Link Beschreibung
Facebook-Reel von Maurice Höfgen (219K Views, 4,1K Likes). Höfgen reagiert auf ein Nius-Video, in dem das rechte Nachrichtenportal versucht, Heidi Reichinnek (Die Linke) "durch den Kakao zu ziehen". Reichinnek hatte darauf hingewiesen, dass sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf seit 1970 um den Faktor 2,4 verbessert hat, aber immer weniger Menschen von ihrem Lohn und ihrer Rente leben können. Nius erklärt dies mit dem gesunkenen Verhältnis zwischen Spitzensteuersatz-Schwelle und Durchschnittslohn (von 10:1 auf 1,57:1). Höfgen widerlegt diese Erklärung in drei Punkten: Erstens betreffe der Spitzensteuersatz nur 4 Millionen Personen mit einem zu versteuernden Einkommen über 68.000 Euro, also nicht die breite Mehrheit. Zweitens hängen Renten von Bruttolöhnen ab, nicht von Nettolöhnen, weshalb der Steuersatz irrelevant ist. Drittens sei die eigentliche Ursache die Entkopplung von Durchschnittslöhnen und Wirtschaftsleistung, die Absenkung des Rentenniveaus von 53 auf 48 Prozent und die wachsende Einkommensungleichheit.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die von Nius gezeigte Grafik zum Verhältnis zwischen Spitzensteuersatz-Schwelle und Durchschnittslohn ist historisch korrekt: 1970 musste man tatsächlich rund das Zehnfache des Durchschnittslohns verdienen, um den Spitzensteuersatz zu zahlen, während das Verhältnis heute bei etwa 1,5 bis 1,6 liegt. Allerdings ist Höfgens Kritik berechtigt, dass Nius damit das Rentenproblem falsch erklärt.
Höfgens Gegenargumente sind fundiert: Der Spitzensteuersatz von 42 % greift 2025 ab einem zu versteuernden Einkommen von 68.481 Euro, was nur Spitzenverdiener betrifft, nicht die breite Mitte. Zudem ist die Unterscheidung zwischen Brutto- und Nettolöhnen für die Rentenberechnung zentral: Renten werden auf Basis der Bruttolöhne berechnet, der Einkommensteuersatz spielt dafür keine Rolle.
Die Kernthese, dass Durchschnittslöhne langsamer gestiegen sind als die Wirtschaftsleistung pro Kopf, wird durch Daten des Statistischen Bundesamts bestätigt. Die Arbeitseinkommensquote fiel von rund 85 % (1950er Jahre) auf etwa 75 % (2016), was die sinkende Beteiligung der Arbeitnehmer am Wirtschaftswachstum belegt.
Die Absenkung des Rentenniveaus von rund 53 % auf 48 % ist ebenfalls belegt. Laut Bundeszentrale für politische Bildung lag das Rentenniveau in den 1970er Jahren bei über 55 %, erreichte 1977 mit 59,8 % den Höchststand und sank seitdem kontinuierlich. Das Rentenpaket II stabilisierte das Niveau Ende 2025 bei 48 Prozent. Gewerkschaften wie ver.di fordern ein Niveau von mindestens 53 %, um die Lebensstandardsicherung zu gewährleisten.
Höfgens Schlussfolgerung, dass Nius die Zusammenhänge falsch darstellt, um "für die Interessen von Rechten und Reichen" zu kämpfen, ist eine politische Wertung, die über die reine Faktenebene hinausgeht. Seine drei sachlichen Gegenargumente (Spitzensteuersatz betrifft nur wenige, Renten hängen vom Brutto ab, Lohn-Produktivitäts-Entkopplung ist die wahre Ursache) sind jedoch durch Daten belegt.
Fazit
Höfgens Faktenkritik an der Nius-Darstellung ist in allen wesentlichen Punkten korrekt. Die Erklärung des Rentenproblems über den Spitzensteuersatz greift zu kurz; die tatsächlichen Ursachen liegen in der Entkopplung von Löhnen und Wirtschaftsleistung sowie der politisch gewollten Absenkung des Rentenniveaus.
