Link Beschreibung
Beitrag vom 13. September 2026, übersetzt von Christian Freuer. Er setzt zwei englischsprachige Texte zusammen: einen Artikel von Kenneth Richard (NoTricksZone, 7. September) und einen Abschnitt aus dem Bezahl-Newsletter von Cap Allon (Electroverse). Beide beziehen sich auf die Studie von Kolbe et al. (2026) in "Communications Earth & Environment", nach der der antarktische Eisschild von 2020 bis 2024 rund 67,5 Gt pro Jahr an Masse gewonnen hat. Richard verrechnet das mit NOAA-Werten für Grönland zu einem gemeinsamen Beitrag beider Eisschilde von 0,22 mm Meeresspiegelanstieg pro Jahr und schließt, das würde "Behauptungen über eine jüngste Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs entkräften". Allon ergänzt einen weiteren Zuwachs von 153 Gt für Januar bis November 2025.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die von Richard und Allon zitierten Kernzahlen aus der Studie von Kolbe et al. (2026): Atmospheric rivers and winter sea ice drive recent reversal in Antarctic ice mass loss (Communications Earth & Environment) stimmen: Der antarktische Eisschild hat von 2020 bis 2024 mit rund 67,5 Gt pro Jahr an Masse zugenommen, nach einem Verlust von durchschnittlich 90 bis 142 Gt pro Jahr in den zwei Jahrzehnten davor. Die ESA bestätigt diese Zahlen in einer Zusammenfassung der Studie und zitiert Erstautorin Marlen Kolbe mit rund 68 Gt Zuwachs pro Jahr im selben Zeitraum. Bei der Fachzeitschrift, in der die Studie erschien, wird es im EIKE-Text ungenau: Richard schreibt lediglich, sie sei in einer Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht worden. Korrekt benannt ist die Zeitschrift im Allon-Teil des Beitrags mit "Communications Earth & Environment", einem eigenständigen Journal im Nature-Verlagsportfolio, das nicht mit der Fachzeitschrift "Nature" identisch ist. Auch die Anmerkung des Übersetzers Christian Freuer zu Allons Text, die Studie sei "offenbar in mehreren Fachzeitschriften veröffentlicht worden", trifft nicht zu: Es handelt sich um eine einzige Veröffentlichung mit derselben DOI (10.1038/s43247-026-03242-3), auf die beide Textteile verlinken.
Differenzierter ist, was die Studie selbst über die Aussagekraft dieser fünf Jahre schreibt. Die Autorinnen und Autoren werten den Massenzuwachs von 2020 bis 2024 ausdrücklich nicht als kurzfristige Anomalie, sondern als signifikanten Fünfjahrestrend. Ob dieser Trend den Beginn einer langfristigen Entwicklung markiert, lassen sie aber offen: Wegen der vergleichsweise kurzen Dauer der erhöhten Schneeakkumulation und der zugrundeliegenden atmosphärischen Flüsse sei unklar, ob der jüngste Wechsel den Beginn eines langfristigen Trends darstellt (sinngemäße Übersetzung durch Faktenfackel). Die Schneeakkumulation habe bis April 2025 keine Anzeichen eines Rückgangs gezeigt, unter fortschreitender Erwärmung sei zudem, wie es die Clausius-Clapeyron-Beziehung erwarten lässt, mit weiter steigendem Niederschlag zu rechnen. Auch die ESA hält fest, dass es Stand Ende 2025 keinen klaren Hinweis auf eine Rückkehr zum Massenverlust gibt, ob sich der Trend fortsetzt oder abflacht, bleibe aber offen.
Zu einer anderen Einschätzung kommt eine neuere, in der Fachzeitschrift "Nature" selbst veröffentlichte Studie von Wang und Kollegen. Ein Kommentar dazu in Nature (2026) beschreibt den Befund unter der Überschrift, der antarktische Eisschild habe zwar an Masse gewonnen, aber vermutlich nicht mehr lange. Den Massenzuwachs führen Wang und Kollegen auf ein atmosphärisches Muster zurück, das warme Meeresoberflächen im Indischen und Pazifischen Ozean mit verstärktem Schneefall in der Antarktis verknüpft. Die dafür verantwortlichen Meerestemperatur-Anomalien treten laut den Autoren etwa einmal pro Jahrzehnt auf. Der Eisschild dürfte demnach in den kommenden Jahren wieder an Masse verlieren. Die beiden Studien bewerten die Dauer des Zuwachses damit unterschiedlich: Kolbe und Kollegen halten sie für offen, nach dem Befund von Wang und Kollegen ist eine Rückkehr zum Massenverlust in den kommenden Jahren wahrscheinlich. Einen dauerhaften Befund, der eine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs entkräften könnte, liefert keine von beiden.
Auch die Formulierung, der Eisschild "gewinne" an Masse, verdeckt, dass der Abfluss über Gletscher und Eisberge im selben Zeitraum zugenommen hat. Die ESA-Zusammenfassung zitiert Kolbe direkt: Der Eisschild verliere nicht weniger Eis, er verliere tatsächlich mehr, der Abfluss durch Eisbergkalbung sei um fast 100 Gt pro Jahr gegenüber den beiden Jahrzehnten davor gestiegen, nur habe der Schneefall diesen Verlust bislang überkompensiert. Hinter dem Nettozuwachs steht also keine Entspannung. Mehr Schnee hat den Wettlauf gegen mehr Eisverlust vorerst gewonnen.
Für die eigentliche Behauptung, eine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs sei damit entkräftet, reicht die Bilanz der beiden Eisschilde ohnehin nicht aus. Maßgeblich ist der gemessene Gesamtanstieg. Die NASA wertet dafür seit 1993 Satellitenaltimetrie-Daten aus und kommt zu einem Befund, der Richards Schluss direkt widerspricht: Die jährliche Anstiegsrate hat sich von 0,20 Zentimetern pro Jahr im Jahr 1993 auf inzwischen 0,44 Zentimeter pro Jahr mehr als verdoppelt. Diese Messung beruht auf dem globalen Meeresspiegel selbst, unabhängig von der Bilanz einzelner Eisschilde, und zeigt eine anhaltende Beschleunigung, die fünf Jahre mit mehr Schneefall in der Antarktis nicht aufheben können.
Die von Richard für Grönland genannte Zahl von minus 147 Gt pro Jahr für 2020 bis 2024 lässt sich in der von ihm selbst verlinkten Quelle nicht in dieser Form nachvollziehen, er beschreibt seine Methode dafür selbst als "Google-Suche" in den NOAA-Daten. Die verlinkte Quelle, der NOAA Arctic Report Card 2025 zum grönländischen Eisschild, nennt für genau diesen Zeitraum einen ICESat-2-Jahresmittelwert von minus 134 ± 62 Gt, ein anderes Messverfahren als das GRACE-basierte, mit dem die Antarktis-Studie arbeitet, aber derselbe Zeitraum. Richards Wert von minus 147 Gt liegt innerhalb dieser Fehlerspanne. Für die Jahre 2003 bis 2024 nennt derselbe Bericht einen GRACE-Durchschnitt von minus 219 Gt pro Jahr, für das Jahr 2025 einen GRACE-FO-Wert von minus 129 Gt.
Das Muster, mit dem Richard hier argumentiert, ist bei ihm nicht neu. Bereits am 11. Januar 2021 veröffentlichte er auf NoTricksZone einen Artikel, der aus zwei einzelnen Zeitraum-Durchschnitten schloss, die Anstiegsrate des Meeresspiegels habe sich seit 1900 nicht wesentlich verändert. Das Faktenprüfer-Netzwerk Climate Feedback stufte diese Behauptung als "factually inaccurate" und "cherry-picking" ein: Der Artikel habe nur zwei Zahlen herausgegriffen und die übrigen verfügbaren Daten ignoriert, die eine Beschleunigung seit den 1990er Jahren belegen.
Fazit
Die im Artikel genannten Messwerte zur Antarktis stammen tatsächlich aus der zitierten Studie und sind korrekt wiedergegeben. Die daraus gezogene Schlussfolgerung, das entkräfte Behauptungen über eine jüngste Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs, trägt aber nicht: Der Eisabfluss der Antarktis hat trotz des Nettozuwachses zugenommen. Ob der Zuwachs anhält, lässt die zitierte Studie selbst offen, eine neuere Studie in "Nature" rechnet mit einer Rückkehr zum Massenverlust in den kommenden Jahren. Vor allem aber steigt der tatsächlich gemessene globale Meeresspiegel seit 1993 nachweislich mit zunehmender Geschwindigkeit, unabhängig von der Antarktis-Bilanz. Für ein ähnliches Argument zum Meeresspiegelanstieg hatten Faktenprüfer Richard bereits 2021 Rosinenpickerei nachgewiesen. Ein Einzelfall ist der Fehlschluss also nicht.
