Link Beschreibung
Die Hessenschau berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Gießen Anklage gegen Kevin Dorow erhoben hat. Er soll am 29. November 2025 bei der Gründung der Generation Deutschland die Hitlerjugend-Parole "Jugend muss durch Jugend geführt werden" verwendet haben. Dorow weist den Vorwurf zurück und beruft sich auf die Wandervogelbewegung.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Dorow ist angeklagt, verurteilt ist er nicht. Der Gießener Anzeiger zitiert Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger ausdrücklich mit dem Hinweis auf die Unschuldsvermutung. Ob der Satz den Tatbestand des § 86a StGB (Verwenden von Kennzeichen einer ehemaligen NS-Organisation) erfüllt, muss das Amtsgericht klären; es entscheidet zunächst, ob es das Hauptverfahren eröffnet. Einen Termin gibt es laut Hessenschau noch nicht.
Geprüft werden kann dagegen Dorows Verteidigung. Er sagt, der Satz stamme aus der Wandervogelbewegung, die älter sei als Nationalsozialismus und Hitlerjugend, und er sehe keinen Grund, sich davon zu distanzieren (Hessenschau). Die Staatsanwaltschaft hält ihn für eine von der Hitlerjugend allgemein bekannte Propaganda-Parole, die unter anderem Adolf Hitler und Baldur von Schirach mehrfach zitiert hätten.
Für die Wandervogel-Herkunft fand sich kein Beleg. Die Berliner Zeitung schreibt in einem Bericht vom 8. August 2025, Björn Höcke verweise für den Satz auf die Bündische Jugend der Weimarer Zeit. Die Hitlerjugend habe ihn übernommen und zu einem zentralen Propagandamotto gemacht, was Höcke nicht erwähne. t-online beschreibt den Gedanken als Grundsatz der Bündischen Jugend und später der Hitlerjugend. Der Historiker Gideon Botsch von der Universität Potsdam nennt Höckes Bezug laut Berliner Zeitung eine bewusste Verharmlosung, weil der Satz untrennbar mit der NS-Propaganda verbunden sei. Auch der Zeithistoriker Marc Buggeln von der Universität Flensburg hält ihn laut Gießener Anzeiger für nationalsozialistisch geprägt, wegen des darin steckenden Führerbegriffs.
Einen wahren Kern hat die Verteidigung allerdings: Der Gedanke, dass Jugendliche sich selbst gestalten und verantworten, ist älter als die Hitlerjugend. Arno Klönne beschreibt in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung (Aus Politik und Zeitgeschichte, 1960), wie der Nationalsozialismus den Anspruch der Freideutschen Jugend von 1913 auf eigene Gestaltung und Verantwortung in das Prinzip umdeutete, Jugend müsse von Jugend geführt werden. Nach Klönne war dieses Prinzip in der Hitlerjugend leer, die Führer blieben von der Parteihierarchie abhängig. Vor 1933 ist der Grundsatz laut t-online und Berliner Zeitung in der Bündischen Jugend belegt, nicht im Wandervogel. Als Parole bekannt wurde er durch die Hitlerjugend, die ihn übernommen und zum zentralen Motto gemacht hat. Dorows Verteidigung lässt genau diese Übernahme weg, wie laut Berliner Zeitung auch Höcke.
Zur Einordnung der Rede gehört der Höcke-Bezug. Dorow zitierte in seiner Rede laut Berliner Zeitung Höcke, der den Satz am 1. August 2025 in einem Social-Media-Beitrag verwendet hatte (Berliner Zeitung).
Parteiintern gab es Folgen, aber keinen Ausschluss. Der AfD-Bundesvorstand zog das im Februar 2026 eingeleitete Ausschlussverfahren wieder zurück. Dorow gab seinen Sitz im Landesvorstand der AfD in Schleswig-Holstein und im Bundesvorstand der Generation Deutschland ab, eine zweijährige Ämtersperre ist vorgesehen, Mitglied bleibt er (zdfheute, 24. März 2026).
Fazit
Dorows Behauptung, der Satz stamme aus der Wandervogelbewegung und sei deshalb unbedenklich, ist irreführend. Richtig ist, dass der Gedanke einer von Jugendlichen selbst geführten Jugend älter ist als die Hitlerjugend und der Grundsatz schon in der Bündischen Jugend der Weimarer Zeit vorkam. Eine Wandervogel-Herkunft ist nicht belegt, und die Hitlerjugend hat den Satz zur bekannten Parole gemacht, was die Verteidigung verschweigt. Ob die Verwendung strafbar ist, entscheidet das Gericht; bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.
