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Sind deutsche Kernkraftwerke unabhängig von Flusspegeln?

Warum die Drosselungen von 2018 und Frankreichs Hitzesommer 2026 die AfD-These widerlegen

Irreführend
Inhalt

Was ist passiert?

Am 7. August 2026 veröffentlichte die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag eine Pressemitteilung zur Abschaltung des ungarischen Kernkraftwerks Paks. Anlass war der Rekordtiefstand der Donau, der den Betrieb der Anlage eingeschränkt hatte. Dr. Paul Schmidt, Leiter der AG Kernkraft der Fraktion, nennt die Einordnung, der Klimawandel sei ein Todesurteil für die Kernenergie, ein "durchsichtiges ideologisches Ablenkungsmanöver der Atomausstiegs-Lobby". Paks nutze Durchlaufkühlung und brauche deshalb viel Flusswasser, das sei ein Planungsfehler und kein systemisches Versagen. Deutsche Anlagen hätten anders funktioniert: Isar 2 habe der Isar "effektiv nur rund 0,7 Kubikmeter pro Sekunde" entnommen, andere Standorte seien "praktisch unabhängig von Flusspegeln" gewesen. Die Fraktion fordert, den Rückbau stillgelegter Anlagen zu stoppen und den Wiedereinstieg in die Kernkraft rechtlich zu ermöglichen.

Die zentrale Behauptung ist ein Zustandssatz über die Vergangenheit: Deutsche Kernkraftwerke seien praktisch unabhängig von Flusspegeln gewesen. Das lässt sich direkt messen, denn ob Anlagen wegen Flusswasser gedrosselt wurden, ist dokumentiert.

2018 mussten drei deutsche Anlagen drosseln

Während der Hitzewelle 2018 reduzierten mehrere deutsche Kernkraftwerke ihre Leistung: Philippsburg um bis zu 10 Prozent, Grohnde um 80 bis 120 Megawatt, Brokdorf in geringerem Umfang. Der Grund ist eine wasserrechtliche Auflage: Steigt die Wassertemperatur des Flusses auf 28 Grad, müssen die Betreiber die Leistung reduzieren, damit das zurückgeleitete Kühlwasser das Gewässer nicht zusätzlich aufheizt. Der Grenzwert ergibt sich aus den bundesweiten Kriterien der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser und der EU-Fischgewässerrichtlinie und galt bereits im Hitzesommer 2003, wie ein Bericht der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins festhält.

Zur fairen Einordnung gehört: Solche Drosselungen waren nicht jedes Jahr nötig. 2019 etwa meldeten die Betreiber von Isar 2 und weiteren bayerischen und baden-württembergischen Anlagen keine hitzebedingten Einschränkungen. Genau darin liegt aber der Fehlschluss der Pressemitteilung: Sie verallgemeinert einen Zustand, der nur zeitweise zutraf, zu einer dauerhaften Unabhängigkeit vom Fluss. "Praktisch unabhängig" waren die deutschen Anlagen nicht, sie waren an gute Jahre gebunden und mussten in heißen Sommern nachweislich zurückfahren.

Frankreich widerlegt die Einzelfall-These

Wäre die Paks-Abschaltung nur ein ungarischer Planungsfehler, dürfte es in Ländern mit moderner Kühlturmtechnik keine vergleichbaren Probleme geben. Frankreich betreibt seine Reaktoren überwiegend mit Kreislaufkühlung, also genau der Technik, die die Pressemitteilung als Lösung anführt. Trotzdem musste der Betreiber EDF im Sommer 2026 wiederholt Reaktoren drosseln oder vom Netz nehmen, unter anderem in Nogent-sur-Seine und Bugey Ende Juni und in Golfech, Bugey und Chooz Mitte Juli. Laut EDF machten wetterbedingte Ausfälle durch hohe Flusstemperaturen und Niedrigwasser seit dem Jahr 2000 im Schnitt 0,3 Prozent der jährlichen Stromerzeugung der Kernkraftflotte aus. Für die Anpassung an den Klimawandel veranschlagt der Konzern rund 8,7 Milliarden Euro über 15 Jahre. Ein Konzern, der Milliarden für Klimaanpassung einplant, hält das Problem offenkundig nicht für einen fremden Planungsfehler.

Die Pressemitteilung stützt ihre Gegenposition auf zwei Fachleute: Wolfgang Czolkoss vom Branchenverband VGBE und Horst-Michael Prasser, bis Anfang 2021 Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich, hätten "klar" belegt, dass Kühlprobleme ausschließlich ältere Durchlaufsysteme beträfen. Eine Primärquelle für diese Aussage ließ sich nicht finden, nahezu alle Fundstellen führen zur AfD-Pressemitteilung selbst zurück. Unabhängig von der Urheberschaft ist die kategorische Form widerlegt: Die gedrosselten französischen Reaktoren sind keine alten Durchlaufsysteme. Der Energieprofessor Massimiliano Capezzali von der Fachhochschule des Kantons Waadt erklärte dem Schweizer Sender RSI, ein Atomkraftwerk müsse wie jedes thermische Kraftwerk ständig gekühlt werden, die Kühlung sei Teil jedes Energieumwandlungsprozesses.

Kühltürme verlagern die Abhängigkeit, sie beseitigen sie nicht

Der Kern des Arguments ist die Kühltechnik: Paks entnimmt der Donau als Durchlaufkühler große Wassermengen, deutsche Anlagen wie Isar 2 kühlten dagegen über Kühltürme und entnahmen entsprechend wenig. Die Unterscheidung ist technisch korrekt, der Schluss daraus nicht. Isar 2 nutzte einen Naturzug-Nasskühlturm, bei dem ein Teil des entnommenen Wassers verdunstet, statt in den Fluss zurückzufließen. Der Fluss verliert dieses Wasser also trotzdem, nur durch Verbrauch statt durch Entnahme.

Die genannte Entnahmemenge von 0,7 Kubikmetern pro Sekunde für Isar 2 ließ sich anhand öffentlich zugänglicher Betreiber- und Behördenunterlagen nicht überprüfen. Auf sie kommt es aber auch nicht an, denn eine kleine Entnahmemenge belegt keine Unabhängigkeit vom Fluss. Leonhard Gandhi, Energieexperte am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, erklärte gegenüber dem ZDF, Kühltürme seien bei Hitze zwar grundsätzlich weniger anfällig, "ein Problem kann dann aber Niedrigwasser werden, da Kühltürme viel Wasser aus den Flüssen brauchen". Dürre trifft damit grundsätzlich alle thermischen Kraftwerke, unabhängig von der Kühlbauart.

Bei den konkreten Zahlen zu Paks ist die Pressemitteilung zudem ungenau: Die vier Blöcke benötigen im Regelbetrieb rund 100 statt der genannten 50 Kubikmeter Donauwasser pro Sekunde, wie Attila Aszódi, Professor für Kernenergietechnik an der Technischen Universität Budapest, dem Nachrichtenportal Index bestätigte. Der tatsächliche Wasserbedarf ist also doppelt so hoch wie dargestellt, was eher gegen als für die eigene Argumentation spricht.

Was an der Mitteilung stimmt

Zwei Punkte tragen. Die fachliche Unterscheidung zwischen Durchlaufkühlung und Kreislaufkühlung mit Kühltürmen ist korrekt, und beim Kraftwerk Paks spielt tatsächlich ein Standortproblem mit hinein: Eine Ursachenanalyse des kernkraftbefürwortenden Vereins Nuklearia zeigt, dass zu flach verlegte Ansaugstutzen der Kühlwasserpumpen den Betrieb einschränkten, ein Problem, das der Betreiber durch tiefere Verlegung der Rohre beheben will. Das bulgarische Kraftwerk Kosloduj, dessen Pumpstation für ein hundertjähriges Niedrigwasser ausgelegt wurde, blieb trotz noch niedrigerer Pegel unbeeinträchtigt. Auch die Größenordnung der weltweiten Baustellen stimmt: Die IAEA-Datenbank PRIS zählt aktuell 78 Reaktoren im Bau in 17 Ländern, die Pressemitteilung spricht von "mehr als 65".

Nur folgt aus einem behebaren Standortproblem in Ungarn nicht, dass Kernkraftwerke anderswo vom Fluss unabhängig wären. Die Drosselungen von 2018 in Deutschland und die Abschaltungen von 2026 in Frankreich betrafen Anlagen mit genau der Kühltechnik, die die Mitteilung als Beleg für Unabhängigkeit anführt.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Deutsche Kernkraftwerke waren nachweislich nicht praktisch unabhängig von Flusspegeln: Im Hitzesommer 2018 mussten Philippsburg, Grohnde und Brokdorf ihre Leistung drosseln, weil ab 28 Grad Flusswassertemperatur eine wasserrechtliche Drosselungspflicht greift. Die Einzelfall-These zu Paks bricht an Frankreich, wo EDF im Sommer 2026 mehrere Kühlturmreaktoren wegen Hitze und Niedrigwasser drosseln oder abschalten musste und für die Klimaanpassung rund 8,7 Milliarden Euro über 15 Jahre einplant. Kühltürme verringern die Wasserentnahme, ersetzen sie aber durch Verbrauch per Verdunstung, die Abhängigkeit vom Fluss bleibt. Richtig sind die fachliche Unterscheidung der Kühlarten und die Zahl der weltweit im Bau befindlichen Reaktoren, doch der wahre Kern trägt die Schlussfolgerung nicht.