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Stand: 02.07.2026

Curio (AfD): Verfassungsschutz leite Rechtsextremismus-Anstieg 'nur mechanisch' aus AfD-Zahlen ab

Irreführend

Link Beschreibung

Die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag verbreitet eine Pressemitteilung ihres innenpolitischen Sprechers Gottfried Curio zur Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2025 (30. Juni 2026). Curio behauptet, der ausgewiesene Anstieg des rechtsextremen Personenpotenzials von rund 50.000 auf rund 58.000 sei allein "mechanisch" aus den gestiegenen AfD-Mitgliederzahlen abgeleitet worden, ohne inhaltliche Analyse, und wirft Innenminister Dobrindt "parteipolitisch motivierte Desinformation" vor.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Grundzahlen aus Curios Pressemitteilung sind korrekt: Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) weist im Verfassungsschutzbericht 2025 ein rechtsextremes Personenpotenzial von 58.700 Personen aus, gegenüber 50.250 im Vorjahr, ein Anstieg um rund 17 Prozent (BfV-Pressemitteilung vom 30. Juni 2026). Die Zahl der als gewaltorientiert eingestuften Rechtsextremisten stieg von 15.300 auf 15.600, rechtsextreme Gewalttaten nahmen laut BfV: Zahlen und Fakten zum Rechtsextremismus um rund 9 Prozent auf 1.395 Fälle zu (2024: 1.281).

Am Anteil der AfD-Mitglieder ist etwas dran: Von den 70.000 Parteimitgliedern, die die AfD im Oktober 2025 selbst gemeldet hatte, ordnet der Verfassungsschutz rund 28.000 dem rechtsextremen Personenpotenzial zu, ein Plus von etwa 8.000 gegenüber 2024, was fast dem gesamten bundesweiten Zuwachs entspricht (Tagesspiegel: "Rechte Szene ist gewachsen"). Der Bericht selbst begründet diesen Teil der Zählung laut Tagesspiegel mit einer Formulierung, die tatsächlich näher an einer Hochrechnung als an einer Einzelfallprüfung jedes neuen Mitglieds liegt: Angesichts der gestiegenen Mitgliederzahl sei "davon auszugehen, dass sich auch das extremistische Personenpotenzial innerhalb der AfD entsprechend vergrößert habe". Insofern trifft Curios technischer Kern zumindest teilweise zu: Neue AfD-Mitglieder werden nicht einzeln geprüft, sondern anteilig dem Personenpotenzial zugerechnet.

Von "rein mechanisch, ohne jede Analyse" und "Desinformation" kann trotzdem keine Rede sein, aus mehreren Gründen. Erstens beruht die Zuordnung der AfD selbst auf einer inhaltlichen Analyse: Die Bundespartei ist seit dem 2. Mai 2025 bundesweit als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft, gestützt auf ein umfangreiches Gutachten des BfV. Die von Curio angeführte gerichtliche "Kassierung" bezieht sich auf ein Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Köln, das die Bekanntgabe der Einstufung vorläufig stoppte; über die Rechtmäßigkeit der Einstufung selbst ist im Hauptsacheverfahren weiterhin nicht entschieden (siehe auch unseren Faktencheck "Verfassungsschutz pausiert die Einstufung der AfD als rechtsextrem"). Von einer gerichtlich widerlegten Einstufung kann also nicht gesprochen werden.

Zweitens erklärt die AfD-Mitgliederentwicklung den bundesweiten Anstieg nur teilweise. Das Gesamtpotenzial umfasst weit mehr als die AfD, etwa gewaltorientierte Kleinstgruppen, Neonazi-Szene und Onlineradikalisierung über TikTok, Instagram und Gaming-Plattformen wie Roblox, die der Bericht als eigenständige Wachstumstreiber benennt. Auch der Anstieg der Gewalttaten um 9 Prozent hat nichts mit einer proportionalen AfD-Mitgliederzählung zu tun.

Drittens bleibt Curios Formulierung "reine, schamlose Luftbuchung" unbelegt: Der methodische Kritikpunkt (Hochrechnung statt Einzelfallprüfung bei neuen Mitgliedern) ist real, rechtfertigt aber nicht den Schluss, die gesamte Zahl sei erfunden oder der Innenminister betreibe vorsätzliche Desinformation. Alexander Dobrindt und BfV-Präsident Sinan Selen stellten die Zahlen im Rahmen der routinemäßigen Jahresvorstellung des Verfassungsschutzberichts vor, mit denselben Erhebungsmethoden wie in Vorjahren.

Die Junge Freiheit griff dieselbe Zahl auf und titelte "Verfassungsschutz erklärt 28.000 AfD-Mitglieder zu Rechtsextremisten", ohne dabei auf die methodische Erklärung des BfV oder die weiteren Anstiegsfaktoren einzugehen, ein ähnlich verkürztes Framing wie bei Curio.

Fazit

Curios Zahlen zum Personenpotenzial sind korrekt zitiert, und sein methodischer Einwand hat einen wahren Kern: Der Verfassungsschutz rechnet den AfD-Anteil am rechtsextremen Personenpotenzial anteilig aus der Mitgliederentwicklung hoch, statt jedes neue Mitglied einzeln zu prüfen. Die Zuspitzung auf "rein mechanisch, ohne jede Analyse" und "parteipolitisch motivierte Desinformation" ist jedoch irreführend: Sie blendet aus, dass die AfD-Einstufung selbst gutachtlich begründet ist, dass der bundesweite Anstieg mehrere von der AfD unabhängige Ursachen hat und dass die behauptete gerichtliche Aufhebung der Einstufung tatsächlich nur ein noch offenes Eilverfahren betrifft.