationsrate je nach Rekonstruktion auf 70 bis 130 Milliwatt pro Quadratmeter; die Schätzung mit der kleinsten Unsicherheit, gewonnen aus Edelgas-Messungen, liegt bei 99 ± 9. Für die Argo-Messära nennt Gebbie nach Johnson et al. (2016) 0,61 ± 0,09 Watt pro Quadratmeter für die oberen 1.800 Meter, also rund 520 bis 700 Milliwatt pro Quadratmeter. Für die oberen 2.000 Meter im längeren Zeitraum 1955 bis 2017 sind es 330 bis 350 Milliwatt pro Quadratmeter. Gemessen an der genauesten Deglaziations-Schätzung nahmen allein die oberen Ozeanschichten seit 1955 also gut dreimal, in der Argo-Ära sogar fünf- bis siebenmal so schnell Wärme auf wie der gesamte Ozean im Schnitt während der Deglaziation, nicht 20- bis 30-mal langsamer. Der Artikel dreht damit eine zentrale Aussage seiner Hauptquelle um.
Ein Blick auf die jüngsten Messwerte bestätigt das. Nach Pan und Kollegen (2026): Ocean Heat Content Sets Another Record in 2025 (Advances in Atmospheric Sciences), zusammengefasst vom Institut für Atmosphärenphysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und von Eos, nahmen allein die oberen 2.000 Meter der Ozeane 2024 rund 16 Zettajoule und 2025 rund 23 Zettajoule an Wärme auf, jeweils in einem einzigen Jahr. Verteilt man die 12.000 bis 20.000 ZJ der Deglaziation auf deren eigene, rund 10.000-jährige Dauer, ergibt sich ein Schnitt von etwa 1,2 bis 2 Zettajoule pro Jahr. Allein 2025 nahmen die oberen 2.000 Meter also ein Vielfaches dessen auf, was der gesamte Ozean während der Deglaziation im Mittel pro Jahr aufnahm.
Auch die Zahl 0,0011 °C pro Jahr aus Wunsch (2018): Towards determining uncertainties in global oceanic mean values of heat, salt, and surface elevation (Tellus A) ist korrekt zitiert, aber aus dem Zusammenhang gelöst. Es handelt sich um den linearen Trend der über die gesamte Wassersäule von der Oberfläche bis zum Meeresboden gemittelten Temperatur zwischen 1994 und 2013, berechnet mit der ECCO-Zustandsschätzung, die Beobachtungsdaten in ein Ozeanmodell einpasst. Wunschs Arbeit ist explizit eine Methodenstudie zur Fehlerabschätzung solcher Mittelwerte, keine Untersuchung darüber, wie bedeutsam die moderne Erwärmung ist. Unterhalb von 3.600 Metern zeigt sich bei Wunsch (2018) sogar ein Gegentrend zur Erwärmung der übrigen Wassersäule: Diese Tiefseeschicht kühlt sich demnach ab, während sich die oberen Schichten erwärmen. Der Mittelwert über die gesamte Wassersäule fällt dadurch kleiner aus als die Erwärmung der oberen Schichten. Wie viel Energie hinter dem scheinbar winzigen Trend steckt, rechnet Wunsch selbst vor: rund 0,48 ± 0,16 Watt pro Quadratmeter, davon etwa 0,095 Watt pro Quadratmeter aus geothermischer Wärme, die nichts mit Treibhausgasen zu tun hat. Dieser Wert bezieht sich auf die Meeresoberfläche, Gebbie teilt ihre Raten dagegen durch die gesamte Erdoberfläche. Auf dieselbe Fläche umgerechnet sind es rund 340 Milliwatt pro Quadratmeter, ohne den geothermischen Anteil rund 270. Selbst der niedrigere Wert liegt fast dreimal so hoch wie Gebbies genaueste Deglaziations-Schätzung von 99 Milliwatt pro Quadratmeter, nicht wie von EIKE suggeriert deutlich darunter.
Ungenau übersetzt ist zudem die Bezeichnung der Deglaziation als "Zwischen-Eiszeit": Das englische Original spricht von "deglaciation periods", also der aktiven Übergangsphase vom Eiszeit- zum Warmzeitklima, nicht von einer stabilen Zwischeneiszeit (Interglazial). Für die inhaltliche Bewertung spielt das eine untergeordnete Rolle.
Fazit
Der Vergleich, mit dem der Artikel argumentiert, ist irreführend. Die Zahlen zur Deglaziation aus Gebbie (2021) sind korrekt übernommen, messen aber Gesamtmengen an gespeicherter Wärme über völlig unterschiedlich lange Zeiträume, keine vergleichbaren Raten. Sobald dieselbe Studie echte Raten berechnet, kehrt sich das Bild um: Die durchschnittliche Wärmeaufnahmerate der Deglaziation lag demnach bei nur 10 bis 20 Prozent der heutigen. Die Jahreswerte 2024 und 2025 liegen jeweils bei einem Vielfachen des Deglaziations-Durchschnitts, und auch die von Wunsch (2018) berechnete moderne Heizrate liegt, auf dieselbe Fläche bezogen, knapp drei- bis dreieinhalbmal so hoch wie Gebbies genaueste Deglaziations-Schätzung. Bei der mittelalterlichen Warmzeit wiederholt sich der Fehler: EIKE macht aus Unterschieden im Wärmeinhalt sinkende Wärmeaufnahmeraten, obwohl der Ozean laut Gebbie zwischen MCA und Kleiner Eiszeit Wärme verlor und erst in der modernen Erwärmungsära wieder aufnimmt. Die Behauptung, die heutige Ozeanerwärmung sei weder alarmierend noch beispiellos, beruht auf einer Verwechslung von Menge und Geschwindigkeit und widerspricht den Raten, die die Hauptquelle des Artikels selbst berechnet.
