Link Beschreibung
Beitrag vom 11. September 2026, eine Übersetzung von Christian Freuer. Er setzt zwei englischsprachige Texte zusammen: einen Artikel von Paul Homewood (The Daily Sceptic, 7. September) und eine kurze Meldung von Cap Allon (Electroverse). Homewood nennt die Zahlen des EU-Berichts "European State of the Climate 2025" (139 Gt Massenverlust im vergangenen Jahr, 5.747 Gt seit 1972) und argumentiert, bei diesem Tempo bräuchte Grönland 27.000 Jahre bis zum vollständigen Abschmelzen; der Verlust sei zudem kein neues Phänomen, weil er von 1920 bis 1970 auf ähnlichem Niveau gelegen habe. Für die Saison 2025/26 nennt er einen Zuwachs von 6 Gt und eine um rund 200 Gt schwächere Sommerschmelze. Allons Abschnitt bezieht sich ausdrücklich auf die Oberflächenmassenbilanz: 525,2 Gt in der Saison 2025/26, 17,1 Gt in den ersten sechs Tagen der Saison 2026/27. Der Übersetzer merkt zu diesem Teil selbst an, es gehe "wieder um die Oberflächen-Massenbilanz".
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die von Homewood zitierten Grundzahlen aus dem EU-Klimabericht stimmen. Der Copernicus Climate Change Service: European State of the Climate 2025, Kapitel Grönländischer Eisschild weist für das hydrologische Jahr 2025 (September 2024 bis August 2025) einen Massenverlust von 139 ± 79 Gt aus, kumuliert seit 1972 einen Verlust von 5.747 Gt, und beziffert die Beschleunigung der Verlustrate seit den 1980er Jahren für Grönland auf das Fünffache. Derselbe Bericht hält zugleich fest, dass beide Eisschilde unabhängig vom Emissionsszenario im weiteren Verlauf des Jahrhunderts an Masse verlieren werden, die Rate also nicht sinkt.
Für die Überschrift zählt aber eine andere Zahl: die der Saison 2025/26 selbst. Hier wird es unübersichtlich. Die Eisdecke gewinnt an ihrer Oberfläche fast jedes Jahr Masse hinzu, das ist die Oberflächenmassenbilanz: Schneezuwachs minus Schmelze und Verdunstung an der Oberfläche. Diese Bilanz ist praktisch immer positiv, wie Polar Portal (DMI) selbst erklärt: Nicht aller gefallene Schnee schmilzt im selben Jahr wieder ab. Die Gesamtbilanz zieht davon zusätzlich ab, was durch Gletscherkalbung und das Schmelzen der Gletscherzungen im Meerwasser verloren geht. Dieser Posten liegt in der Größenordnung von 450 bis 490 Gt pro Jahr. Der NOAA Arctic Report Card 2025 gibt ihn für 2025 mit 491 ± 17 Gt an, rund eine Standardabweichung über dem Mittel von 458 ± 27 Gt für 1991 bis 2020. Erst diese Gesamtbilanz sagt etwas darüber aus, ob der Eisschild insgesamt wächst oder schrumpft.
Der Geological Survey of Denmark and Greenland (GEUS) hat genau diese Gesamtbilanz für die Saison 2025/26 (September 2025 bis August 2026) am 1. September 2026 veröffentlicht, sechs Tage vor Homewoods Text: ein Verlust von rund 173 Gt, das 30. Jahr in Folge mit negativer Gesamtbilanz seit der Saison 1996/97. Der Winter fiel laut GEUS zudem ungewöhnlich trocken aus, rund 40 Gt weniger Schnee als üblich, bevor ab Ende Juli eine warme, sonnige Phase einsetzte. Das widerspricht der Überschrift direkt, und zwar ohne den Umweg über verschiedene Bilanzgrößen: Homewood meint dieselbe Größe. Die Grafik, auf die er sich stützt, trägt den Titel "Greenland Ice Mass Annual Changes 1840/41 to 2025/26" und zeigt die bis zur Saison 2025/26 fortgeschriebene Gesamtmassenbilanz aus der Mankoff-Reihe; er führt sie mit dem Satz ein, der Eisverlust habe sich seit der Studie von 2021 weiter verlangsamt. Damit stehen zwei Angaben zur selben Größe und derselben Saison gegeneinander: plus 6 Gt bei Homewood, minus 173 Gt bei der zuständigen Fachbehörde. Woher seine Zahl stammt, bleibt offen. Der Datensatz von Mankoff et al. aktualisiert sich täglich und schreibt sein laufendes Ende mit Vorhersagewerten fort; die jüngsten Zahlen sind damit vorläufig. Welcher Wert für eine abgeschlossene Saison gilt, entscheidet ohnehin nicht ein täglich fortgeschriebener Zwischenstand, sondern die Auswertung, die GEUS nach dem Saisonende vorlegt.
Die Hochrechnung auf 27.000 Jahre ist eine lineare Fortschreibung der aktuellen Verlustrate und blendet aus, was im selben Copernicus-Bericht direkt daneben steht: Die Verlustrate hat sich seit den 1980ern verfünffacht und wird laut Bericht weiter zunehmen. Wie stark der Meeresspiegel steigt, hängt ohnehin am Beitrag pro Jahrzehnt. Wann der Eisschild vollständig verschwunden wäre, spielt dafür keine Rolle. Der Weltklimarat beziffert im sechsten Sachstandsbericht, Kapitel 9 den Beitrag Grönlands zum globalen Meeresspiegelanstieg bis 2100 je nach Emissionspfad auf 0,01 bis 0,10 Meter (SSP1-2.6), 0,04 bis 0,13 Meter (SSP2-4.5) und 0,09 bis 0,18 Meter (SSP5-8.5). Als praktisch sicher stuft er zugleich ein, dass der Eisschild in jedem dieser Szenarien während des gesamten Jahrhunderts weiter Masse verliert.
Der Vergleich mit den Jahren 1920 bis 1970 bezieht sich auf dieselbe Datengrundlage wie die erste Grafik im Text: die von Mankoff et al. (2021) fortgeschriebene Grönland-Massenbilanz, die für die Zeit vor 1986 auf der Rekonstruktion von Kjeldsen et al. (2015, Nature) aufbaut. Deren Zahlen zeigen für 1900 bis 1983 einen mittleren Verlust von 75,1 ± 29,4 Gt pro Jahr, für 1983 bis 2003 mit 73,8 ± 40,5 Gt pro Jahr einen ähnlichen Wert, für 2003 bis 2010 aber bereits 186,4 ± 18,9 Gt pro Jahr, mehr als das Doppelte. Die "letzten drei Jahrzehnte", mit denen Homewood vergleicht, liegen im Mittel noch darüber: Der NOAA-Report nennt für 2003 bis 2024 einen Jahresdurchschnitt von 219 ± 16 Gt. Ein Vergleichszeitraum, der 1920 bis 1970 mittelt, verdeckt also gerade den Unterschied, um den es geht: Die frühere Phase verlor im Schnitt etwa halb so viel Eis pro Jahr wie die vergangenen zwei Jahrzehnte. Selbst wenn einzelne Jahre der Warmphase der 1920er und 1930er näher an heutige Werte heranreichten, ändert das nichts an diesem Gesamtbild. Und ein historischer Vergleichswert allein würde ohnehin nichts darüber aussagen, ob die heutige Erwärmung menschengemacht ist. Das folgt aus der physikalischen Wirkung von Treibhausgasen, nicht aus einem Zeitreihenvergleich.
Dass Grönland während der frühen Holozän-Warmzeit vor rund 7.000 bis 11.000 Jahren wärmer war als heute, ist nach mehreren Eisbohrkern-Rekonstruktionen wahrscheinlich, wie Carbon Brief in einem Faktencheck unter Berufung auf die Rekonstruktion von Vinther et al. (2009, Nature) einordnet. Ob der Eisschild als Ganzes deshalb kleiner war als heute, wie Homewood behauptet, lässt sich daraus nicht direkt ablesen. Die Studie, mit der er seine "10.000 Jahre"-Aussage stützt, Briner et al. (2020, Nature), vergleicht ohnehin nicht die Größe, sondern die Verlustrate: Sie zeigt, dass Grönland im Südwesten in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit rund 6.100 Gt pro Jahrhundert bereits an die höchste bekannte Rate der letzten 12.000 Jahre heranreicht (rund 6.000 Gt pro Jahrhundert im frühen Holozän) und diese Rate den Autoren zufolge noch in diesem Jahrhundert übersteigen wird, und zwar in jedem der geprüften Emissionsszenarien. Über das Tempo sagt die heutige Größe des Eisschilds also nichts aus. Die Studie kommt im Gegenteil zu dem Schluss, dass er bald schneller schmilzt als je zuvor in den letzten zwölf Jahrtausenden.
Allons Zahlen zur Saison 2026/27 (17,1 Gt Zuwachs in sechs Tagen, davon 13,11 Gt in 48 Stunden) betreffen, wie der Übersetzer selbst anmerkt, nur die Oberflächenbilanz zum allerersten Beginn einer neuen Saison. Sechs Tage Schneezuwachs Anfang September sagen über das Klima ebenso wenig aus wie eine einzelne Kältewelle im Winter: Die Saison 2025/26, für die GEUS die Gesamtbilanz mit rund 173 Gt Verlust angibt, war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Tage zu Ende.
Fazit
Die Behauptung, Grönlands Eiskappe habe in diesem Jahr zugenommen, ist falsch. Die zuständige dänische Fachbehörde GEUS weist für exakt dieselbe Saison, 2025/26, eine negative Gesamtbilanz von rund 173 Gt aus, das 30. Jahr in Folge mit Massenverlust, nicht die im Text genannten 6 Gt Zuwachs. Die von Homewood zitierten Langzeitzahlen aus dem EU-Klimabericht sind dagegen korrekt, seine Schlussfolgerungen daraus tragen aber nicht: Die 27.000-Jahre-Rechnung ignoriert die vom selben Bericht festgestellte weitere Beschleunigung, der Vergleich mit 1920 bis 1970 verdeckt, dass die vergangenen zwei Jahrzehnte im Schnitt etwa doppelt so schnell Eis verloren wie die Jahre vor 1983, und der Hinweis auf frühere Warmzeiten im Holozän betrifft die Größe des Eisschilds, nicht die Frage, wie schnell er gerade schmilzt.
