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Sind leere Gasspeicher eine Folge der Energiewende?

Was der Speicherverband selbst als Ursache nennt und warum Kernkraft kein Heizgas ersetzt

Irreführend
Inhalt

Was ist passiert?

Am 11. September 2026 veröffentlichte die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag eine Pressemitteilung mit der Überschrift "Drohende Gasspeicher-Leere im Februar 2027 zeigt fatale Folgen der Energiewende". Darin beruft sich Paul Schmidt, Leiter der AG Kernkraft der Fraktion, auf die Initiative Energien Speichern (INES), den Verband der deutschen Gas- und Wasserstoffspeicherbetreiber. Die Speicher seien zu 55 Prozent gefüllt. Selbst wenn sie im November 77 Prozent erreichten, könnten sie in einem sehr kalten Winter im Februar 2027 leer sein, dann müsse teures Gas auf dem Weltmarkt gekauft werden.

Daran knüpft die Mitteilung mehrere Sätze zur Energiepolitik. 56 Prozent der Wohnungen würden mit Gas beheizt, die CO2-Steuer verteuere das Gas zusätzlich. Deutschland sei "aus rein idiologischen Gründen" (Schreibweise im Original) abhängig von "unzuverlässiger und nicht grundlastfähiger Windkraft und Photovoltaik", mit der Kernkraft stünde eine grundlastfähige Technologie zur Verfügung. Die Fraktion fordert, die CO2-Steuer abzuschaffen und den Wiedereinstieg in die Kernkraft zu beschließen.

Geprüft wird hier die Überschrift: Zeigt der niedrige Speicherstand die Folgen der Energiewende?

Die Zahlen stimmen

Beim Speicherstand gibt es wenig zu korrigieren. Laut der Pressemitteilung von INES vom 8. September waren die Gasspeicher Anfang September zu rund 53 Prozent gefüllt, so wenig wie zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren nicht. Ein Jahr zuvor waren es rund 71 Prozent. Bis zum 1. November seien technisch noch rund 77 Prozent erreichbar. zdfheute nannte kurz darauf gut 54,5 Prozent, die 55 Prozent der Pressemitteilung passen dazu.

Auch das Winterszenario stammt von INES, ist dort aber nüchterner formuliert. Bei normalen Temperaturen reichen 77 Prozent, der Füllstand sinkt dann bis zum 1. April 2027 auf rund 38 Prozent. Erst in einem extrem kalten Winter wie 2010 reicht das Gas nicht: Im Januar und Februar 2027 käme es zu Unterdeckungen von bis zu 2 Terawattstunden im Monat (INES-Dokumentation, PDF), an einzelnen Tagen im Januar laut Pressemitteilung zu Unterdeckungen von über 25 Prozent. Von leeren Speichern im Februar ist in Presseberichten über die Mitteilung die Rede, etwa in der Überschrift bei zdfheute, im Text von INES selbst steht das so nicht.

Die 56 Prozent stimmen ebenfalls. Laut BDEW werden 56,1 Prozent der Wohnungen mit Gas beheizt, Biomethan und Flüssiggas eingerechnet. Und der CO2-Preis verteuert Gas tatsächlich. Gegenüber 2025 fällt der Aufschlag 2026 aber klein aus: Bei einem Preis von 65 Euro je Tonne sind es laut Deutscher Emissionshandelsstelle 0,22 Cent je Kilowattstunde mehr.

Was der Speicherverband als Ursache nennt

INES erklärt den niedrigen Stand selbst, und zwar anders als die AfD. "Insbesondere die infolge der Sperrung der Straße von Hormus gestiegenen Gaspreise und der teilweise sogar negative Sommer-Winter-Spread erschweren die Speicherbefüllung", heißt es in der Pressemitteilung. Die Dokumentation nennt zusätzlich die hohen Ausspeicherungen zum Ende des Winters 2025/26.

Dahinter steht das Geschäftsmodell der Speicher. Händler kaufen Gas im Sommer und verkaufen es im Winter, das rechnet sich nur, wenn Sommergas billiger ist als Wintergas. Ist der Abstand zu klein oder sogar negativ, fehlen dem Markt laut INES "jegliche ökonomischen Anreize zur Einspeicherung". Wie stark die Preise gestiegen sind, beschreibt der WDR: Eine Megawattstunde Gas kostet derzeit mehr als 70 Euro, vor Beginn des Iran-Kriegs waren es gut 30 Euro. Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, sagte dort: "Wir haben jetzt schon etwas mehr Gas in den Speicher als wir im gesamten letzten Winterhalbjahr aus den Speichern entnommen haben." Die Bundesregierung betont laut Parlamentsnachrichten des Bundestags, die Befüllung sei "grundsätzlich eine Aufgabe der Gashändler".

Energiewende, Windkraft, Photovoltaik, CO2-Preis oder Atomausstieg führt INES in Pressemitteilung und Dokumentation nicht als Ursache an. Die AfD übernimmt vom Verband die Zahlen und setzt eine eigene Erklärung daneben.

Für denselben Befund hatte die Fraktion schon einmal eine andere Ursache. Im August machte Steffen Kotré eine verfehlte Sanktionspolitik verantwortlich. Damals lagen die Speicher EU-weit niedrig, was gegen eine rein deutsche Ursache sprach.

Was Kernkraft und CO2-Preis damit zu tun haben

Die Forderungen der Pressemitteilung zielen auf die Stromerzeugung. Der größte Teil des Gases wird in Deutschland aber für Wärme und in der Industrie gebraucht. Nach den vorläufigen Zahlen des BDEW lag der Erdgasverbrauch 2025 bei 875,3 Milliarden Kilowattstunden. Davon entfielen 296,3 auf die Industrie (einschließlich Industriekraftwerken), 265,1 auf Haushalte, 114,3 auf Gewerbe, Handel und Dienstleistungen und 67,7 auf die Fernwärme. Die Stromversorgung kam auf 118,6 Milliarden Kilowattstunden. Haushalte und Gewerbe verbrauchten also zusammen mehr als dreimal so viel Gas wie die Stromversorgung.

Kernkraftwerke könnten einen Teil der Gaskraftwerke verdrängen. Die Gasheizungen in den 56 Prozent der Wohnungen, die die Pressemitteilung selbst anführt, ersetzen sie nicht. Deren Gasbedarf im Winter bliebe derselbe.

Beim CO2-Preis fehlt der Zusammenhang zur Speicherfrage ganz. Er macht Gas für Verbraucher teurer, doch keine der Quellen bringt ihn mit der Befüllung der Speicher in Verbindung, auch INES nicht.

Wo die Mitteilung einen Punkt hat

Ganz unabhängig voneinander sind Wind und Gas nicht. Der BDEW schreibt, das "ungünstige Winddargebot von Januar bis April" 2025 habe für eine geringe Stromerzeugung aus Windkraft gesorgt, "die u. a. durch den Mehreinsatz von Gaskraftwerken kompensiert wurde". Die Stromerzeugung aus Erdgas lag 5,8 Prozent über dem Vorjahr. In windarmen Monaten verbrennen Kraftwerke also mehr Gas. Wie viel das zum heutigen Speicherstand beigetragen hat, beziffert keine der Quellen. Derselbe Bericht nennt als zweiten Grund für den höheren Verbrauch die kühleren Temperaturen, die die Nachfrage nach Gas für Raumwärme sichtbar steigen ließen.

Und der Befund selbst ist ernst. Die Speicher sind so leer wie seit 15 Jahren nicht zu diesem Zeitpunkt, und in einem sehr kalten Winter reicht das Gas nach den Rechnungen von INES nicht aus. Auf dieses Risiko hinzuweisen ist berechtigt.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Speicherstand, Winterszenario und Beheizungsstruktur gibt die Pressemitteilung richtig wieder, und das Risiko für einen sehr kalten Winter ist real. Die Überschrift hängt diesen Zahlen aber eine Ursache an, die der zitierte Verband nicht nennt. INES führt den niedrigen Füllstand auf die Sperrung der Straße von Hormus, gestiegene Gaspreise, den fehlenden Preisabstand zwischen Sommer und Winter und die hohen Ausspeicherungen im vergangenen Winter zurück. Auch die Forderungen treffen das Problem nicht: Kernkraftwerke ersetzen kein Heizgas, und Haushalte und Gewerbe verbrauchen mehr als dreimal so viel Gas wie die Stromversorgung. Einen Zusammenhang zwischen CO2-Preis und Speicherbefüllung stellt keine der Quellen her.