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Stand: 14.08.2026

Schmidt: Blackout am Finsternis-Abend nur durch Glück verhindert

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 13. August 2026. Der Bundestagsabgeordnete Dr. Paul Schmidt deutet die Strompreisspitze am Abend der partiellen Sonnenfinsternis vom 12. August als Beleg für eine gefährlich wetterabhängige Stromversorgung. Genannt werden ein Einbruch der Windleistung um 8,1 Gigawatt auf 4,7 Gigawatt und damit "gerade einmal 6 Prozent der installierten Leistung", eine am Abend benötigte Leistung von 47 Gigawatt, über 16 Gigawatt Kohlestrom und ein Börsenstrompreis von in der Spitze 46 Cent je Kilowattstunde. Schmidt wirft den Medien vor, sie hätten die Windflaute als eigentliche Hauptursache verschwiegen, nennt die Verhinderung eines Blackouts "reines Glück" und verweist auf die Sicherheitsplattform Strom der Bundesnetzagentur als Vorbereitung von Zwangsabschaltungen. Gefordert wird der Wiedereinstieg in die Kernkraft mit der Angabe, neun stillgelegte Standorte ließen sich in jeweils zwei bis fünfeinhalb Jahren für 18 Milliarden Euro und zusammen 12 Gigawatt reaktivieren.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der genannte Spitzenpreis stimmt: In der Viertelstunde von 19:45 bis 20:00 Uhr am 12. August 2026 lag der Day-Ahead-Großhandelspreis für die deutsch-luxemburgische Gebotszone bei 461,17 Euro/MWh, also rund 46 Cent/kWh, und das war zugleich der Tageshöchstwert. Nachvollziehbar ist das über die Preisreihe DE-LU bei energy-charts.info des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme; denselben Wert nennt auch edison: Sonnenfinsternis lässt die Strompreise steigen (12. August 2026). Die Zahl trägt allerdings nicht die Dramatik, die die Pressemitteilung ihr gibt: In derselben Viertelstunde am Folgetag, dem 13. August, ganz ohne Sonnenfinsternis, lag der Preis mit 487,38 Euro/MWh sogar noch höher. Laut zfk: Von Sonnenfinsternis bis Quallen (12.08.2026) war dasselbe Zeitfenster bereits zum vierten Mal innerhalb weniger Tage die teuerste Viertelstunde des Tages. Die Finsternis war damit kein singuläres Krisenereignis, sondern ein weiterer Ausschlag in einem seit Tagen angespannten Markt.

Die Fachpresse ordnete die Ursache bereits am selben Tag ein, anders als die Pressemitteilung suggeriert. Laut zfk erklärte Energieexperte Andreas Schwenzer, der Preissprung hänge "vor allem mit einer niedrigen Windproduktion" zusammen, die Solarproduktion sei zum Zeitpunkt der Finsternis ohnehin bereits gesunken gewesen. Auch edison: Sonnenfinsternis lässt die Strompreise steigen (12.08.2026) nennt die großflächige Windstille als Faktor, der den Netzbetreibern weniger Flexibilität ließ. Als Pauschale über "die Medien" geht der Vorwurf damit zu weit. Einen Teil der Berichterstattung trifft er allerdings: Handelsblatt: Warum die Sonnenfinsternis die Strompreise stark in die Höhe treibt (12.08.2026) und t-online (12.08.2026) erklären den Preisausschlag allein mit dem Wegfall des Solarstroms. Die WirtschaftsWoche (12.08.2026) nennt daneben die angespannte Lage am europäischen Markt, niedrige Flusspegel und die eingeschränkte Verfügbarkeit von Kernkraftwerken in Frankreich, Ungarn und Rumänien. Die Windflaute erwähnt keines der drei reichweitenstarken Publikumsmedien. Der PV-Rückgang durch die Finsternis selbst blieb dabei überschaubar: Die Übertragungsnetzbetreiber rechneten laut pv magazine: Übertragungsnetzbetreiber bereiten sich auf Sonnenfinsternis vor (10.08.2026) mit rund zwei Gigawatt weniger Solareinspeisung in Deutschland. Europaweit könnte die Solarerzeugung nach Berechnungen des Übertragungsnetzbetreiber-Verbands ENTSO-E vorübergehend um bis zu 9,7 Gigawatt zurückgehen, wie edison berichtet.

Die Momentaufnahme, die die Pressemitteilung von diesem Abend zeichnet, hält einer Nachprüfung an den viertelstundenscharfen Erzeugungs- und Lastdaten in weiten Teilen stand. Nachvollziehbar sind die folgenden Werte über die Erzeugungs- und Lastreihe für den 12. August 2026 bei energy-charts.info des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und die Zeitreihe der installierten Leistung, beides auf Basis der ENTSO-E-Transparenzplattform. Die deutsche Windeinspeisung aus On- und Offshore-Anlagen lag um 19:30 Uhr bei 4,77 Gigawatt und um 19:45 Uhr, in der teuersten Viertelstunde, bei 5,10 Gigawatt. Die genannten 4,7 Gigawatt treffen den Zeitraum der Preisspitze damit. Auch die Einordnung als "gerade einmal 6 Prozent der installierten Leistung" ist zutreffend: Im August 2026 waren 70,54 Gigawatt onshore und 10,93 Gigawatt offshore installiert, zusammen 81,47 Gigawatt. 4,7 Gigawatt entsprechen davon 5,8 Prozent, die gemessenen 5,1 Gigawatt 6,3 Prozent. Und die Angabe, die benötigte Leistung sei am Abend auf 47 Gigawatt hochgeschossen und habe "fast vollständig von konventionellen Kraftwerken gedeckt werden" müssen, beschreibt die Residuallast, also die Last abzüglich der Einspeisung aus Wind und Sonne. Die lag um 19:45 Uhr bei 46,53 Gigawatt und erreichte in genau dieser Viertelstunde ihren Tageshöchstwert.

Bei zwei Angaben sieht es anders aus. Die Kohleverstromung aus Braun- und Steinkohle zusammen lag zur Preisspitze bei 13,39 Gigawatt und erreichte ihr Tagesmaximum von 13,57 Gigawatt erst kurz vor Mitternacht. Selbst wenn man das Kuppelgas aus der Kohleveredelung großzügig hinzurechnet, bleibt es bei höchstens 14,0 Gigawatt. Die "allein über 16 Gigawatt aus der Kohle" liefen an diesem Tag zu keinem Zeitpunkt, und die Pressemitteilung baut auf dieser Zahl unmittelbar ihr nächstes Argument auf, wonach die geplanten 12 Gigawatt neuer Gaskraftwerke die Lücke nach dem Kohleausstieg nicht schließen könnten. Und für den "Einbruch der Windleistung um 8,1 Gigawatt" nennt sie keinen Bezugspunkt, von dem aus gerechnet wird. Aus den Daten lässt sich dieser Wert nicht rekonstruieren: Im Tagesmittel fiel die Windeinspeisung vom 11. auf den 12. August von 11,82 auf 5,50 Gigawatt, ein Rückgang um 6,3 Gigawatt; gegenüber derselben Viertelstunde am Vorabend, in der 6,96 Gigawatt eingespeist wurden, sind es rund 1,9 Gigawatt.

Zur europäischen Anspannung an diesem Abend trug ausgerechnet Kernkraft bei, die die Pressemitteilung als Lösung anbietet. In Gravelines, mit sechs Blöcken Westeuropas größtem Kernkraftwerk, musste Betreiber EDF drei Reaktoren abschalten und einen weiteren drosseln, weil Quallenschwärme die Kühlwasser-Ansaugfilter verstopften, wie Euronews: Jellyfish force shutdown of three reactors at Gravelines (11.08.2026) berichtete. Einen ähnlichen Vorfall gab es dort bereits ein Jahr zuvor. Zusammen mit niedrigen Flusspegeln und reduzierter französischer Kernkraftkapazität verschärfte das den Druck auf den europäischen Strommarkt, wie auch zfk einordnet. Zur Wasserabhängigkeit der Kernkraft, auch bei moderner Kühlturmtechnik, hat Dr. Paul Schmidt bereits in einer früheren Pressemitteilung Stellung genommen, siehe dazu die separate Bewertung zu Schmidts Aussagen zur Kernkraft bei Niedrigwasser.

Der Satz, ein Blackout sei "reines Glück" gewesen, widerspricht der Einschätzung der Netzbetreiber. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber erwarteten im Vorfeld laut pv magazine angesichts von 125 Gigawatt installierter Photovoltaik-Leistung keinen relevanten Einfluss auf die Versorgungssicherheit, und Handelsblatt: Sonnenfinsternis bleibt ohne Einfluss auf Stromversorgung (12.08.2026) zitiert die Netzbetreiber mit der Aussage, die geringere Einspeisung werde "keinen Einfluss auf die Stromversorgung" haben. Präzedenzfall ist die Sonnenfinsternis vom 20. März 2015, bei der die PV-Einspeisung laut DWD: Sonnenfinsternis 2015, Stresstest für das Stromnetz innerhalb einer Stunde um mehr als 60 Prozent einbrach, deutlich stärker als 2026, ohne dass es zu kritischen Netzsituationen kam. Auch die als Beleg für eine drohende Krise angeführte "Sicherheitsplattform Strom" (SiPlaS) der Bundesnetzagentur ist entgegen der Formulierung "klammheimlich" mittlerweile öffentlich dokumentiert: Der Aufbau läuft laut zfk: Sicherheitsplattform Strom der BNetzA, was steckt dahinter? (13.08.2026) seit 2024 rein präventiv, wurde durch Medienberichte öffentlich und von der Behörde bestätigt; eine akute Strommangellage besteht laut Bundesnetzagentur derzeit nicht, großflächige Störungen gelten als "sehr unwahrscheinlich".

Der Verweis auf den Verlust der Momentanreserve durch rotierende Generatorenmassen bei sinkendem Anteil von Kohle- und Kernkraft ist fachlich ein reales, ernstzunehmendes Thema und nicht pauschal von der Hand zu weisen. Die Zuspitzung zum "sofortigen Kollaps" bei einer Netzauftrennung blendet aber aus, dass an Ersatzlösungen bereits gearbeitet wird: Seit Januar 2026 beschaffen die deutschen Übertragungsnetzbetreiber Momentanreserve marktgestützt, wie pv magazine: Neuer Markt für Momentanreserve gestartet (23.01.2026) berichtet, und erstmals können auch netzbildende Umrichter sowie Batteriespeicher an diesem Markt teilnehmen, wo bislang fast ausschließlich Synchronmaschinen konventioneller Kraftwerke Momentanreserve lieferten.

Die zur Untermauerung der Forderung genannten Zahlen zur Reaktivierung, neun Standorte, zwei bis fünfeinhalb Jahre, 18 Milliarden Euro, 12 Gigawatt, bleiben in der Pressemitteilung mit "aktuelle Fachstudien" unbelegt. Sie lassen sich einer Studie des US-Beratungsunternehmens Radiant Energy Group von Ende 2024 zuordnen, die laut Nuklearia: Studie, neun deutsche Kernkraftwerke reaktivierbar (05.12.2024) tatsächlich Brokdorf, Emsland, Grohnde, Gundremmingen B und C, Isar 2, Krümmel, Neckarwestheim 2 und Philippsburg 2 nennt. Die Pressemitteilung glättet die Zahlen der Studie jedoch deutlich: Die Reaktivierungszeiträume schwanken darin zwischen 12 Monaten (Brokdorf) und 6 bis 8 Jahren für sechs der neun Anlagen, nicht einheitlich "zwei bis fünfeinhalb Jahre". Bei den Kosten nennt die Studie bis zu einer Milliarde Euro für Brokdorf und Emsland sowie rund drei Milliarden Euro für jede der übrigen sieben Anlagen, in Summe eher rund 23 als 18 Milliarden Euro. Die Studie selbst macht die Reaktivierung außerdem ausdrücklich von einem "politischen Beschluss" und den "regulatorischen Rahmenbedingungen" abhängig. Kritiker wie Zukunft ohne Kernenergie e.V.: Schon wieder eine Studie der Radiant Energy Group bemängeln zudem die geringe Transparenz der nur wenige Mitarbeiter zählenden Organisation über ihre eigene Finanzierung, und news.de: Wie schnell wäre eine Rückkehr zur Atomkraft in Deutschland möglich? verweist darauf, dass die kalkulierten Zeiträume "idealisierte Annahmen" zu Genehmigungen, Fachkräften und Lieferketten treffen und jahrelange Genehmigungsverfahren, Klagen und Proteste ausblenden. Von der Ulmer Denkfabrik "Global Energy Solutions", die die AfD-Fraktion in einer separaten Pressemitteilung vom selben Tag für einen Vergleich von Strommix-Szenarien zitiert, stammen die Reaktivierungszahlen dagegen nicht; jene Studie wird unabhängig davon für unrealistische Kostenannahmen kritisiert, etwa Cleanthinking: GES-Studie, Wolkenkuckucksheim für Atomiker zufolge für einen Photovoltaik-Kostenansatz von 1.500 statt marktüblich rund 600 Euro pro Kilowatt.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend, allerdings nicht wegen ihrer Zahlen. Die Momentaufnahme vom Abend des 12. August stimmt in den Kernwerten: Windeinspeisung, ihr Anteil an der installierten Leistung, die Residuallast und der Spitzenpreis von rund 46 Cent/kWh sind an den Markt- und Netzdaten nachprüfbar und zutreffend. Belegt falsch ist allein die Kohleangabe, die rund 2,5 Gigawatt über dem tatsächlichen Wert liegt und ausgerechnet das Argument über die Lücke nach dem Kohleausstieg trägt; für den behaupteten Einbruch um 8,1 Gigawatt fehlt jeder Bezugspunkt.

Irreführend ist die Deutung dieser Werte. Der Preis trägt die ihm zugeschriebene Ausnahmestellung nicht, weil der Folgetag ohne Sonnenfinsternis zur selben Uhrzeit noch teurer war. Die Netzbetreiber sahen zu keinem Zeitpunkt eine gefährdete Versorgungssicherheit, und der Präzedenzfall von 2015 mit einem weit stärkeren Einbruch verlief ohne kritische Netzsituation, sodass die Formulierung vom nur "durch reines Glück" verhinderten Blackout nicht haltbar ist. Dass ausgerechnet in Frankreich an diesem Abend Kernkraftwerke wegen einer Quallenplage abgeschaltet werden mussten, konterkariert die als Lösung präsentierte Technologie, und die zur Begründung des Wiedereinstiegs angeführten Reaktivierungszahlen sind gegenüber der zugrunde liegenden Studie bei Zeiträumen wie bei Kosten deutlich geglättet.

Zwei Punkte gehen dagegen an die Pressemitteilung. Der Vorwurf an "die Medien" ist als Pauschale falsch, trifft aber einen Teil: Handelsblatt, t-online und WirtschaftsWoche kamen ohne ein Wort zur Windflaute aus, während die Fachmedien den Windeinbruch schon am selben Tag benannten. Und der Hinweis auf die schwindende Momentanreserve beschreibt ein reales Problem, auch wenn die Zuspitzung zum "sofortigen Kollaps" ausblendet, dass es dafür seit Januar 2026 einen eigenen Beschaffungsmarkt gibt.