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Stand: 28.07.2026

Dara zum CSD-Anschlag: Putin gebe die Anschläge für die AfD in Auftrag

Irreführend

Link Beschreibung

Vierundzwanzigminütiges Video vom 27.07.2026, zwei Tage nach dem Anschlag auf den Berliner CSD. Titel: "Neue BEWEISE! Die AfD-Putin-Verbindung Zum An$chlag Beim CSD-Berlin!" Dara Marc Sasmaz, nach eigenen Angaben im Video Social-Media-Berater, der unter anderem die Partei Die Linke im Bundestag berät, führt darin aus, die AfD stecke "über ein paar Ecken" hinter islamistischen Anschlägen in Deutschland und Putin gebe diese Anschläge in Auftrag.

Der Kanal hatte zum Abrufzeitpunkt rund 194.000 Abonnenten, das Video rund 70.000 Aufrufe. Das Video endet mit einem Spendenaufruf für Die Linke ("bisher 142.000 Euro") mit Blick auf die Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Im Video selbst räumt Dara die zentrale Unsicherheit seiner Behauptung ein: Ob die russische Regierung den IS beauftragt habe, "das kann man natürlich jetzt noch nicht beweisen", und die eigentliche Schlusskette leitet er mit "setzen uns den Aluhut auf" ein. Der Titel verspricht dagegen "Neue BEWEISE" für eine direkte Putin-AfD-Anschlagsverbindung. Diese Lücke zwischen Titelversprechen und eigenem Eingeständnis ist der Kern des Problems, unabhängig davon, wie viele der einzelnen Bausteine zutreffen.

Die im Video verwendeten Belege liegen auf drei unterschiedlichen Ebenen, die im Video selbst vermischt werden.

Belegte Einzelfakten: Die AfD-Russland-Kontakte, die Dara zeigt, sind dokumentiert, etwa der Empfang von Tino Chrupalla durch den russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau im Dezember 2020 (Tagesspiegel: Warum der russische Außenminister Lawrow Politiker der AfD empfing) oder die pro-russische Haltung Markus Frohnmaiers zur Krim, der schon nach der Annexion 2014 von einem "Erringen der Unabhängigkeit von der Ukraine" sprach und seither vielfache Kontakte ins russische Umfeld pflegt (CORRECTIV: AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier, zwischen Moskau und MAGA). Auch die AfD-Kontakte zu den Taliban lassen sich belegen: Im September 2025 reiste eine von einem AfD-Bundestagsmitarbeiter begleitete Gruppe rechter Aktivisten nach Afghanistan, organisiert unter anderem vom AfD-Funktionär Marius Kaul, offiziell um Afghanistan als "sicheres Herkunftsland" für Abschiebungen darzustellen (Antifaschistisches Infoblatt: Rechte Propagandareise zu den Taliban). Auch dass der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Maximilian Gerner sich öffentlichkeitswirksam als Bewerber bei den Taliban inszenierte, ist belegt, wobei er nach eigener Angabe tatsächlich um Praktikumsstellen bei afghanischen Konsulaten warb, um Kontakte für Abschiebungen zu knüpfen (Volksverpetzer: AfD unterstützt Terroristen in Deutschland?). Dara nennt Gerner im Video fälschlich einen nordrhein-westfälischen Abgeordneten, tatsächlich sitzt er im baden-württembergischen Landtag. Maximilian Krah hat sich zudem für einen "Modus vivendi" mit "konservativen Muslimen, die bereits länger in Deutschland leben" ausgesprochen, eine Position, die er selbst als "sicher untypisch" für die AfD bezeichnete (Telepolis: AfD-Strategiedebatte, Islamisten als Bündnispartner gegen Queers und Liberale?). Das ist kein wörtliches Bekenntnis zur Zusammenarbeit mit Islamisten, wie Dara es darstellt, sondern eine mit Einwanderungskritik begründete Koexistenzposition, die trotzdem zeigt, wie durchlässig die AfD-Rhetorik gegenüber konservativ-religiösen Kräften ist.

Unbelegte oder bestrittene Einzelbehauptungen: Die These, das Bekennerschreiben der linksextremen "Vulkangruppe" zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz sei ein aus dem Russischen rückübersetzter Text im Rahmen einer False-Flag-Aktion, ist nach Recherchen von CORRECTIV nicht belegt. Sie ist auf der Faktenfackel bereits geprüft: Die linguistische Analyse, die russische Übersetzungsspuren im Schreiben gefunden haben will, steht im Widerspruch zu den Ermittlungsergebnissen, und die angebliche Distanzierung einer "echten" Vulkangruppe trägt die False-Flag-Deutung ebenfalls nicht. Der Vizepräsident der Berliner Polizei, Marco Langner, wies Vermutungen über eine russische Beteiligung öffentlich zurück: "Darauf gibt es bislang gar keine Hinweise", die Prüfungen wiesen "sehr deutlich" auf die Vulkangruppe hin. Nicht veröffentlichte, CORRECTIV aber bekannte Analysen von Bundesamt für Verfassungsschutz und Berliner Landeskriminalamt kommen laut der Recherche zum selben Ergebnis: Stil und Begrifflichkeiten des Bekennerschreibens passten zu früheren Vulkangruppen-Texten, insbesondere zu Schreiben aus den Jahren 2024 (Anschlag auf das Tesla-Werk in Grünheide) und 2025 (Anschlag auf ein Trafohäuschen in einem Berliner Villenviertel). Belastbare Hinweise auf eine ursprünglich russischsprachige Verfassung des Textes fanden die Verfassungsschützer nicht, auch eine anschließende russische Propagandakampagne blieb aus. Der Berliner Staatsschutz schränkt sogar ein, die Verfasser des aktuellen Schreibens gehörten "offenbar nicht zu den Vulkangruppen aus den 2010er Jahren", es dürfte sich eher um eine Nachahmung handeln (CORRECTIV: Nach dem Blackout in Berlin, wer sind die Vulkangruppen?). Einzig der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter äußerte gegenüber der Welt die gegenteilige Vermutung, eine Sprachanalyse zeige, die Rückübersetzung ins Russische ergebe eine "viel bessere Sprache" als das "holprige" Deutsch des Originals, eine Einschätzung, die den behördlichen Analysen widerspricht. Die von Dara angeführte gleichnamige russische Hackinggruppe wird von keiner der recherchierten Quellen mit dem Bekennerschreiben in Verbindung gebracht, der Gruppenname bezieht sich stattdessen auf den isländischen Vulkanausbruch von 2010. Die von der AfD gestellte Anfrage zur Netzstabilität kurz vor dem Stromausfall enthielt laut ZDF-Faktencheck zudem keine sensiblen Detailinformationen, die eine Sabotage erleichtert hätten. Umgekehrt hat die AfD denselben Anschlag ihrerseits verwertet, indem Markus Frohnmaier Berlin ein Versagen "auf dem linken Auge" vorwarf, was wir ebenfalls als irreführend bewertet haben (ZDFheute: Stromausfall, was ist dran an AfD- und False-Flag-Gerüchten?). Die Zahl von rund 7.000 sicherheitsrelevanten Kleinen Anfragen der AfD seit 2020 in den Landesparlamenten stammt aus einer Auswertung des Spiegel und ist als Zahl zutreffend (Hasepost: Analyse, AfD dominiert sicherheitsrelevante Anfragen in Landesparlamenten), der von Dara gezogene Schluss auf gezielte Informationsbeschaffung für Russland ist damit aber nicht belegt. Das Bundeskriminalamt registrierte laut einem vertraulichen, von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ausgewerteten Lagebild 321 Sabotage-Verdachtsfälle im Jahr 2025 (WDR/Presseportal: Vertrauliche BKA-Analyse zählt mehr als 320 Sabotage-Verdachtsfälle in 2025), die von Dara genannte Größenordnung ("über 300") ist damit zutreffend referiert. Sie erfasst allerdings alle registrierten Sabotage-Verdachtsfälle, nicht nur mutmaßlich russische: Hinter lediglich einem Teil dieser Vorfälle vermuten die Sicherheitsbehörden staatliche russische Stellen. Ein Zusammenhang mit der AfD oder mit dem CSD-Anschlag ergibt sich daraus nicht. Dass 2026 ein Spendennetzwerk für den IS strafrechtlich aufgearbeitet wurde, ist ebenfalls dokumentiert: Vier russische Staatsangehörige tschetschenischer Herkunft wurden vom Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg verurteilt, weil sie zwischen Frühsommer 2022 und Juli 2024 Gelder für den IS gesammelt und an IS-Mitglieder in Syrien, der Ukraine und Afghanistan weitergeleitet hatten (CORRECTIV: IS-Finanzierung, vier Tschetschenen verurteilt), eine Verbindung dieses Netzwerks zum CSD-Anschlag oder zu russischer Auftragsvergabe an den Attentäter ist damit aber nicht hergestellt. Zu verdächtigen Suchanfragen aus Russland vor dem Anschlag in Mannheim 2024, darunter nach dem Tatort, nach Webcams und nach dem späteren Opfer Michael Stürzenberger, gibt es tatsächlich eine Recherche des ZDF mit dem Internet-Profiler Steven Broschart. Der Artikel selbst stellt aber klar, dass diese Funde "keine Beweise" für eine russische Urheber- oder Mittäterschaft seien, sondern allenfalls einen möglichen Ermittlungsansatz liefern (ZDFheute: Verdächtige Suchanfragen aus Russland? Behörden reagieren).

Die unbelegte Kausalkette: Aus einzelnen belegten AfD-Russland- und AfD-Taliban-Kontakten sowie mehreren nicht belegten oder ausdrücklich widerlegten Einzelbehauptungen konstruiert das Video eine durchgehende Befehlskette von Putin über den IS bis zum Attentäter des CSD-Anschlags. Der von Dara präsentierte Zeitstrahl, wonach islamistisch motivierte Anschläge stets kurz vor Wahlen stattfinden (Mannheim vor der Europawahl, Solingen vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen, München vor der Brandenburg-Wahl, Magdeburg vor der Bundestagswahl), trägt bei genauerem Blick auf den Fall Magdeburg nicht: Der Täter des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 war kein Islamist, sondern ein radikaler Islamkritiker und ehemaliger Muslim, der öffentlich Sympathien für die AfD zeigte und laut Verfassungsschutz zuvor selbst Kontakt zur AfD-Jugendorganisation Junge Alternative gesucht hatte (taz: Anschlag auf Weihnachtsmarkt, Magdeburg-Täter suchte Kontakt zur AfD-Jugend). Damit fällt der prominenteste Fall aus dem angeblichen Muster "islamistischer Anschlag begünstigt die AfD" heraus, er passt eher in die entgegengesetzte Richtung. Auch die von Dara selbst genannten Einordnungszahlen (33 islamistisch motivierte Anschläge 2017 in ganz Europa, in Deutschland seit 2015 im Schnitt einer alle zwei Jahre) sollen ausdrücklich vor Panikmache warnen und stehen damit quer zu seiner eigenen Zuspitzung. Der ZDF-Faktenfinder hat die zirkulierenden Behauptungen zu einer russischen Beteiligung am CSD-Anschlag am selben Tag geprüft und dabei den Sicherheitsexperten Hans-Jakob Schindler zitiert, wonach "absolut keine Hinweise" auf eine Beteiligung Russlands oder russischer Stellen vorlägen. Der Beitrag beschreibt einen anonymen, "bei den Linken aktiven Polit-Youtuber" mit rund 200.000 Abonnenten, der über Abonnentenzahl, Datum und Wortlaut eindeutig als Dara identifizierbar ist.

Fazit

Die Kernbehauptung, Putin beauftrage über den IS gezielt Anschläge zugunsten der AfD und sei "dabei auch schon erwischt" worden, ist irreführend. Sie verknüpft reale, belegte AfD-Russland- und AfD-Taliban-Kontakte mit mehreren unbelegten oder von Sicherheitsbehörden ausdrücklich widerlegten Einzelbehauptungen zu einer geschlossen wirkenden Kausalkette, die selbst Dara im Video als unbeweisbar bezeichnet ("Aluhut"). Der Titel des Videos verspricht dagegen "Neue BEWEISE", die weder im Video selbst noch in der Faktenfackel-Recherche auffindbar sind.

Verwendungen

Weitere Quellenlinks