Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 25. August 2026. Michael Blos beruft sich auf eine Modellstudie des Helmholtz-Zentrum Hereon zu Offshore-Windparks in der Nordsee, wonach großflächiger Ausbau den Niederschlag über den Parks steigen und in windabgewandten Küstenbereichen sinken lassen kann. Er nennt den Ausbau "energiepolitisch unvernünftig und umweltpolitisch riskant", lehnt die Flächenziele des Windenergieflächenbedarfsgesetzes ab und fordert stattdessen die Prüfung einer Reaktivierung vorhandener Kernkraftwerke.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Pressemitteilung gibt den Kernbefund der Studie im Grundsatz korrekt wieder. Ein Forschungsteam um Dr. Naveed Akhtar vom Hereon hat mit dem Klimamodell COSMO-CLM simuliert, wie sich ein sehr weitreichender Ausbau von Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee auf den regionalen Niederschlag auswirken könnte, auf Basis von Wetterdaten aus den Jahren 2008 bis 2017. Die im August 2026 im Fachjournal Communications Earth & Environment veröffentlichte Studie zeigt: Über den Windparkflächen selbst nimmt der Niederschlag im Extremszenario um 12 bis 18 Prozent zu, während er in angrenzenden Küstenregionen zurückgeht. Für den Nordwesten Schleswig-Holsteins und die niedersächsische Küste beziffert die Studie den Rückgang im Mittel auf 5 bis 8 Prozent. Für Teile Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande und Großbritanniens nennt die begleitende Pressemitteilung des Hereon Rückgänge von bis zu 15 Prozent. Am stärksten trifft es der Studie zufolge Jütland, besonders die Region um Herning, die im Windschatten des Windparkclusters Nordsøen I rund 80 Kilometer vor der dänischen Westküste liegt. In Herbst und Winter, wenn der Effekt am stärksten ausfällt, liegen die simulierten Rückgänge an den Küsten bei 8 bis 15 Prozent.
Was in der Pressemitteilung der AfD-Fraktion fehlt, ist die Einordnung, die Hereon selbst zu seiner eigenen Studie liefert. Unter der Überschrift "Ein bewusst extremes Ausbauszenario" erklären die Forschenden ausdrücklich, die Simulation entspreche "einem rein technischen Szenario, das über die tatsächlichen derzeitigen Ausbauziele der Europäischen Union hinausgeht": Berücksichtigt wurde der vollständige Ausbau sämtlicher in Nord- und Ostsee für Offshore-Windenergie ausgewiesenen Flächen, was eine Leistung ergäbe, die "deutlich über den diskutierten Ausbauzielen von 300 GW bis 2050 liegt". Die Studie selbst bestätigt, dass die beschriebenen Küsteneffekte an dieses Maximalszenario gebunden sind: Für den heutigen Bestand von 2023 und die Ausbaupläne bis 2030 fielen die Effekte klein aus und blieben "primarily confined to marine areas" (Übersetzung: im Wesentlichen auf die Meeresflächen selbst begrenzt). Erst im technischen Maximalszenario für die Zeit nach 2050, das ausdrücklich keine Prognose des tatsächlich erwarteten Ausbaus ist, zeigen sich die Küsteneffekte in der beschriebenen Größenordnung. Die Forschenden wählten dieses Szenario nach eigenen Angaben bewusst, um Klimaeffekte deutlich sichtbar zu machen und ihre Größenordnung abzuschätzen. Studienautor Akhtar erklärt in derselben Mitteilung das Ziel der Arbeit: Sie solle dazu beitragen, den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie in Europa mit den Anforderungen des Klima-, Umwelt- und Küstenschutzes in Einklang zu bringen. Von einer Ablehnung des Ausbaus oder der Flächenziele des Windenergieflächenbedarfsgesetzes, wie Blos sie fordert, ist darin nicht die Rede.
Auch die Größenordnung relativiert sich im Vergleich. Die Studie verweist selbst auf unabhängige Klimaprojektionen unter dem RCP8.5-Szenario, wonach der Klimawandel den Winterniederschlag in weiten Teilen Nordeuropas einschließlich Deutschlands und Dänemarks um rund 15 Prozent erhöhen dürfte, also in ähnlicher Größenordnung wie der Rückgang, den die Windpark-Simulation für dieselbe Jahreszeit errechnet. Die Autoren betonen dabei ausdrücklich, ihre Ergebnisse sollten solche szenariobasierten Klimaprojektionen nicht ersetzen, sondern lediglich zusätzliche regionale Wettereffekte des Windparkausbaus sichtbar machen, die in gängigen Klimamodellen bislang fehlen.
Der Sprung zur Forderung nach einer Kernkraft-Reaktivierung ist in der Studie nicht angelegt, zur Kernenergie äußert sie sich an keiner Stelle. Auch als Antwort auf ein mögliches Niederschlagsproblem wäre der Umstieg fragwürdig, denn Kernkraftwerke hängen selbst am Wasser: Bei Niedrigwasser oder zu warmen Flüssen müssen sie gedrosselt oder abgeschaltet werden. Wie wenig von der Gegenthese übrig bleibt, deutsche Anlagen seien praktisch unabhängig von Flusspegeln gewesen, steht im Faktencheck "Sind deutsche Kernkraftwerke unabhängig von Flusspegeln?", samt der Drosselungen deutscher Anlagen im Hitzesommer 2018 und der Rolle von Kühltürmen, die die Wasserabhängigkeit nur von der Entnahme zur Verdunstung verschieben, statt sie aufzuheben. Im Sommer 2026 zeigte sich dasselbe Muster in mehreren europäischen Ländern: Wegen des Niedrigwassers der Donau lief das Kernkraftwerk Paks in Ungarn nur noch mit einer von vier Turbinen, das rumänische Kernkraftwerk Cernavodă nur noch mit einer von zwei, und in Frankreich standen zeitweise drei der 57 Reaktoren still. Dazu kommt der vergleichsweise niedrige Wirkungsgrad von Kernkraftwerken: Ein Großteil der erzeugten Wärme geht als Abwärme an Flüsse oder das Meer, was diese zusätzlich aufheizt und Kraftwerke zum Schutz der Fischbestände wiederum zur Drosselung zwingen kann. Wer wie Blos vor Wasserknappheit und regionalen Klimafolgen warnt, tauscht mit dieser Forderung eine mögliche Wasserabhängigkeit gegen eine bereits real beobachtete.
Zu den Zahlen der geforderten Reaktivierung selbst und zur Verlässlichkeit der zugrunde liegenden Kostenschätzung hat Faktenfackel bereits bei einer thematisch verwandten Pressemitteilung von Blos Stellung genommen: Der dort zitierte Zeitplan der Radiant Energy Group hat bereits seinen ersten Meilenstein verfehlt. Auch die Acht-Prozent-Zahl zum Ostsee-Strandmüll, die Blos in derselben Mitteilung anführte, haben wir dort im Detail geprüft und zusätzlich in einem eigenen Faktencheck eingeordnet. Beide Fälle betreffen andere Sachfragen als die hier untersuchte Niederschlagsstudie, folgen aber demselben Muster: korrekt zitierte Fakten, die über die Grenzen der eigenen Studie hinaus politisch zugespitzt werden.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Dass ein sehr weitreichender Offshore-Windausbau den Niederschlag über den Windparks erhöhen und in einigen Küstenregionen verringern kann, hat die Hereon-Studie tatsächlich modelliert, für Nordwest-Schleswig-Holstein und die niedersächsische Küste im Mittel um 5 bis 8 Prozent. Blos verschweigt dabei, dass die Forschenden dieses Szenario selbst als bewusst extrem bezeichnen und ausdrücklich klarstellen, dass es weit über den tatsächlichen EU-Ausbauzielen liegt: gewählt, um die Größenordnung möglicher Effekte sichtbar zu machen, nicht um den erwarteten Ausbau zu beschreiben. Für den heutigen Ausbaustand und die Planungen bis 2030 finden die Forschenden selbst nur geringe, im Wesentlichen auf die Meeresfläche begrenzte Effekte. Aus einer Studie, die zu mehr Sorgfalt bei künftigen Ausbauplanungen aufruft, macht die Pressemitteilung ein Argument gegen die bestehenden Flächenziele und für die Reaktivierung von Kernkraftwerken, die selbst wasserabhängig sind und in diesem Sommer anderswo in Europa wegen Niedrigwassers gedrosselt werden mussten.
