Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 7. August 2026. Paul Schmidt, Leiter der AG Kernkraft, reagiert auf die Abschaltung des ungarischen Kernkraftwerks Paks wegen des Rekordtiefstands der Donau. Die Aussage, der Klimawandel sei ein Todesurteil für die Kernenergie, nennt er ein "durchsichtiges ideologisches Ablenkungsmanöver der Atomausstiegs-Lobby". Paks nutze ausschließlich Durchlaufkühlung und brauche deshalb "bis zu 50 Kubikmeter pro Sekunde" Flusswasser, das sei ein Planungsfehler und kein systemisches Versagen. Deutsche Anlagen funktionierten anders: Isar 2 habe der Isar "effektiv nur rund 0,7 Kubikmeter pro Sekunde" entnommen, andere Standorte seien "praktisch unabhängig von Flusspegeln" gewesen. Weltweit seien "mehr als 65 Kernkraftwerksblöcke im Bau". Die Fraktion fordert, den Rückbau stillgelegter Anlagen zu stoppen und den Wiedereinstieg rechtlich zu ermöglichen.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Ein Teil der Pressemitteilung ist fachlich zutreffend. Die Unterscheidung zwischen Durchlaufkühlung, wie sie das ungarische Kraftwerk Paks nutzt, und Kreislaufkühlung mit Kühltürmen, wie sie deutsche und die meisten modernen europäischen Anlagen einsetzen, ist technisch korrekt. Auch die Größenordnung "mehr als 65 Kernkraftwerksblöcke im Bau" trägt: Die Internationale Atomenergie-Organisation zählt in ihrer Datenbank PRIS aktuell 78 Reaktoren im Bau in 17 Ländern.
Die zentrale Behauptung, deutsche Kernkraftwerke seien "praktisch unabhängig von Flusspegeln", hält der Überprüfung jedoch nicht stand. Während der Hitzewelle 2018 mussten mehrere deutsche Anlagen ihre Leistung drosseln: Philippsburg um bis zu 10 Prozent, Grohnde um 80 bis 120 Megawatt, Brokdorf in geringerem Umfang. Grund ist eine wasserrechtliche Auflage: Steigt die Wassertemperatur der Flüsse auf 28 Grad, müssen die Betreiber die Leistung reduzieren. Dieser Grenzwert ergibt sich aus den bundesweiten Kriterien der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser und der EU-Fischgewässerrichtlinie und galt bereits im Hitzesommer 2003, wie ein Bericht der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins zum Hitzesommer 2003 festhält. Massive Fischsterben blieben damals trotz der Belastung weitgehend aus, lokal wurden aber Fischsterben und ein verbreitetes Aalsterben durch die sogenannte Rotaalseuche beobachtet. Zur Einordnung gehört aber auch, dass Drosselungen wegen der 28-Grad-Grenze nicht jedes Jahr nötig sind: 2019 meldeten die Betreiber von Isar 2 und weiteren bayerischen und baden-württembergischen Anlagen keine hitzebedingten Einschränkungen. Die Pressemitteilung verallgemeinert damit einen Zustand, der nur zeitweise zutrifft, zu einer dauerhaften Unabhängigkeit vom Fluss, die es historisch nicht gab.
Auch der Verweis auf die deutsche Kühltechnik als Lösung überzeugt nur bedingt, denn auch Kühlturmanlagen bleiben wasserabhängig. Frankreich betreibt seine Reaktoren ebenfalls überwiegend mit Kreislaufkühlung, trotzdem musste der Betreiber EDF im Sommer 2026 wiederholt Reaktoren drosseln oder vom Netz nehmen, unter anderem in Nogent-sur-Seine und Bugey Ende Juni und in Golfech, Bugey und Chooz Mitte Juli. Laut EDF machten wetterbedingte Produktionsausfälle durch hohe Flusstemperaturen und Niedrigwasser seit dem Jahr 2000 im Schnitt 0,3 Prozent der jährlichen Stromerzeugung der französischen Kernkraftflotte aus, für die Anpassung an den Klimawandel veranschlagt der Konzern rund 8,7 Milliarden Euro über 15 Jahre.
Die tragende Autoritätsbehauptung der Pressemitteilung lautet, Wolfgang Czolkoss vom Branchenverband VGBE und Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich hätten "klar" belegt, dass Kühlprobleme "ausschließlich ältere Durchlaufsysteme" beträfen. Eine ausführliche Suche nach dieser Aussage bei den beiden genannten Fachleuten blieb ergebnislos: Weder in Veröffentlichungen des VGBE noch in Publikationen, Interviews oder Vorträgen von Prasser, der bis zu seiner Emeritierung Ende Januar 2021 Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich war, ließ sich eine Aussage zur aktuellen Donau-Lage 2026 finden. Nahezu alle Suchtreffer zu beiden Namen führen zur AfD-Pressemitteilung selbst oder zu deren Nachdruck bei Freie Welt zurück, eine Fundstelle nennt die Mitteilung nicht. Ob und in welcher Form die beiden Fachleute sich tatsächlich geäußert haben, lässt sich damit nicht abschließend klären. Unabhängig von der Urheberschaft ist die Aussage in ihrer kategorischen Form aber widerlegt: Wären Kühlprobleme "ausschließlich" ein Problem älterer Durchlaufsysteme, dürfte es die geschilderten Drosselungen der französischen Kühlturmreaktoren nicht geben. Auch ein unabhängiger Experte widerspricht der Kategorisierung: Massimiliano Capezzali, Professor am Institut für Energien der Fachhochschule für Ingenieurwesen und Management des Kantons Waadt, erklärte gegenüber dem italienischsprachigen Schweizer Sender RSI, ein Atomkraftwerk müsse wie jedes thermische Kraftwerk ständig gekühlt werden, die Kühlung sei Teil jedes Energieumwandlungsprozesses. Die Wasserabhängigkeit lässt sich demnach durch Kühltürme verringern, aber nicht grundsätzlich aufheben, wie die Pressemitteilung suggeriert.
Zur aktuellen Lage an der Donau liegt Schmidt mit seiner technischen Einordnung teilweise richtig. Eine Ursachenanalyse des kernkraftbefürwortenden Vereins Nuklearia zeigt, dass beim Kraftwerk Paks tatsächlich kein grundsätzlicher Wassermangel vorliegt, sondern zu flach verlegte Ansaugstutzen der Kühlwasserpumpen den Betrieb einschränken, ein Standortproblem, das der Betreiber inzwischen durch eine tiefere Verlegung der Rohre beheben will. Das bulgarische Kraftwerk Kosloduj, dessen Pumpstation für ein 100-jähriges Niedrigwasser ausgelegt wurde, blieb trotz noch niedrigerer Pegel unbeeinträchtigt, während beim rumänischen Cernavodă ein Block vorsorglich abgeschaltet wurde und der zweite nur durch aufwendige wasserbauliche Maßnahmen weiterlief.
Bei den konkreten Wassermengen bleibt die Pressemitteilung jedoch ungenau. Die vier Paks-Blöcke benötigen im Regelbetrieb rund 100 statt der genannten 50 Kubikmeter Donauwasser pro Sekunde, wie Attila Aszódi, Professor für Kernenergietechnik an der Technischen Universität Budapest, dem ungarischen Nachrichtenportal Index bestätigte. Diese Abweichung geht gegen die eigene Argumentation der AfD, der tatsächliche Wasserbedarf ist doppelt so hoch wie in der Mitteilung dargestellt.
Die Angabe zu Isar 2, das Kraftwerk habe der Isar "effektiv nur rund 0,7 Kubikmeter pro Sekunde" entnommen, ließ sich anhand öffentlich zugänglicher Betreiber- und Behördenunterlagen nicht überprüfen. Unabhängig von der genauen Zahl trägt der Rückschluss der Pressemitteilung ohnehin nicht: Eine kleine Entnahmemenge belegt keine Unabhängigkeit vom Fluss. Isar 2 kühlte wie die meisten deutschen Standorte über einen Naturzug-Nasskühlturm, bei dem ein Teil des entnommenen Wassers verdunstet statt in den Fluss zurückzufließen, der Fluss verliert dieses Wasser also trotzdem, nur durch Verbrauch statt durch Entnahme. Leonhard Gandhi, Energieexperte am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, erklärte gegenüber dem ZDF, Kühltürme seien bei Hitze zwar grundsätzlich weniger anfällig, "ein Problem kann dann aber Niedrigwasser werden, da Kühltürme viel Wasser aus den Flüssen brauchen". Kühltürme verlagern die Abhängigkeit vom Fluss also nur von der Entnahme zum Verbrauch, sie beseitigen sie nicht. Dürre trifft damit grundsätzlich alle thermischen Kraftwerke, unabhängig von der Kühlbauart.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Einzelne Fakten der Pressemitteilung stimmen, etwa die Unterscheidung zwischen Durchlauf- und Kreislaufkühlung und die Zahl der weltweit im Bau befindlichen Kernkraftwerksblöcke. Die zentrale Schlussfolgerung, deutsche Kernkraftwerke seien "praktisch unabhängig von Flusspegeln", widerlegen aber sowohl die Drosselungen deutscher Anlagen 2018 als auch die anhaltenden hitzebedingten Abschaltungen in Frankreich, dessen Reaktoren ebenfalls mit Kühltürmen arbeiten. Für die Aussage, die die Mitteilung den Fachleuten Czolkoss und Prasser zuschreibt, ließ sich keine Primärquelle finden, und unabhängig davon, ob und wie die beiden sich geäußert haben, widerlegen dieselben französischen Kühlturmreaktoren die Behauptung, Kühlprobleme beträfen "ausschließlich" alte Durchlaufsysteme. Auch die von der AfD genannte Wasserbedarfszahl für Paks liegt nur bei der Hälfte des tatsächlichen Bedarfs, was eher gegen als für die eigene Argumentation spricht.
