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Stand: 13.08.2026

Giersch: Hitzetote dürfen nicht instrumentalisiert werden

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 12.08.2026. Der Vorspann behauptet, das RKI zähle Hitzetote "ähnlich wie in der Corona-Zeit" als "an oder mit Hitze" verstorbene Personen, die Opfer seien "fast ausschließlich alte und schwer kranke Menschen". Der Bundestagsabgeordnete Alexis Giersch wirft dem Institut vor, es lasse sich "erneut vor den Karren der Regierung spannen, indem es mit Phantasiezahlen Angst und Schrecken verbreitet", und nennt die statistische Schätzung hitzebedingter Sterbefälle "pseudowissenschaftlicher Humbug". Als Beleg für die Aussage, Kälte sei gefährlicher als Hitze, führt die Mitteilung ausdrücklich die Auskunft einer "Künstlichen Intelligenz" an. Gefordert werden Klimaanlagen in Altenheimen, Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen sowie die Wiederinbetriebnahme "aller verfügbaren, grundlastfähigen Kraftwerke".

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der Ausgangspunkt der Pressemitteilung ist richtig, die Schlussfolgerung falsch: Das Robert Koch-Institut kann Hitzetote tatsächlich nicht direkt "nachweisen", weil Hitze auf Totenscheinen fast nie als Todesursache eingetragen wird. Genau deshalb sind statistische Verfahren notwendig, um die Zahl abzuschätzen, wie der aktuelle Wochenbericht des Robert-Koch-Institut selbst erklärt: In einigen Fällen, etwa beim Hitzeschlag, führt Hitze unmittelbar zum Tod, in den meisten Fällen wirkt sie über bereits bestehende Vorerkrankungen, weshalb "statistische Methoden angewendet werden müssen, um das Ausmaß hitzebedingter Sterbefälle abzuschätzen". RKI: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, Stand 13. August 2026 Konkret modelliert das RKI den wöchentlichen Sterbefallverlauf zweimal, geschätzt anhand der tatsächlich gemeldeten Sterbefallzahlen und Temperaturdaten, einmal mit und einmal ohne den Effekt der Hitze. "Die geschätzte Anzahl hitzebedingter Sterbefälle ergibt sich aus der Differenz zwischen der modellierten Anzahl von Sterbefällen mit und ohne Hitze", so der Bericht wörtlich. Zusätzlich vergleicht das RKI die Modellkurve mit den tatsächlich beobachteten Sterbefallzahlen, um die Modellgüte zu prüfen: "Ein Vergleich der roten Modellkurve mit der schwarzen Kurve der beobachteten Anzahl von Sterbefällen in Abbildung 2 zeigt, wie gut das Modell den Verlauf der Sterbefälle nachbilden konnte." Dieser Beobachtungsabgleich dient also der Qualitätskontrolle des Modells, nicht der eigentlichen Schätzung, die aus dem Vergleich der beiden Modellkurven mit und ohne Hitze folgt. Für das bisherige Jahr 2026 ergibt diese Differenz rund 12.500 hitzebedingte Sterbefälle (Stand 13. August 2026), mit einem 95-Prozent-Prädiktionsintervall von 11.200 bis 13.600. Das RKI rundet die Zahl bewusst auf die Zehnerstelle, "um den Schätzcharakter zu betonen", und weist die statistische Unsicherheit damit selbst aus, statt sie zu verschweigen. Dieses Verfahren ist keine reine RKI-Eigenkonstruktion: Die zugrundeliegende Methode ist in einer peer-reviewten Fachpublikation gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst und dem Umweltbundesamt dokumentiert und offengelegt. Ärzteblatt: Winklmayr et al., Hitzebedingte Mortalität in Deutschland zwischen 1992 und 2021 Eine statistische Schätzung ist bei hitzebedingter Sterblichkeit deshalb kein methodischer Notbehelf, sondern der einzige fachlich mögliche Weg. Die Behauptung, dieses etablierte Verfahren sei "pseudowissenschaftlicher Humbug", trifft damit nicht die RKI-Methodik.

Die Berufung auf das ZDF trägt den Vorwurf ebenfalls nicht. Der naheliegende Bezugsartikel ist ein Beitrag von ZDF heute, der den jeweils aktuellen Modellstand ausweist und mit Stand 13. August 2026 rund 12.500 Hitzetote meldet, denselben Wert wie der RKI-Wochenbericht vom selben Tag. Zur Methode erklärt er: "Weil es sich bei der Berechnung um ein statistisches Modell handelt, ergibt sich ein Unsicherheitsbereich. Es kann also sein, dass in diesem Jahr weniger oder sogar mehr als 12.500 Personen tatsächlich in Folge der Hitze gestorben sind." ZDFheute: 12.500 Hitzetote diesen Sommer, so beeinflusst Hitze Sterbefälle Der Artikel zitiert RKI-Statistiker Matthias an der Heiden mit den Worten, Hitze sei "selten eine alleinige Todesursache", man beobachte an heißen Tagen aber "deutlich höhere Sterbefallzahlen als üblich". ZDF beschreibt die Methode also tatsächlich als statistische Schätzung mit Unsicherheitsbereich, allerdings neutral erklärend und bestätigend, ohne die von der Pressemitteilung hinzugefügten Wertungen "einfach" und "Humbug". Die Fraktion übernimmt eine sachlich korrekte Beschreibung und dreht sie durch eigene Zusätze ins Abwertende. Dass die geschätzte Zahl im Lauf des Sommers steigt, folgt aus der laufenden Fortschreibung des Modells und ist kein Beleg für Beliebigkeit.

Zutreffend ist dagegen, dass kältebedingte Sterbefälle weltweit häufiger sind als hitzebedingte. Die Studie von Zhao et al. (2021) im Lancet Planetary Health kommt auf ein Verhältnis von rund neun zu eins zugunsten der Kältetoten Zhao et al.: Global, regional, and national burden of mortality associated with non-optimal ambient temperatures (PubMed), für Europa liegt es nach einer weiteren Auswertung für 16 Länder bei etwa zehn zu eins. science.ORF.at: Extremwetter, noch sterben mehr Menschen bei Kälte Ein ähnlicher Fall mit denselben Zahlen ist bereits bei EIKEs Bestreiten der britischen Hitzetotenzahlen eingeordnet. Der Trend verschiebt sich allerdings: Im Studienzeitraum sank der Anteil kältebedingter Todesfälle an allen Sterbefällen um 0,51 Prozentpunkte, der hitzebedingte Anteil stieg um 0,21 Prozentpunkte. Das klingt nach wenig, ist aber gemessen an der kleinen Ausgangsbasis von 0,91 Prozent ein Zuwachs des Hitzeanteils um fast ein Viertel. Modellrechnungen für Europa erwarten mit fortschreitender Erwärmung einen deutlichen weiteren Anstieg der Hitzetoten bei gleichzeitig sinkenden Kältetoten. Für die Bewertung der aktuellen RKI-Zahlen ist das Verhältnis ohnehin nicht einschlägig: Dass Kälte weltweit mehr Todesopfer fordert als Hitze, ändert nichts an der Existenz der rund 12.500 für den Sommer 2026 geschätzten hitzebedingten Sterbefälle. Beide Werte können gleichzeitig zutreffen, sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Für die Kälte-Aussage führt die Pressemitteilung die Auskunft einer nicht näher benannten "Künstlichen Intelligenz" als Beleg an, statt eine Studie oder Fachquelle zu zitieren. Eine Bundestagsfraktion stellt damit eine anonyme, nicht überprüfbare Chatbot-Antwort argumentativ auf eine Stufe mit der fachlichen Methodik einer Bundesoberbehörde. Welches System mit welcher Anfrage befragt wurde, bleibt offen.

Auch die Behauptung, die "unrühmliche Rolle" des RKI während der Corona-Jahre sei "durch die Veröffentlichung der RKI-Protokolle zweifelsfrei nachgewiesen", hält einer Prüfung nicht stand. Die mehr als 2.000 Seiten umfassenden Protokolle des RKI-Krisenstabs aus den Jahren 2020 und 2021 gab das Institut erst nach einer Klage des Journalisten Paul Schreyer über das Informationsfreiheitsgesetz heraus. Mimikama: RKI-Files-Skandal? Ein Faktencheck Eine erste, noch weitgehend geschwärzte Fassung erschien im März 2024, am 30. Mai 2024 folgte eine weitgehend ungeschwärzte Version. RKI: Stellungnahme zu extern veröffentlichten Datensätzen mit Krisenstabsprotokollen

Ein Faktencheck von Mimikama vom 26. März 2024, der sich noch auf diese erste, geschwärzte Fassung bezieht, kommt zu dem Schluss, dass gerade die zentrale Behauptung, das RKI habe seine Risikoeinstufung im März 2020 auf externen politischen Druck hin geändert, unbelegt ist: Hinter der im Protokoll geschwärzten Textstelle steht ein RKI-Mitarbeiter, kein politischer Auftraggeber, und die Hochstufung fiel zeitlich mit dem damaligen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen und der WHO-Pandemieerklärung zusammen. Mimikama: RKI-Files-Skandal? Ein Faktencheck Der Faktencheck zitiert dazu eine Klarstellung des RKI selbst: "Diese Diskussionen spiegeln den offenen wissenschaftlichen Diskurs wider, in dem verschiedene Perspektiven angesprochen und abgewogen werden. Einzelne Äußerungen im Rahmen solcher Diskussionen spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die dann abgestimmte Position des RKI wider."

Von einer "zweifelsfrei nachgewiesenen unrühmlichen Rolle" kann also keine Rede sein, zumindest nicht mit Blick auf den Druck-Vorwurf, den der Mimikama-Faktencheck widerlegt. Das schließt nicht aus, dass einzelne frühe Einschätzungen, etwa zur Maskenwirkung, mit besserer Datenlage im Lauf der Pandemie revidiert wurden, das ist der übliche wissenschaftliche Erkenntnisprozess und kein Beleg für politische Instrumentalisierung. Unabhängig davon sagt die Bewertung der Corona-Kommunikation auch inhaltlich nichts über die Qualität des seit 2023 etablierten, fachlich unabhängigen Hitzemortalitäts-Monitorings aus.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Dass Hitze nicht als Todesursache auf Totenscheinen erscheint und die RKI-Zahlen deshalb statistisch geschätzt werden, ist zutreffend und wird vom RKI offen kommuniziert, samt ausgewiesenem Prädiktionsintervall. Genau das macht die Schätzung aber nicht zu "Phantasiezahlen" oder "pseudowissenschaftlichem Humbug", sondern zur international etablierten Standardmethode der Übersterblichkeitsforschung. Weder der Verweis auf das ZDF, das dieselbe Methodik neutral und bestätigend beschreibt, noch der Verweis auf angeblich "zweifelsfrei nachgewiesenes" Fehlverhalten des RKI während der Corona-Jahre, dessen zentralen Druck-Vorwurf ein unabhängiger Faktencheck der RKI-Protokolle widerlegt, stützt den Vorwurf. Dass kältebedingte Todesfälle weltweit häufiger sind als hitzebedingte, ist zwar richtig, entkräftet aber nicht die Existenz der rund 12.500 aktuell für 2026 geschätzten Hitzetoten.