Am 12. Oktober 2026 trat Bärbel Bas als Bundesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende zurück. Nach einer dpa-Meldung bei t-online begründete sie das unter anderem mit dem Tod ihrer Stieftochter und erklärte, in dieser Zeit seien öffentliche Angriffe auf sie "leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners" weiter forciert worden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) schrieb daraufhin auf X, die Attacken der CDU seien "unmenschlich und rücksichtslos" gewesen.
Am selben Tag traten Friedrich Merz und CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann nach Beratungen der Parteispitze in Berlin vor die Presse. Merz antwortete auf eine Frage zu Schwesigs Vorwurf, Hoppermann ergänzte ihn. Die dpa gibt sie mit den Worten wieder:
"... dass diese moralischen Appelle sich auch gerne an die SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen richten können, die gegen die krebskranke Ministerin Ina Scharrenbach einen Untersuchungsausschuss angestrengt ..."
Wörtlich überliefert ist dieser Nebensatz. Den Anfang und das Ende des Satzes geben die Berichte in indirekter Rede wieder.
Faktenfackel Bewertung
Den Nebensatz zitieren die dpa-Meldung bei t-online und eine Meldung von dpa-AFX bei onvista wortgleich. Zwei weitere Berichte bauen Teile davon in eigene Sätze ein, der Liveblog von ZDFheute und ein Bericht von t-online aus der Pressekonferenz. In beiden stehen "moralischen Appelle" und "gegen die krebskranke Ministerin Ina Scharrenbach einen Untersuchungsausschuss angestrengt" in Anführungszeichen, bei t-online außerdem "auch gerne an die SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen richten". Eine Aufzeichnung der Pressekonferenz lag für diese Prüfung nicht vor.
Worauf Hoppermann verweist, gibt es. Der nordrhein-westfälische Landtag beschloss im Juni 2026 auf Antrag der SPD-Fraktion einen Untersuchungsausschuss zu den Mobbingvorwürfen gegen die CDU-Ministerin Ina Scharrenbach, wie eine dpa-Meldung bei news.de berichtet. Er ist also nicht nur angekündigt, wie es in der dpa-Meldung vom 12. Oktober heißt. Ihre Krebserkrankung hat Scharrenbach laut taz selbst in einem Interview öffentlich gemacht. Sie räumte nach dem dpa-Bericht Fehler ein und wies den Vorwurf des Mobbings zurück.
Schwesig hatte der CDU vorgeworfen, Bas trotz ihrer persönlichen Lage angegriffen zu haben. Ob das zutrifft, lässt Hoppermanns Satz offen. Er nennt stattdessen ein Verhalten der SPD in einem anderen Bundesland und in einem anderen Vorgang. Das ist das Muster des Whataboutism: Auf den Vorwurf folgt ein Gegenvorwurf, und der ursprüngliche Punkt bleibt unbeantwortet. Warum ein Ausschuss, der Vorwürfe zur Amtsführung einer Ministerin untersucht, mit Angriffen auf eine trauernde Ministerin vergleichbar sein soll, begründet der Satz nicht. Die Frage nach zweierlei Maß darf man stellen. Sie ersetzt aber nicht die Antwort darauf, wie die CDU mit Bas umgegangen ist.
Der Satz stand nicht allein. Merz hatte den Vorwurf unmittelbar davor in der Sache zurückgewiesen: Er habe "von meiner eigenen Partei jede persönliche, auch christliche Rücksichtnahme auf sie eingefordert" und könne nicht feststellen, dass die CDU dagegen verstoßen habe. Hoppermann selbst fügte laut t-online hinzu: "Das Ministerium hat drei verbeamtete Staatssekretäre und 1.400 Mitarbeiter. Unsere Kritik auch über die Sommerpause war, dass wir auf einen Gesetzentwurf aus diesem Haus warten." Gemeint ist der Entwurf zur Rentenreform. Das ist ein Argument zur Sache, denn es beschreibt, worauf sich die Kritik der Union an Bas bezogen habe.
Fazit
Der Satz ist ein Whataboutism, weil er einen Vorwurf an die CDU mit einem Vorwurf an die SPD beantwortet. Sachlich stimmt, was Hoppermann anführt: Den Untersuchungsausschuss hat die SPD-Fraktion durchgesetzt, und Scharrenbachs Erkrankung ist öffentlich bekannt. Die CDU-Spitze hat in derselben Pressekonferenz auch inhaltlich geantwortet, nur dieser Satz tut es nicht. Ob Schwesigs Vorwurf berechtigt ist, haben wir nicht geprüft.