Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 25. August 2026. René Springer stützt sich auf eine nach Herkunftsland aufgeschlüsselte Auswertung des dänischen Finanzministeriums und nennt jährliche Nettogesamtkosten von rund 2,4 Milliarden Euro für Einwanderer aus MENAPT-Ländern, ein Defizit von rund 13.650 Euro pro Person und Jahr sowie 21.900 Euro pro syrischem Einwanderer. Daraus leitet er einen Bezug auf rund 930.000 in Deutschland lebende Syrer ab und fordert einen vergleichbaren deutschen Migrationsbericht.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Springer stützt sich auf dieselbe dänische Analysereihe, die Faktenfackel bereits ausführlich eingeordnet hat: die jährliche Auswertung des dänischen Finanzministeriums zum Nettobeitrag verschiedener Bevölkerungsgruppen zu den Staatsfinanzen, die das Wirtschaftsmagazin The Economist einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat. Warum daraus nicht folgt, dass Migration grundsätzlich ein Verlustgeschäft ist, warum westliche Einwanderer in derselben Auswertung positiv bilanzieren, warum der Treiber die Beschäftigungsquote und nicht die Herkunft ist und warum es für Deutschland sehr wohl Fiskalstudien gibt, steht im Faktencheck "Beweist die Dänemark-Grafik, dass Migration nur kostet?". Diese Einordnung gilt unverändert auch für die Pressemitteilung.
Die Zahlen der Pressemitteilung sind in sich stimmig: 2,4 Milliarden Euro Nettogesamtkosten für Einwanderer aus MENAPT-Ländern, 13.650 Euro Defizit pro Person und Jahr, mehr als 35.000 syrische Einwanderer mit 770 Millionen Euro beziehungsweise 21.900 Euro pro Kopf, dazu rund 930.000 Syrer in Deutschland. Gesamtsumme geteilt durch Pro-Kopf-Wert ergibt jeweils ungefähr die Gruppengröße, die das dänische Finanzministerium für Einwanderer ausweist. Springer vollzieht die Multiplikation aus dänischem Pro-Kopf-Wert mal deutscher Bevölkerungszahl dabei nicht selbst, sondern formuliert sie als Konditionalsatz: Wenn die dänischen Zahlen stimmen, "wären" die entsprechenden deutschen Kosten ein "Offenbarungseid". Der Rechenschritt bleibt unausgesprochen, die Suggestion ist trotzdem eindeutig: Die dänische Pro-Kopf-Zahl soll als Maßstab für die deutsche Größenordnung dienen.
Die dänische Datengrundlage ist echt, aber älter, als das Wort "aktualisiert" nahelegt. Eine Aufschlüsselung nach Herkunftsland steht bereits in der revidierten Analyse des Finanzministeriums vom September 2023: Tabelle B2 weist für Personen mit syrischer Herkunft 42.000 Ganzjahrespersonen und im Schnitt minus 122.000 Kronen pro Person aus, Tabelle B4 für Einwanderer aus MENAPT-Ländern 174.000 Personen und minus 74.000 Kronen, jeweils auf dem Preisniveau 2019. Die Sonderauswertung, die Springer zitiert, ist nach Angaben der Pressemitteilung auf Anfrage der Dänischen Volkspartei entstanden und öffentlich nicht einsehbar; ihre Euro-Beträge lassen sich deshalb nicht Zeile für Zeile gegenlesen. An der Datenbasis ändert das nichts: Die Analyse beruht auf Registerdaten für das Jahr 2019, und eine neuere Berechnung existiert nicht. "Aktualisiert" heißt hier also feiner nach Ländern aufgeteilt, nicht neu erhoben.
Die Analyse selbst warnt davor, den Befund von 2019 in die Gegenwart zu verlängern, und zwar in beide Richtungen. Das Finanzministerium hält darin fest, dass sich der Nettobeitrag von Einwanderern und Nachkommen aus detaillierten Registerdaten für Jahre nach 2019 noch nicht ermitteln lässt, und verweist auf die Beschäftigung: Zahlen bis zum ersten Halbjahr 2022 zeigten einen höheren Anteil Erwerbstätiger unter den 25- bis 64-jährigen Einwanderern als 2019, was für sich genommen auf einen höheren Nettobeitrag seit 2019 hindeute. Die Richtung zeigt die Analyse selbst: Zwischen 2014 und 2019 sank die Nettoausgabe für Einwanderer und Nachkommen von 34 auf 16 Milliarden Kronen, für die MENAPT-Gruppe von 29 auf 24 Milliarden. Wenn die Zahl schon innerhalb Dänemarks nicht fortgeschrieben werden darf, gilt das für die Übertragung auf ein anderes Land mit anderer Bevölkerungsstruktur und anderem Sozialsystem erst recht.
Neu ist der Rechenschritt ohnehin nicht. Springer verweist selbst auf den eigenen Antrag der AfD-Fraktion, BT-Drs. 20/7665 von 2023, mit dem die Fraktion einen Gesetzentwurf der Bundesregierung fordert. Der Antrag zitiert dieselbe dänische Analysereihe, damals mit dem Datenjahr 2018, und zieht dort bereits den Schluss: "Umgelegt auf das größere Deutschland ergeben sich wesentlich höhere Belastungen, mindestens in zweistelliger Milliardenhöhe, für die Sozialsysteme." Die Pressemitteilung vom August 2026 wiederholt damit im Kern ein drei Jahre altes Argument, zugespitzt auf Syrien.
Der Transfer scheitert an mehreren Stellen. Erstens an der Größenordnung und Zusammensetzung der Bevölkerung: Zum 31. Oktober 2025 lebten laut Ausländerzentralregister 944.060 syrische Staatsangehörige in Deutschland, mehr als 20-mal so viele wie in Dänemark, wo die Auswertung mit einer Gruppe von 35.000 bis 42.000 Personen rechnet. Rund zwei Drittel der syrischen Geflüchteten in Deutschland sind erst nach 2015 zugezogen. Zweitens an der Erwerbsbeteiligung, die laut der bereits verlinkten Faktencheck-Recherche der eigentliche Treiber der dänischen Bilanz ist, nicht die Herkunft: Die IAB-Auswertung zur Arbeitsmarktintegration von Syrerinnen und Syrern zeigt, dass die Erwerbstätigenquote der 2015 zugezogenen Kohorte nach neun Jahren Aufenthalt bereits bei 65 Prozent liegt (60 Prozent abhängig beschäftigt, 5 Prozent selbstständig), während der Durchschnitt über alle Kohorten im Dezember 2025 wegen der vielen erst kürzlich Zugezogenen bei 47,8 Prozent lag, ein Plus von 5,7 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Eine dänische Momentaufnahme aus dem Jahr 2019 kann diese fortlaufende Dynamik einer strukturell anderen, deutlich größeren und im Schnitt kürzer ansässigen Bevölkerungsgruppe nicht abbilden. Drittens an den unterschiedlichen Sozialsystemen: Dänemarks steuerfinanziertes, wohnsitzbasiertes Sozialsystem funktioniert anders als das deutsche, beitragsbezogene Sozialversicherungssystem, wie der verlinkte Faktencheck bereits herausarbeitet.
Die eigentliche Forderung der Pressemitteilung, ein jährlicher, wissenschaftsbasierter deutscher Migrationsbericht nach dänischem Vorbild, ist von der Kritik an der Zahlenübertragung zu trennen. BT-Drs. 20/7665 verlangt konkret eine wiederkehrende Auswertung, aufgeschlüsselt nach Herkunftsregion, im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung, über den gesamten Lebensverlauf und getrennt nach direkten und indirekten Kosten. Ein solcher Bericht existiert in Deutschland bislang tatsächlich nicht in gebündelter Form, auch wenn Destatis, die Bundesagentur für Arbeit und das IAB einzelne Bausteine dafür liefern.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Die zitierten dänischen Zahlen passen zur veröffentlichten dänischen Auswertung, sind aber sieben Jahre alt und stammen aus derselben Analysereihe, die Faktenfackel bereits als methodisch nicht verallgemeinerbar eingeordnet hat. Der eigentliche neue Baustein der Pressemitteilung, die stillschweigende Übertragung des dänischen Pro-Kopf-Werts auf die rund 930.000 in Deutschland lebenden Syrer, hält der Prüfung nicht stand: Die deutsche Bevölkerungsgruppe ist mehr als 20-mal größer, im Schnitt deutlich kürzer im Land und dadurch strukturell schlechter mit der dänischen Vergleichsgruppe vergleichbar, während gerade die Beschäftigungsquote, die auch die dänische Studie als entscheidenden Faktor benennt, mit der Aufenthaltsdauer stark steigt. Die Forderung nach einem regelmäßigen deutschen Migrationsbericht ist davon unabhängig ein legitimes politisches Anliegen.
