Quelle

Martin Sichert

AfD-Bundestagsabgeordneter (seit 2017), gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion; mehrfach dokumentierte Falschbehauptungen zu Corona-Impfungen und Migration.

Bildquelle: ©Michael Lucan, CC BY-SA 3.0 DE (Wikimedia Commons)
Bildquelle: ©Michael Lucan, CC BY-SA 3.0 DE (Wikimedia Commons)

Über die Quelle

Martin Sichert (* 10. Juni 1980 in Nürnberg) ist Diplom-Kaufmann; er studierte von 1999 bis 2006 Betriebswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Vor seinem Eintritt in die AfD 2013 war er bei den Jungen Liberalen (2001 bis 2004), kurzzeitig SPD-Mitglied (2008) und Mitglied der FDP (2009 bis 2012) (Wikipedia: Martin Sichert). Von November 2017 bis September 2019 war er Landesvorsitzender der AfD Bayern. Seit 2017 sitzt er für die AfD im Deutschen Bundestag (19., 20. und 21. Wahlperiode), aktuell über die Landesliste Niedersachsen für den Wahlkreis Friesland-Wilhelmshaven-Wittmund. Seit Oktober 2021 ist er gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag und Mitglied des Gesundheitsausschusses sowie des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe (Bundestag: Biografie). Seit 2024 ist er zudem Kreisvorsitzender der AfD Friesland-Wittmund.

Sichert hat eine mehrfach dokumentierte Geschichte von Falschbehauptungen, vor allem zu Corona-Impfungen. Im November 2021 behauptete er im Bundestag, seit Februar seien mehr Jugendliche an der Impfung gestorben als an Corona selbst, eine Aussage, die einem Faktencheck der Berliner Zeitung zufolge falsch war: Das Robert-Koch-Institut dokumentierte für den fraglichen Zeitraum mindestens 13 Covid-19-Todesfälle bei 10- bis 19-Jährigen, während das Paul-Ehrlich-Institut lediglich fünf Verdachtsmeldungen zu tödlichen Verläufen nach Impfung registrierte, ohne dass in einem dieser Fälle ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung als möglich oder wahrscheinlich eingestuft wurde. Im Dezember 2022 präsentierte er eine Auswertung von Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als Beleg für einen "drastischen Anstieg von ungeklärten Todesfällen" seit Beginn der Corona-Impfungen; CORRECTIV stufte die Behauptung als falsch ein: Abrechnungsdaten erfassen Behandlungsanlässe, keine Todesursachen, und die amtliche Todesursachenstatistik für 2021 zeigte keinen entsprechenden Anstieg (CORRECTIV: Warum die Analyse der KBV-Daten keinen Anstieg von Todesfällen belegt). Im August 2023 wies die DAK eine weitere Behauptung Sicherts zurück, wonach Bundesländer mit hoher Impfquote wie Bremen, Hamburg oder Berlin die höchsten Zunahmen bei Krankschreibungen aufwiesen; die Kasse erklärte, das lasse sich weder aus ihren eigenen Daten ableiten noch stimme die Länderauswahl mit den tatsächlich am stärksten betroffenen Bundesländern überein (DAK: Faktencheck zu Veröffentlichungen der AfD-Bundestagsfraktion).

Das Muster setzt sich 2026 in gesundheits- und migrationspolitischen Pressemitteilungen fort: seine Behauptung, der Bund verschweige die Migrationskosten im Gesundheitssystem, stufte die Faktenfackel-Redaktion im Mai 2026 als irreführend ein, ebenso seine Forderung nach einem sofortigen Moratorium für Pubertätsblocker im April 2026. In beiden Fällen sind die zitierten Einzeldaten weitgehend korrekt, die daraus gezogene Schlussfolgerung aber nicht durch die Daten gedeckt.

Im September 2022 sorgte eine Bundestagsrede für Kontroverse, in der Sichert beklagte, "ukrainische Nobelkarossen" stünden vor deutschen Zahnarztpraxen, während sich viele Deutsche die Grundversorgung nicht mehr leisten könnten. Gesundheitsminister Karl Lauterbach reagierte mit dem Vergleich, "genau so haben Nazis hier im Haus über Juden gesprochen" (t-online: Karl Lauterbach vergleicht AfD-Abgeordneten mit Nazis); Sichert erstattete daraufhin Anzeige gegen Lauterbach wegen Verharmlosung des Holocaust.

Aktuell ist Sicherts Kandidatur für das Landratsamt im Landkreis Friesland zur Kommunalwahl am 13. September 2026 umstritten: Der Kreiswahlausschuss lehnte sie am 21. Juli 2026 wegen Zweifeln an seiner Verfassungstreue ab (dazu bereits unsere Einordnung des Falls). Am 5. August 2026 stellte Sichert beim Verwaltungsgericht Oldenburg einen Eilantrag gegen den Ausschluss (Az. 6 B 4195/26); das Verfahren läuft schriftlich, eine Entscheidung wird vor dem Wahltermin erwartet. Der Rechtsstreit hat in mehreren Gemeinden bereits den Versand der Briefwahlunterlagen verzögert (NWZ: Eilantrag in Friesland).

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Als Bundestagsabgeordneter und Fraktionssprecher ist Sichert eine relevante Quelle für Aussagen zur AfD-Politik in Gesundheits- und Migrationsfragen; seine Mandatsausübung und öffentlichen Erklärungen sind dokumentiert und grundsätzlich überprüfbar. Zugleich zeigt sich über Jahre ein wiederkehrendes Muster: korrekte oder halb korrekte Einzeldaten, etwa aus amtlichen Statistiken, Kleinen Anfragen oder Studien, werden zu Schlussfolgerungen zugespitzt, die diese Daten nicht tragen. Das ist wiederholt und unabhängig voneinander von Faktenprüfern wie CORRECTIV und der Berliner Zeitung sowie von der DAK selbst bestätigt worden, betrifft schwerpunktmäßig sein eigenes Sprecherressort Gesundheitspolitik und wiederholt sich auch bei migrationspolitischen Themen. Sein Ausschluss von der Landratswahl in Friesland ist ein separater, rechtlich noch offener Vorgang, keine Bewertung seiner inhaltlichen Aussagen.

Fazit

Amtsträger mit einer über Jahre dokumentierten, wiederholt bestätigten Neigung, korrekte Einzeldaten zu irreführenden Gesamtaussagen zuzuspitzen, vor allem bei Corona-Impfungen und Migrationskosten. Zahlen- und Kausalitätsbehauptungen aus dieser Quelle sind grundsätzlich gegenzuprüfen.